«Als ich die Schweiz mit 17 Jahren verliess, sagten viele, es sei zu früh. Ich war vom Gegenteil überzeugt. Eine vorzeitige Rückkehr war für mich so etwas wie ein Eingeständnis des Scheiterns», sagt Oberlin heute. Ein Scheitern auf hohem Niveau. Denn immerhin wechselte er zum Schweizer Serienmeister, wusste schon damals, dass er Champions League spielen kann, sollte er sich durchsetzen. Jedem anderen Verein hätte er abgesagt, beim FCB war die Versuchung zu gross.

Zugleich war für ihn klar, dass er etwas ändern muss. «Ich habe mir das Ziel gesetzt, ein richtiger Profi zu werden. Mit allem, was dazugehört», sagt Oberlin. Das erstaunt bei einem Spieler, der im Sommer vor drei Jahren beim FC Zürich seinen ersten Profi-Vertrag unterschrieb. Das weiss er natürlich selbst, aber er weiss auch, dass er bis zu seiner Rückkehr in die Schweiz eher auf dem Papier ein Profi war als auf dem Platz. Oft kam er zu spät ins Training. Er sagte selbst schon, dass er damals nicht immer das Maximum herausgeholt hatte. Zuletzt gab es in Salzburg zudem negative Schlagzeilen, weil er seine Ex-Freundin geschlagen haben soll. Noch ist das Verfahren hängig.

Vollgas-Fussballer Dimitri Oberlin (r.): Wenn er mit dem Ball am Fuss aufs Tor stürmen kann, ist er kaum zu bremsen. KEY

Vollgas-Fussballer Dimitri Oberlin (r.): Wenn er mit dem Ball am Fuss aufs Tor stürmen kann, ist er kaum zu bremsen. KEY

Oberlin hat erkannt, dass er auf den Holzweg geraten ist. Heute sagt er: «Ich habe mir gesagt, wenn ich zu Basel gehe, dann bin ich so konsequent Profi, wie das nur möglich ist. Der Fussball steht ganz zuoberst. Keine Partys mehr, denn Schlaf ist für einen Fussballer sehr zentral.» Sein grosses Vorbild diesbezüglich: FCB-Verteidiger und -Torschütze vom Dienst Michael Lang (26). Oberlin: «Er ist immer der Erste in der Kabine. Nach dem Spiel sitzt er im Eisbad, trinkt seinen Regenerationsdrink, erholt sich. Genau so muss sein.»

Oberlin hat sich hohe Ziele gesteckt, möchte dereinst bei einem Klub in einer Top-Liga spielen. Aber er weiss: «Ich muss noch viel lernen. Zum Beispiel könnte ich noch nicht einmal sagen, ob ich jetzt ein Mittelstürmer oder ein Flügel bin. Um mich aber in einer Top-Mannschaft durchsetzen zu können, muss ich meine Rolle aber sehr genau kennen.» Das hat auch mit Trainer Raphael Wicky zu tun. Gegen Benfica zum Beispiel liess er Oberlin über den Flügel angreifen. Das Resultat kennen wir. Oberlin schoss zwei Tore und bereitete deren zwei vor. Es war eine Offenbarung auf der ganz grossen Fussball-Bühne. Auch für Oberlin: «Der Auftritt gegen Benfica war für mich eine grosse Bestätigung, dass meine neue Einstellung die richtige ist.»

WG mit der Mama

Sein Sprint vor dem 2:0 ist um die Welt gegangen. Diese Schnelligkeit, dieser Instinkt, diese Kaltschnäuzigkeit. Es sind Eigenschaften, die er schon mit nach Basel gebracht hat. Allerdings sagt er, dass er physisch noch nie so hart gearbeitet habe wie hier. «Ich glaube, dass ich stabiler geworden bin, den Tritt weniger schnell verliere.» Anders gesagt: Er arbeitet daran, seine Schwächen zu korrigieren. Denn körperlich kann Oberlin trotz seinen Schmettersprints noch einiges zulegen. Muskelmasse versteht sich.

Oberlin ist noch nicht am Ziel. Aber er scheint unterdessen auf dem richtigen Weg. «Dimi kam, als die Meisterschaft schon lief. Er brauchte ein bisschen Zeit, aber unterdessen ist er sehr gut integriert und zeigt die Qualitäten, die in ihm stecken, immer öfter», sagt Trainer Raphael Wicky. Damit er nicht von diesem Pfad abkommt, wohnt Oberlin unterdessen übrigens wieder mit seiner Mutter. Ein Entscheid, den so nicht jeder 20-Jährige treffen würde.