Challenge League
Wie ein türkischer Milliardär beim FC Wil zum Grossangriff bläst

Der türkische Industrielle Mehmet Nazif Günal hat 1,21 Milliarden auf dem Konto und pflegt guten Kontakt zu Recep Erdogan. Neuerdings hält er die Mehrheit am Challenge-League-Klub Wil. Mit ihm wollen die Ostschweizer in die Super League aufsteigen.

Alex Dutler/watson
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Bratwurst trifft auf Fenerbahce Die Mannschaftspräsentation wird zum Freudentag für türkische Fans in Wil..jpg

Bratwurst trifft auf Fenerbahce Die Mannschaftspräsentation wird zum Freudentag für türkische Fans in Wil..jpg

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Mittagsmenü mit drei Gängen: 16.50 Franken. Ein halber Liter Schützengarten-Bier: 5.20 Franken. Café crème: 3.90 Franken. In der Dorfbeiz «Gemsli» nahe der IGP Arena des FC Wil kommt der Ostschweizer Sparfuchs noch so richtig auf seine Kosten. Draussen plätschert seit 1863 verlässlich ein Brunnen, drinnen geht es bodenständig und währschaft zu.

Niemand wäre verwundert, sässe Lukas Reimann hier am Nachbartisch. 2009 haben 68 Prozent der Wiler für die Minarettverbots-Initiative ihres SVP-Nationalrats gestimmt. Doch in Zukunft werden sich im «Gemsli» wohl vermehrt geheimnisvolle türkische Geschäftsmänner und ehemalige brasilianische Nationalspieler wie André Santos unter die Gäste mischen.

Die Stadionbeiz «Gemsli» neben der Wiler IGP Arena.

Die Stadionbeiz «Gemsli» neben der Wiler IGP Arena.

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Denn der 32-jährige Linksverteidiger tingelt ab sofort mit dem FC Wil durch die Challenge League. Noch bis 2013 war er bei Arsenal unter Vertrag. Sein Gehalt wurde auf 3,8 Millionen Franken pro Premier-League-Saison geschätzt. Santos hat 25 Länderspiele für die Seleção auf dem Buckel und darf sich Confed-Cup-Sieger nennen. Die Nati-Aufgebote hat sich der Brasilianer auch durch Meistertitel mit Fenerbahce Istanbul und Corinthians Sao Paulo verdient.

Invasion der Türken-Stars

Und Santos ist nur einer der vielen Überraschungs-Kracher, welche die Ostschweizer am Dienstagabend anlässlich ihrer Mannschaftspräsentation vor rund 500 staunenden Fans aus der Wunderlampe ziehen. Gleich zwölf neue Gesichter stellt der eigens engagierte SRF-Mann Dani Kern nach tagelanger Geheimniskrämerei erstmals der Öffentlichkeit vor.

Da ist etwa Egemen Korkmaz: Innenverteidiger, 32-jährig, neunfacher Nationalspieler für die Türkei und vor zwei Monaten mit Fenerbahce als Stammspieler Vizemeister geworden. Geschätzter Marktwert: Rund drei Millionen Franken.

Mert Nobre: 34-jähriger brasilianischer Mittelstürmer mit 102 Toren für Vereine wie Besiktas und Fenerbahce und dreifacher türkischer Meister.

Endogan Adili: 2010 mit 15 Jahren und 286 Tagen bei GC jüngster Super-League-Torschütze aller Zeiten. Zuletzt beim FC Basel glücklos unter Vertrag. 2014 wurde sein Transfer zu Galatsaray schon fix vermeldet, scheiterte dann aber an der fehlenden Arbeitsbewilligung.

Goalie Patrick Drewes: 22-jährig, bisher zweiter Ersatz hinter Diego Benaglio beim VfL Wolfsburg. Man hätte gerne Dortmunds Roman Weidenfeller gehabt, doch der hat leider abgesagt.

