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WM: Die Pfeifenmänner sind am Anschlag

Khalil Al Ghamdi wird in der Schweiz wohl auf ewig zur unerwünschten Person erklärt. Aber der Saudi ist nicht der einzige Schiedsrichter, der an dieser WM unterirdisch gepfiffen hat.

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Die Pfeifenmänner sind am Anschlag
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Die Pfeifenmänner sind am Anschlag

François Schmid-Bechtel

Ganz so einfach ist es nicht, wie Ottmar Hitzfeld nach dem 0:1 gegen Spanien in seiner ersten Erregung den saudischen Schiedsrichter in den Senkel stellte. «So wie an einer Weltmeisterschaft die besten Mannschaften der Welt spielen, sollten auch die Schiedsrichter die besten sein. Und die sind, wegen der hohen Qualität des Fussballs dort, nun mal in Europa und Südamerika zu finden. Es bringt nichts, solche aufzubieten, die normalerweise am Strand pfeifen. Da ist die Fifa gefordert.»

Der mächtige Weltfussballverband indes betont, dass «man grundsätzlich sehr zufrieden ist mit den Leistungen. Fehler sind nur menschlich», sagt der Schiedsrichter-Kommissions-Chef José Maria Garcia-Aranda. Und die Fifa wird nicht müde, zu behaupten, die besten Referees der Welt bei der WM einzusetzen. Was der neuseeländische Captain Ryan Nelsen für einen schlechten Witz hält. «Wenn das die besten Schiedsrichter sind, die die Fifa zu bieten hat, will ich die schlechtesten nicht sehen.»

Al-Ghamdi war schon in seinem ersten Einsatz bei der Partie Frankreich - Mexiko (0:2) heillos überfordert. Wie im Spiel der Schweizer gegen Chile liess er jegliche Sensibilität für den Fussball ebenso vermissen wie eine klare Linie. Und zwar auf beiden Seiten. Al Ghamdi, da sind sich wohl alle einig, hat an einer WM so wenig verloren wie Behramis Arm am Hals von Vidal. Denn das grösste Übel Al-Ghamdis ist sein Hang zur Selbstdarstellung. Eine Todsünde im Schiedsrichterwesen. Es gibt noch andere dieser Art. Beispielsweise den Mexikaner Marco Rodriguez mit dem streng nach hinten gegelten Haar. Und Eddy Maillet von den Seychellen war einfach nur schlecht.

Also doch: Sind die Schiedsrichter aus fussballerischen Schwellenländern, wie Hitzfeld behauptet, unbrauchbar? Nein. Die Anti-These heisst Rawschan Irmatow. Irmatow wer? Richtig, der Mann war nicht aufgefallen und deshalb gut. Der 32-jährige Usbeke hat nicht nur das schwierige Eröffnungsspiel, sondern auch die Partie England gegen Algerien souverän geleitet. Und es wäre doch ziemlich vermessen zu behaupten, Irmatow würde in seiner Heimat ständig Fussball auf höchstem Niveau pfeifen.

Nicht nur Exoten pfeifen Müll

Und was ist mit den Unparteiischen aus den führenden Fussball-Ländern? Schon 2006 waren es die Star-Referees, die sich die grössten Böcke leisteten. Der Engländer Graham Poll zeigte dem Kroaten Josip Simunic drei gelbe Karten. Der Russe Valentin Iwanow sprach bei Portugal - Holland vier Platzverweise aus und zeigte acht gelbe Karten (Blatter: «Der Schiedsrichter hatte nicht das Niveau der Spieler»). Und 2010? Auch in Südafrika pfeifen nicht nur Exoten-Schiris einen Müll.

Der Franzose Stéphane Lannoy übersieht zweimal ein Handspiel von Luis Fabiano. Ausserdem verliert er in der hektischen Schlussphase der Partie Brasilien - Elfenbeinküste die Kontrolle und schickt Kaká aus unverständlichen Gründen vorzeitig in die Garderobe. Und auch Alberto Undiano hat bei Deutschland - Serbien einen zu kleinlichen Massstab angewendet und so das Spiel kaputtgepfiffen.

Mit der Verbannung der Exoten-Schiris ist das Problem nicht gelöst. Das sieht auch der Schweizer Schiedsrichter-Chef Urs Meier so. «Die gleiche Diskussion haben wir auch in Europa, wenn beispielsweise Massimo Busacca den Champions-League-Final pfeift. Das ist nicht das Problem», sagt ZDF-Experte Meier. «Es braucht eine Professionalisierung im Schiedsrichterwesen. Ausserdem muss ein Austausch zwischen den Kontinenten stattfinden.

Da soll ruhig auch mal ein Japaner in der europäischen Champions League oder ein Pole in der Copa Libertadores pfeifen, um die Mentalität besser kennen zu lernen.» Was Meier an dieser WM am meisten ärgert, ist die kleinliche Art, wie einzelne Schiedsrichter pfeifen. «Wenn man den Charakter des Spiels spürt, und das muss man auf diesem Niveau können, kann man viel mehr laufen lassen.» Wie Al Ghamdi, dem Meier in der Situation, die zu Behramis Ausschluss geführt hat, kein Fingerspitzengefühl attestiert. «Al Ghamdi hätte die Aktion früher unterbrechen müssen. Dann wäre es gar nie so weit gekommen.»

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