WM-Final: Könige, Künstler, Krieger und Cruyff

Holland gegen Spanien. Vor 400 Jahren erbitterte Gegner, heute Brüder im Geiste. Ein WM-Final zwischen Seelenverwandten. Johan Cruyff hat die beiden Fussballvölker verbrüdert.

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François Schmid-Bechtel

Um gleich die Diskussion um die Urheberrechte des spanischen Wunderfussballs zu ersticken, hat sich Johan Cruyff zu Wort gemeldet. «Ich will nicht polemisieren», sagte die holländische Legende. «Schon gar nicht gegen Fernando Hierro. Aber so leid es mir tut, der Stil von Spanien ist der Stil von Barcelona.»

Dass dies sein eigener Stil ist, musste Cruyff nicht hinzufügen. Der Andalusier Fernando Hierro, Sportdirektor des spanischen Verbandes, hatte zuvor immer wieder betont, dass die «Selección» einen eigenen, spanischen Stil vertrete. Hintergrund dieser Aussage: Hierro wollte unterstreichen, dass die einst zerstrittene Vielvölker-Nationalmannschaft zu einer Einheit zusammengewachsen ist. Fussball-Experte Erich Vogel meint: «Spanien spielt den Fussball von Barcelona.

Real Madrid, die zweite Kraft in Spanien, pflegt einen ganz anderen Stil. Real spielt Tempo-Fussball, der auf die Schnelligkeit von Cristiano Ronaldo ausgerichtet ist.» Die Stilfrage führt zwangsläufig wieder zurück zu Cruyff. Nicht der heute 63-Jährige steht am Ursprung der holländisch-spanischen Fussballideologie, sondern ein anderer Holländer, der 2005 im Alter von 77 Jahren verstorbene Rinus Michels. Doch bei Cruyff führen heute noch die holländischen und spanischen Fäden zusammen wie früher auf dem Spielfeld.

Krach mit dem Trainer

Rückblende: Lange galt Spanien als Aussenseiter in Europa. Nicht der peripheren Lage, sondern der von Diktator Franco verhängten Isolation wegen. Spanien schottete sich ab. Erst wenige Jahre bevor Franco 1975 starb öffneten die Spanier die Grenzen für ausländische Fussballer. 1971 wechselte Rinus Michels als Trainer zum FC Barcelona, wo «der General» mit seinen Vorstellungen von Disziplin und Taktik erst auf Ablehnung stiess. Erfolg feierte Michels erst, als Cruyff 1973 mit sechs Meistertiteln, vier Pokalsiegen und drei Meisterpokalsiegen mit Ajax im Gepäck nach Barcelona wechselte. 1974 feierte «Barça» den ersten Meistertitel nach 14 Jahren.

Und kurz darauf wechselte der dritte grosse Holländer in die katalanische Metropole, Johan Neeskens. Trotzdem verebbte die orange Welle in Barcelona, bevor sie richtig ins Rollen kam. Denn 1975 machte Michels dem deutschen Hennes Weisweiler Platz. Und mit diesem hatte Cruyff seine Mühe, wie Vogel erzählt. «Weissweiler proklamierte einen anderen Stil. Es kam zum Krach zwischen den beiden.» Das Aus für «Totaalvoetbal».

Ajax-Schule in Barcelona

Als Cruyff 1988 als Trainer nach Barcelona kam, galt Spanien nicht als Reservat des schönen Fussballs. Doch mit der Inthronisierung von Cruyff brach ein neues Zeitalter an. «Cruyff brachte als Trainer den holländischen Fussball nach Spanien», sagt der gebürtige Chilene Pedro Salazar, seit 14 Jahren im Management des holländischen Spitzenklubs PSV Eindhoven. Cruyff implantierte die Grundidee der Ajax-Schule, die auf Ballbesitz, Kurzpassspiel, Pressing und Positionswechsel basiert. Wobei unter Positionswechsel zu verstehen ist, dass alle Positionen jederzeit von unterschiedlichen Spielern besetzt sein müssen.

Obwohl «El Salvador» (der Retter) 1996 als Trainer zurücktrat, gilt seine Fussball-Philosophie im Camp Nou immer noch als Leitfaden. Josep Guardiola, der heutige Barça-Trainer, führte einst Regie in Cruyffs «Dream Team». Morgen im Final stehen mit Puyol, Piqué, Xavi, Iniesta, Busquets und Pedro wohl sechs Spieler vom spanischen Champion in der Startformation.
Während Holland unter Trainer Bert van Marwijk vom spektakulären Offensivspektakel abgekommen ist, zelebriert Spanien unbeirrt sein «Tiqui-taca» - dieses ewige Katz-und-Maus-Spiel mit kurzen Pässen, das auf den Gegner hypnotisch wirkt. «Die Holländer haben nur eine Chance, wenn sie schon im Mittelfeld statt erst in der Abwehr den Ball erobern. Nur so ist es möglich, Arjen Robben in Abschlussposition zu bringen», sagt Vogel. «Spanien ist näher am Totaalvoetbal als die Holländer», sagt Salazar. Trotzdem prophezeit er den aufregendsten Final der WM-Geschichte. «Denn die beiden Nationen sind seelenverwandt. Beide lieben den schönen, konstruktiven Fussball.»

Das verwundert nicht. Immerhin haben Holländer (Rembrandt, van Gogh) und Spanier (Picasso, Miró) auch ausserhalb des Rasens weltberühmte Künstler hervorgebracht. Weitere Berührungspunkte: Die Radsport-Begeisterung, die Königshäuser, der achtzigjährige Krieg von 1568 bis 1648, als sich die Republik der Sieben Vereinigten Niederlande ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone erkämpfte und natürlich die Windmühlen. Apropos Windmühlen.

Dieser Kampf geht am Sonntag für eines der beiden Teams - beide sind schon Europa-, aber noch nie Weltmeister geworden - zu Ende. Bleibt noch die Frage, ob Prinzessin Máxima unbeschwert das orange Fähnchen schwingen wird. Schliesslich hat die gebürtige Argentinierin spanische Wurzeln.

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