Der 46-jährige Trainer Fuat Capa ist ebenfalls ein Türke und hat seit seinem Karrierestart im Jahr 2000 bereits zwölf Klubs in Belgien, Holland und seiner Heimat trainiert. Er soll seinen kompletten türkischen Assistenzstab mitgebracht haben. Dass diesen drei Personen bisher die Schweizer Arbeitsbewilligung fehlt, dürfte mit ein Grund für die Wiler Geheimtrainings der vergangenen Tage sein.

Geld spielt plötzlich keine Rolle mehr

«Der letzte Match, den ich für SRF kommentieren durfte, war der Champions-League-Final. Vielleicht ist das ein Zeichen, in welche Richtung es mit Wil gehen wird», brüllt Dani Kern unter der Ostschweizer Abendsonne ins Mikrofon.

Eine realistische Ansage? Viele der Neuzugänge haben zumindest Erfahrung im internationalen Geschäft. Und deshalb zu ihren Glanzzeiten gemeinsam auch an die zehn Millionen Franken Jahresgehalt kassiert. Sie sollen langfristige Verträge von drei bis fünf Jahren unterschrieben haben. Zudem dürften weitere Verstärkungen folgen. So ist etwa durchgesickert, dass Wil an Winterthurs Sead Hajrovic baggert. Heimlich und ohne Wissen seines bisherigen Arbeitgebers.

Das angebliche Angebot klingt für Super-League-Verhältnisse fast schon unmoralisch spektakulär: Fünfjahresvertrag, knapp 200'000 Franken Fixlohn, 3000 Franken Siegprämie. Bisher verdient der Bruder des Bremen-Profis Izet Hajrovic knapp ein Drittel davon.

Ein Investor mit Nähe zu Erdogan

Doch wie sind solche Monster-Investitionen für einen Provinz- und Ausbildungsklub wie Wil plötzlich zu stemmen? Schliesslich haben die Ostschweizer zuletzt mit einem Jahresbudget von drei Millionen Franken operiert und den Abstieg in die 1. Liga Promotion erst am letzten Spieltag verhindert.

Die Erklärung heisst «MNG» und steht für die Holding des türkischen Grossindustriellen Mehmet Nazif Günal. Diese hat Anfang Juli für kolportierte sechs Millionen Franken 60 Prozent der Wil-Aktien übernommen und will den Klub nun mit aller Macht in die Super Leaguebefördern.

Der 67-jährige Unternehmer Günal verfügt laut Forbes über ein Vermögen von 1,21 Milliarden US-Dollar. Der Selfmade-Krösus hat es im Baugeschäft, der Tourismusbranche und im Transportwesen erwirtschaftet. Neuerdings besitzt er auch eine Goldmine in Liberia. Er ist verheiratet, hat drei Kinderund gilt als Nummer 22 unter den reichsten Menschen der Türkei. Seine Holding beschäftigt rund 20'000 Mitarbeiter.

Günal ist Ehrenmitglied von Fenerbahce Istanbul und bekannt als Fussballfanatiker. In Wil bleibt er bisher ein Phantom. Erst nach der Generalversammlung vom 28. Juli, bei der er fünf neue türkische Verwaltungsräte installieren dürfte, will er sich persönlich der Öffentlichkeit präsentieren. So bleiben nur Informationen aus zweiter Hand.

«Das Unternehmen ist eng mit der Regierung Erdogan verbandelt. Es erhält viele Staatsaufträge», berichtet NZZ-Korespondentin Inga Rogg gegenüber Radio SRF. Dabei soll nicht immer alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Im Zuge der Korruptionsaffäre um Recep Erdogan geriet 2013 auch Mehmet Nazif Günal ins Visier der Ermittler. Praktischerweise hat der türkische Präsident das Verfahren gegen ihn gleich eigenhändig beendet.

Erinnerungen an das Belanow-Desaster

Aus neutraler Sicht schellen bei diesen Informationen alle Alarmglocken. Bereits 2004 stand der FC Wil am Abgrund, weil er mit Igor Belanow einem ausländischen Luftikus-Investor auf den Leim gegangen ist. Und schon davor hatte Ex-Präsident Andreas Hafen einen Grossteil seiner als Banker bei der UBS ergaunerten 51 Millionen im Verein verpulvert.

