WM 2018

Wie die Schweizer Costa Rica «bearbeiten»: Auch der Videoanalyst hilft mit

Vincent Cavin, SFV-Videoanalyst.

Vincent Cavin, SFV-Videoanalyst.

Wenn die Schweiz heute gegen Costa Rica die WM-Gruppenphase abschliesst, greift sie auch ein wenig in die Trickkiste. Videoanalyst Vincent Cavin hat dabei eine zentrale Rolle.

SFV-Videoanalyst Vincent Cavin verfolgt die WM-Partie mit einem zweiten Beobachter wie immer von der Tribüne aus. Via iPad senden sie Videos und Bilder an die Trainerbank, via Headset kommunizieren sie direkt mit Antonio Manicone, dem Assistenten von Coach Vladimir Petkovic.

Das alles kann mit dem aktiven Coaching im Tennis verglichen werden, wo es dem Spieler früher nicht erlaubt war, mit dem im Publikum sitzenden Trainer Kontakt aufzunehmen. Doch genau darum geht es nun: um einen aktiven Eingriff.

Teamporträt Costa Rica

Teamporträt Costa Rica

Nach dem Sieg gegen Serbien ist die Schweiz vor dem Spiel gegen Costa Rica in einer komfortablen Ausgangslage. Zur Qualifikation für die Achtelfinals reicht ein Unentschieden. Selbst eine Niederlage würde reichen, wenn Serbien gleichzeitig gegen Brasilien ebenfalls verliert. Unterschätzen darf man Costa Rica trotzdem nicht. Der letzte Gegner der Schweiz im Videoporträt.

Zwar befindet sich Cavin heute wie zuvor gegen Brasilien und Serbien in einer passiven Rolle; er kommuniziert nicht ausschliesslich, aber vorwiegend auf Geheiss Manicones. Jener verlangt vor allem dann Informationen, wenn etwas bei stehenden Bällen nicht stimmt im Schweizer Spiel.

Oder wenn vielleicht unerwartete Aktionen des Gegners abseits des Geschehens auffallen. «Sieh dir das nochmals an, sag mir, was da falsch lief soeben bei diesem Corner, Vincent», heisst es dann von unten. Oder: «Sende mir schnell die Bilder von dieser Szene.»

Der Herr der Bilder

Die Position des Trainers direkt an der Seitenlinie sei nicht perfekt, sagt Cavin, der einst selbst Fussballprofi war. «Von den Rängen sehen wir viel besser, wie Besprochenes umgesetzt wird.» Das Headset wird bei den Schweizern bisher oft benützt, fast ein Dutzend Mal pro Halbzeit.

Aber Cavin kommt auch bei der Vorbereitung auf die Spiele zum Zug, und beim Briefing des Gegners. Insbesondere mit taktischen Bewegtbildern. «Wir versuchen zu verstehen, wie wir dem Gegner wehtun können», sagt er. Und manchmal schneidet er auch Motivationsvideos zusammen, «was brauchen die Spieler jetzt, vielleicht Bilder feiernden Fans in der Heimat».

Nischni Nowgorod - das Architektur-Mekka

Nischni Nowgorod - das Architektur-Mekka

Am Mittwoch bestreitet die Schweizer Fussballnationalmannschaft ihr drittes Gruppenspiel in Nischni Nowgorod. Die fünftgrösste Stadt Russlands gilt als Architektur-Mekka. Das neue Stadion macht diesem Ruf alle Ehre. Die ovale Arena bietet eine spektakuläre Bühne für das Spiel.

Seit die Schweiz eine Ballbesitzmannschaft ist, fallen Cavins Analysen anders aus. Als Fernziel und Ideal gelten die Spanier, weil sie den Ball sehr tief in der gegnerischen Zone halten. Dort entsteht Gefahr, und so ist es auch heute gegen Costa Rica das Ziel der Schweizer, sich weit in der fremden Zone festzusetzen.

Costa Rica gab den Experten bisher einige Aufschlüsse, aber nicht die WM-Niederlage gegen Serbien: Mladen Krstajics Team wendet oft den weiten Ball an – das ist nicht die Philosophie von Petkovic. Vielmehr leiten die Schweizer aus Costa Ricas 0:2 gegen Brasilien und den Testpartien gegen Belgien und England her, wie sie sich verhalten wollen: Dominant, mutig, ruhig, offensiv.

Serbien war schwieriger

Serbien war schwieriger zu analysieren, weil deren Freundschaftsspielgegner mit Nigeria, einer Art Chile 2, Marokko oder Bolivien wenig hergaben. Dennoch hätten die Schweizer genau gewusst, wie die Serben besonders zu Spielbeginn marschieren würden, sagt Cavin.

«Auch ist es nur normal, dass die Schweiz gegen Nationen wie Brasilien den Ballbesitz weiter hinten hat», sagt der Waadtländer; er wird nach der WM als Sport-Koordinator im Vollamt Nationalcoach Petkovic unterstützen und Basisarbeit für dessen Dispositionen liefern.
Die technischen Hilfsmittel seien nicht ausgereift, sagt Manicone.

Manchmal funktioniert das Internet nicht, dann hängt die App fest, manchmal wackeln die Bilder. Deshalb benutzt die Schweiz derzeit beide Systeme, jenes der Fifa und das eigene. Man ist im Testmodus. Noch zählen im Nationalteam Analysen mehr als Statistiken – im Club ist dies umgekehrt. Doch die Optimierung des Fussballs schreitet überall voran.

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