Erfolgsgeheimnis
Wie Philipp Lahm beim FC St. Gallen Feuer entfacht

Innert einem Jahr hat sich St. Gallen vom Aufsteiger in der Super League zum Europa-League-Teilnehmer empor gearbeitet. «Die Nordwestschweiz» zeigt auf, welche Spieler und Verantwortlich massgeblich zum Erfolg geführt haben.

Etienne Wuillemin, St. Gallen
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St. Gallen-Stürmer Goran Karanovic ist einer von vielen guten Transfers.

St. Gallen-Stürmer Goran Karanovic ist einer von vielen guten Transfers.

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Gut eine Stunde dauert das Training am Freitagnachmittag. Ein Cousin von Alhassane Keita ist direkt aus Paris eingeflogen. Zwei Wochen will er ihn in St. Gallen besuchen. Sofort fragt er: «Kennen Sie den Keita vom FC Zürich noch? Bald wird er wieder derselbe sein und viele Tore schiessen.» Vor zwei Jahren spielte der FCSG noch in der Challenge League. Nun macht er sich daran, Europa zu erobern.

Vieles läuft gut, die Anlaufschwierigkeiten von Keita sind nur eine Ausnahme am Rand. Nachfolgend viereinhalb Begegnungen der «Nordwestschweiz» auf der Suche nach dem Erfolgsgeheimnis.

Jeff Saibene
Der Baumeister

Als Jeff Saibene den FC St.Gallen im März 2011 übernahm, konnte er den Abstieg nicht verhindern. Die Fans pfiffen. Doch die Klubleitung hielt zu ihm. Es war ein weiser Entscheid. Der direkte Wideraufstieg gelang. Mit Rang drei folgte die beste Saison seit 2001. Und nun die Qualifikation für die Europa League. Saibene versucht eine ähnliche Spielphilosophie wie Borussia Dortmund aufzubauen, «ohne dass ich uns nun gleich auf dasselbe Niveau heben möchte.»

Als Oscar Scarione den FCSG im Sommer verliess, da keimten Ängste auf, es könnte St. Gallen ähnlich ergehen wie ein Jahr zuvor Mönchengladbach nach dem Abgang von Marco Reus - zumal die ersten beiden Spiele verloren gingen. Die Sorgen waren unbegründet. «Vielleicht sind wir nun sogar unberechenbarer, weil wir viele variabel einsetzbare Spieler haben», sagt Saibene.

Marco Mathys
Der neue Regisseur

Erst als 25-Jähriger absolvierte Mathys vor einem Jahr seine ersten Super-League-Spiele. Er machte das so gut, dass er sich im Oktober 2012 ein Aufgebot fürs Nationalteam verdiente. «Schade kam ich nicht zum Einsatz», blickt er zurück. Der Traum lebt aber weiterhin. Zumal er in St. Gallen neuerdings Regisseur sein darf. Eine Position also, auf der Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld durchaus einmal Alternativen testen könnte - zum Beispiel am 15. November, wenn die Schweiz voraussichtlich in Südkorea testet.

Ganz ohne Rückschlag kam Mathys aber nicht durch die letzte Saison. In der Rückrunde verlor er vorübergehend seinen Stammplatz. Davon beunruhigen liess er sich nie. Nun übernimmt er dank Scariones Abgang eine prominentere Rolle. Und verzückt die Fans mit seinen grandiosen Pässen.

Dejan Janjatovic
An der Seite von Mario Götze

Sie nennen ihn alle «Boban». Weil sich Traner Saiben bei der Spielweise von Dejan Janjatovic an den ehemaligen Milan-Regisseur Zvonimir Boban erinnert fühlte. Der 21-Jährige entstammt der Bayern-Jugend, spielte einst mit Mario Götze zusammen. Mit David Alaba steht er noch heute in Kontakt. Mit 19 aber verliess er München, wechselte zu Getafe - und fiel bald zwischen Stuhl und Bank. In St. Gallen sagt er nun: «Ich bin angekommen in der Welt des Spitzensports.»

In der Freizeit besucht Janjatovic München noch oft. Seine Eltern, die Schwester, die Freundin, alle wohnen dort. Und interessiert beobachtet er die Veränderungen, die Pep Guardiola mit den Bayern anstellt. Dass Philipp Lahm nun plötzlich im defensiven Mittelfeld agiert, findet Janjatovic ein falsches Zeichen. «Nur: Eigentlich kannst du mit dieser Mannschaft gar nichts falsch machen.» Natürlich möchte er, der Zidane verehrt, einst zurück in die Bundesliga. «Und zwar soll meine Karriere nicht beim FC Augsburg enden. Etwas mehr erwarte ich schon von mir.» Das beste Schaufenster, um auf sich aufmerksam zu machen, sind internationale Spiele. «Nur wer dort präsent ist, wird vom Ausland wahrgenommen», sagt Janjatovic. Am Donnerstag gastiert St. Gallen in Swansea.

Ermir Lenjani
Ein Aufsteiger unter vielen

Wer das Kader des FC St.Gallen betrachtet, sieht schnell einmal: Viele Spieler haben eine Vergangenheit in der Challenge League. Ermir Lenjani ist das jüngste Beispiel. Im vergangenen Winter wechselte er von Winterthur zu den Grün-Weissen. «Nach dem Abgang von Pa Modou dachten viele: ‹Oh, wie kommt das nur raus›», erinnert sich Trainer Saibene, «nun spricht niemand mehr von ihm».

Einst wechselte Lenjani zusammen mit Amir Abrashi, der noch heute sein Nachbar und guter Freund ist, von Winterthur zu GC. «Viele warnten mich, es sei zu früh. Ich dachte: Hey, es ist der Rekordmeister! Vielleicht wollte das Schicksal nicht, dass es klappt.» Nun klappt es eben bei St.Gallen. Und vielleicht bald im Nationalteam Albaniens. Das Aufgebot ist da. Nun fehlt nur noch die Freigabe der Fifa.

Heinz Peischl
Der begehrte Partner

Den Gesprächswunsch möchte Heinz Peischl derzeit nicht erfüllen. Fragen sind schriftlich einzureichen. Dabei hätte der Österreicher nichts zu befürchten. Peischl macht als Sportchef einen hervorragenden Job. Viele seiner Transfers sind gut bis sehr gut. Auffällig ist, dass es in St. Gallen häufig Spieler zu Höchstleistungen bringen, die anderswo ihr Potential nicht ausschöpfen konnten. Oder aber Talente den Durchbruch schaffen. Das ist auch der Verdienst von Peischl und Saibene.

Dieser Erfolg hat Auswirkungen. Der Verein ist für potentielle Handelspartner interessanter geworden. «Es herrscht oftmals die Meinung, dass wir aufgrund der Europa League automatisch mehr Geld hätten», schreibt Peischl. Als die St. Galler jüngst einen Ersatz für den verletzten Cavusevic suchten, dachten sie auch an die Challenge-League-Stürmer Sadiku (Lugano) und Rossini (Schaffhausen). Die Verhandlungen waren schnell zu Ende - weil die Ablösesumme zwischen 600'000 und 900'000 Franken betragen hätte. Peischl verpflichtete nun Daniel Sikorski, der nirgends mehr einen Vertrag erhielt. Das muss kein Nachteil sein.

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