Rechtsextremismus

Wie das neue Stadion in Dresden eine Nazi-Debatte entflammen konnte

Die «Glücksgas-Arena» sorgt in Dresden für rote Köpfe.

Die «Glücksgas-Arena» sorgt in Dresden für rote Köpfe.

Es sollte der Beginn der Widerauferstehung von Dynamo Dresden sein. Doch seit der Eröffnung des neuen Stadions «Glücksgas-Stadion» debattiert Deutschland nur noch über die mutmassliche Nähe des achtfachen Deutschen Meisters zur rechtsradikalen Szene.

Er war einst der Stolz des Ostdeutschen Fussballs (siehe Vereinshistorie). Diese Zeiten gehören jedoch der Vergangenheit an. Seit Jahren dümpelt der achtfache Deutsche Meister Dynamo Dresden ohne sportlichen Erfolg im tiefsten Deutschen Profispielbetrieb, der dritten Bundesliga, herum.

Der eigens für den ehemaligen Polizeisportverein errichtete Fussballtempel sollte aber Ruhm und Ehre aus vergangenen Tagen in die Ostdeutsche Metropole zurücktragen. Das Problem: Seit Eröffnung und Unbenennung des Stadions in «Glücksgas-Stadion» debattiert Deutschland und Dresden statt über die sportlichen Möglichkeiten vielmehr über die mutmassliche Nähe des Klubs zur Rechtsextremen Szene.

Dynamo drohte mit Abgang

Wie konnte es überhaupt soweit kommen? 2004 macht der heutige Drittligist die Landeshauptstadt Dresden erstmals darauf aufmerksam, dass das «Rudolf-Harbig-Stadion» nach 88 Jahren nicht mehr den modernsten Sicherheitsanforderungen des Deutschen Fussballbundes (DFB) entspricht und bittet Politik, den Bau eines neuen Stadions einzuleiten (az berichtete).

Tut Dynamo zu wenig gegen die Nazis?

Als die Landeshauptstadt 2006 nach einer öffentlichen Ausschreibung den Bauauftrag an die Bauunternehmung HBM vergibt, erhielt diese laut schriftlicher Vereinbarung mit der Stadt ebenfalls das Recht, das Stadion betreiben zu dürfen. Zu diesem Zweck gründet das Bauunternehmen HBM eine Projektgesellschaft. 

Vor Beendigung und Einweihung des 43 Millionen Euro Bauwerks im Herbst 2009, beauftragt die Baufirma HBM dann die Sportagentur «Sportfive» aus Hamburg, das Stadion professionell zu vermarkten. Diese ging in Dresden und ganz Deutschland auf Sponsorenjagd und wurde beim bayrischen Gasanbieter «Goldgas SL GmbH» fündig.

Der Gasanbieter - einst auch Anbieter für Schornsteinfeger - kauft der «Stadion Projektgesellschaft» die Namensrechte daraufhin ab und tauft das «Rudolf-Harbig-Stadion» in «Glücksgas-Stadion» um. Dieser Stadionname bringt den Verein erneut in die Nähe der rechtsextremen Szene. Die Reaktion der jüdischen Gemeinde folgte auf dem Fusse - sie bezeichnete die Namensgebung als «unglücklich».

Sponsor-Brief an NPD-Verlag

Bereits vor der Debatte um den Stadionnamen führt die engagierte Marketingagentur «Sportfive» mit einer unglücklichen Aktion dazu, dass Dynamo Dresden Nähe zur rechtsextremen Szene nachgesagt wird. Was war passiert? Als «Sportfive» die Vermarktung des Vereins übernahm, versandten Agentur-Mitarbeiter Tausende von Briefe. Darin wurden ortsansässige Firmen eingeladen, sich finanziell bei Dynamo Dresden zu engagieren und sich VIP-Plätze in der neuen Arena zu sichern. Einer dieser Briefe landete beim Verlagshaus «Deutsche Stimme». Dieser steht der rechtsextremen Partei NPD nahe.

So sieht das neue Dresdner Stadion aus der Luft aus

So sieht das neue Stadion aus der Luft aus

Im Gespräch mit der az weist Dynamo Dresden den Vorwurf, davon gewusst zu haben, von sich. «Sportfive kommt aus Hamburg. Sie hatten keine Kenntnis von dieser Problematik. Zudem wurden von einem externen Anbieter 18000 Adressen eingekauft und standardisierte Schreiben ohne nachzudenken abgeschickt». Inzwischen hat sich der Vermarkter für das Schreiben an den NPD-nahen Verlag entschuldigt.

