Schiedsrichter

Wieso die Schiris so viele Tomaten auf den Augen haben

Der Ball war deutlich drin, der Torschütze stand noch deutlicher im Abseits oder der Ball wurde für alle sichtbar mit dem Arm ins Netz gehievt. Die Schiedsrichter haben das und noch vieles mehr an der WM nicht gesehen. Der Videobeweis würde einige verhindern, doch die Fifa macht auf stur.

Sandra Kohler und Vasilije Mustur

Hitzige Diskussionen, rote Köpfe und emotionale Höhenflüge. Die Schiedsrichter sorgen mit ihren Entscheiden und vor allem Fehlentscheiden an der WM in Südafrika für Gesprächsstoff. Die Fifa hält aber eisern an ihrem Kurs fest und kommentiert weder die Schiedsrichterleistungen noch will sie über den Einsatz von technischen Hilfsmitteln diskutieren.

Einfluss auf zwei Achtelfinalspiele

Gestern Nachmittag wurde den Engländern der Ausgleichstreffer zum 2:2 gegen Deutschland aberkannt und dies, obwohl für alle sichtbar war, dass der Lattenknaller von Frank Lampard mindestens einen halben Meter hinter der Linie aufprallte. Nur weder Schiedsrichter Jorge Larrionda noch Linienrichter Mauricio Espinosa hatten dies gesehen, dafür Millionen von Fernsehzuschauer.

Vier Stunden später schiesst Carlos Tevez für Argentinien das 1:0 gegen Mexiko. Er stand deutlich im Abseits. Und der Schiedsrichter Roberto Rosetti? Fehlanzeiger. Weder er noch seine beiden Hilfskräfte haben es gesehen.

Fehlentscheide während Vorrundenspielen

In der Partie Slowakei gegen Neuseeland brachte das zu unrecht anerkannte Abseits-Tor die Slowakei zur 1:0 Führung und in der Begegnung Brasilien gegen die Elfenbeinküste brachte Luis Fabiano den Ball mit einem dreisten Doppelhands ins Netz und so kam Brasilien zum 2:0. Der Schiedsrichter Stéphane Lannoy übersah das Handspiel.

Die USA hätten Slowenien besiegt, wenn Koman Coulibaly aus Mali das Tor nicht aberkannt hätte. Und dies ohne erkennbaren Grund.

Und wie war das schon wieder mit dem Platzverweis gegen den Schweizer Valon Behrami im Spiel Schweiz gegen Chile? Hat da wirklich einer gehauen? Oder der Schiedsrichter Tomaten auf den Augen?

Forderung nach Video-Beweis

Das muntere Hick-Hack um den Videobeweis wird lauter. Bei unklaren Situationen können sich die Schiedsrichter beim Eishockey die strittigen Szenen noch einmal in Ruhe auf dem Bildschirm anschauen.

Fussballlegende Franz Beckenbauer fordert die sofortige Einführung des Videobeweises. So auch der ehemalige Nati-Goalie Pascal Zuberbühler im Schweizer Fernsehen: «Solch krasse Fehlentscheidungen dürfen an einer Weltmeisterschaft nicht passieren.»

Dem widerspricht der deutsche Fussballexperte Günter Netzer. Er spricht sich klar gegen den Videobeweis aus: «Kein Videobeweis! Fussball ist Drama!» Der Fussball lebe auch von Fehlern, so der frühere Spitzenspieler. Fussball dürfe nicht perfekt sein, sonst werde er langweilig. Und auch der Tessiner Schiedsrichter Massimo Busacca sprach sich im Vorfeld der WM gegen einen Videobeweis aus.

Die Gralshüter haben im März entschieden

Das Gremium «International Football Association Board» (IFAB) entscheidet über Regeländerungen im Fussball. Im März sprachen sie sich gegen technische Hilfsmittel bei Fussballspielen aus. Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke liess damals verlauten: «Die Mehrheit ist der Meinung, dass es in einem Spiel, in welchem Menschen das Zentrum sind, keine Technologie braucht.» Dass es zahlreiche Stimmen für den Einsatz einer Torkamera (Hawk-Eye - Adlerauge) gibt, hat das IFAB zwar zur Kenntnis genommen, interessiert hat es die Herren aber nicht. Denn Fussball soll emotional bleiben und für Diskussionen sorgen.

Das IFAB besteht aus acht stimmberechtigten Mitgliedern: Vier werden von der Fifa gestellt und England, Schottland und Wales stellen jeweils einen Vertreter. Für die Annahme einer Regelsänderung ist eine Dreiviertelsmehrheit nötig. Der Engländer Ian Watmore und der Schotte Gordon Smith haben sich für die Torkamera ausgesprochen. Die restlichen sechs Herren dagegen - vor allem Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke, der Waliser Jonathan Ford und der Ire Patrick Nelson.

Streit zwischen Schweizer Schiedsrichtern und den Schweizer Clubs

Obwohl die Fehlentscheide an der Weltmeisterschaft stattfanden, betrifft die Diskussion auch die Schweiz. Der Grund: Kaum ist das Turnier zu Ende, beginnt in der Schweiz die Super League Saison und damit auch die Gefahr von Fehlentscheidungen auf dem grünen Rasen. Trotzdem bekämpfen vor allem die Schweizer Fussball-Schiedsrichter den Einsatz der Technik mit Vehemenz.

«Wir brauchen keine Kamera», sagt Luigi Ponto - Präsident des Schweizer Schiedsrichter-Verbandes. Schliesslich sei es in der Schweiz letzte Saison nie zu solch einem Fehlentscheid gekommen. Damit aber nicht genug: «Wir haben auch mit der Elektronik keine 100 % Garantie. Fussball bleibt ein Spiel mit Emotionen und das ist gut so. Zudem müssen im Fussball Fehler passieren, sonst würden die meisten Spiele 0:0 enden. Spieler, Trainer und Schiedsrichter machen Fehler - davon profitiert auch der Zuschauer.»

FC Zürich will den Einsatz aller Hilfsmittel

Diese Aussagen stossen beim FC Zürich auf Unverständnis. Der Club spricht sich auf Anfrage für den Einsatz aller technischen Möglichkeiten aus, um die Fehlerquote im Fussball auszumerzen. Dazu zählt auch der Einsatz einer Torkamera. «Die ganze Welt hat das Tor zwischen England und Deutschland gesehen. Die Diskussionen über die Unparteiischen würden so ziemlich schnell ein Ende finden,» sagt FCZ-Sprecher Giovanni Marti auf Anfrage.

Darüber hinaus widerspricht der FCZ-Sprecher Marti der Argumentation der Technik-Gegner, die Torkamera würde den Spielfluss stören. «Im Eishockey gibt es dieses Mittel, die Sportart ist immer noch die Gleiche.» Der Ball liegt nun bei der FIFA, der UEFA und dem Schweizer Fussball-Verband.

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