Nebst Belanows Episode haben auch sämtliche anderen sieben Engagements ausländischer Investoren im Schweizer Fussball ausnahmslos im Desaster geendet. Namen wie Kadji (Sion), Tschagajew (Xamax) sowie Roger und Pishyar (Servette) lassen die Fans bis heute erschauern.

Noch-Präsident Roger Bigger erklärt, weshalb das neue Türken-Abenteuer in Wil besser enden soll: «Bei Belanow standen wir mit dem Rücken zur Wand. Nun haben wir aus einer starken Position heraus entschieden. Wir wissen, mit wem wir uns verheiratet haben. Es gab seit vergangenen Dezember 30 bis 40 Treffen mit dem neuen Investor. Wir haben uns gegenseitig intensiv durchleuchtet. An diesem Prozess waren namhafte Wirtschaftsprüfer beteiligt. Die Chemie hat zudem von Anfang an gestimmt. Er ist ein familiärer Mensch und wir sind ein familiärer Verein.»

«Als Schweizer denkt man eben so»

30 Spieler hat der FC Wil in den letzten sieben Jahren Richtung Super League oder ins Ausland transferiert. Wesentlich mehr als der grosse Kantonsbruder St.Gallen. Darunter waren auch klingende Namen wie Nati-Verteidiger Fabian Schär oder Luzern-Stürmer Dario Lezcano.

Das bisherige Erfolgskonzept als Ausbildungsklub hat laut Finanzfachmann Bigger aber durch die Einschränkung von Drittbeteiligungen an Spielern durch die FIFAim vergangenen Winter sein Fundament verloren: «Wir hatten zwei Optionen: Weiterwursteln oder ein ambitioniertes Projekt mit einem verlässlichen Partner lancieren. Wir wollen nicht ewig Lieferant bleiben, wir wollen ins europäische Geschäft.»

Aber was passiert, wenn der türkische Investor plötzlich die Lust an seinem neuen Spielzeug verliert? Die neuen Grossverdiener mit langfristigen Verträgen dürften für den Traditionsklub Wil zum existenzbedrohenden Risiko werden. Bigger gibt sich Mühe, auch diese Bedenken zu zerstreuen: «Ich verstehe diese Ängste, als Schweizer denkt man eben so. Aber Wil ist für den Investor kein Hobby, das plötzlich langweilig wird. Das ist ein Mann mit Visionen, der weiss wie man Erfolg hat.»

Das unterstreicht auch Erdal Keser, der nun als Sportchef und Intimus von Investor Günal an dessen Stelle in Wil die Fäden zieht: «Wir wollen hier kein Geld verdienen. Der sportliche Erfolg steht klar im Vordergrund. Ziel ist der Aufstieg, wenn die Konkurrenz das zulässt. Ansonsten versuchen wir es nächste Saison erneut.»

Der ehemalige Dortmund-Profi dürfte die Wiler Mega-Transfers allesamt eingefädelt haben. Sein umfangreiches Kontaktnetz hat er unter anderem als Scout für die türkische Nati aufgebaut. Keser geniesst das Interesse an der Spielerpräsentation sichtlich. Braungebrannt, mit offenem Hemd, Goldkettchen und elegantem Einstecktuch präsentiert er sich vor seiner neuen Wundertruppe.

Auf der Tribüne schauen sich derweil zwei Wiler Fans das ganze Treiben an. Einer trägt ein Gedenkshirt an das legendäre 11:3 gegen St.Gallen. Er stupst seinen Kollegen an: «Meinst du, dass die wenigstens auch einen neuen Grill mitbringen? Dann könnten wir die Bratwurst endlich mal warm essen.» Sein Kollege lacht. «Wahrscheinlich gibt es eher Kebab.»

Das «Gemsli» vor dem Stadion soll sonst eine wunderbare Adresse sein.

Das «Gemsli» vor dem Stadion soll sonst eine wunderbare Adresse sein.

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