Dresden: Die Hochburg der Neonazis

Es ist nicht das erste Mal, dass Dynamo Dresden Nähe zur «braunen Suppe» nachgesagt wird. So suchten Neonazis in der Vergangenheit in unregelmässigen Abständen die Fankurve des Vereins heim und skandierten dort Hitler-Parolen. «Der Verein hat diesem Treiben in der Vergangenheit viel zu lange zugeschaut», sagt Dynamo-Dresden-Sprecher Enrico Bach zur az. Das habe sich geändert, wie Bach beteuert. «Wir gehen auf die Strasse und leisten Präventions- und Aufklärungsarbeit. Das beginnt in den Schulen und hört beim Engagement für verschiedene soziale Projekte und beim klaren Bekenntnis gegen Extremismus und Rassismus auf».

Auch die Landeshauptstadt Dresden kennt das «Nazi-Problem». Die Stadt Dresden gilt seit Jahren als Hochburg der Rechtsextremen Szene.Zwei von 70 Gemeinderäte der Landeshauptstadt sind laut Hartmut Vorjohann Neonazis. «Mit denen will niemand was zu tun haben».

Anfang Februar 2008 zeigte ein junger Neonazi am Bahnhof Neustadt den Passanten den Hitlergruss, brüllte neonazistischer Parolen und beleidigte Reisende sowie die einschreitende Polizei.

Passant das Hakenkreuz eingeritzt

Im März desselben Jahres wurde ein 56-jähriger Mann gefesselt, mit Fusstritten traktiert und ein Hakenkreuz in dessen Haut geschnitten.

Zwei Wochen zuvor demonstrieren 5000 Rechtsextreme anlässlich des Jahrestages der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten während des Zweiten Weltkrieges.

Überdies überfielen nach dem Halbfinal der deutschen Nationalmannschaft an der Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich Nazi-Hooligans in Dresden einen Dönerladen und griffen danach Passanten auf offener Strasse an. Ob an diesen Vorfällen auch «Fans» von Dynamo Dresden beteiligt waren, ist bis heute unklar. 

Jetzt will die Stadtverwaltung die Rechtsextremen auf jeden Fall aus der Stadt vertreiben. Zu diesem Zweck werden Stadtpolitiker am 13. Februar gemeinsam mit der Bevölkerung und dem Verein die angekündigte Demonstration der Rechtsextremen anlässlich des Jahrestages der Bombenangriffe auf Dresden im Zweiten Weltkrieg mit einer Menschenkette zu stören versuchen.

Dynamo hält an Exklusivpartnerschaft fest

Derweil zeigen Recherchen der az, dass Dynamo Dresden trotz der «unglücklichen» Namensgebung mit dem bayrischen Gasbetreiber goldgas SL GmbH Ende Dezember einen Exklusivvertrag abgeschlossen hat. Dieser beeinhaltet die Bandenwerbung und Kontingentierung im VIP-Bereich. Als Entschädigung für die Abtretung der Namensrechte des Stadions erhält der Verein überdies jährlich einen tiefen sechsstelligen Betrag. «Wir können nachvollziehen, dass der Stadionname von einigen als unglücklich angesehen wird. Doch für den Sponsoringvertrag brauchen wir uns nicht zu schämen», sagt Dynamo-Sprecher Bach. Schliesslich habe die Problematik mit der rechtsextremen Szene nichts mit dem Exklusivvertrag zwischen Goldgas und dem Verein zu tun. 

Vielmehr habe Goldgas auf den Namen «Glücksgas-Stadion» bestanden, um seine Marke zu stärken. Hintergrund: In Deutschland gibt es die Legende, wonach Menschen, die Schornsteinfeger berühren, Glück haben.

Landeshauptstadt verzichtete auf Vetorecht

Gleichzeitig betont Bach, dass Dynamo Dresden im Stadion Mieter sei. «Das Stadion gehört der Stadt». Darüber hinaus hatte die Landeshauptstadt laut Bach in der Namensfrage das Vetorecht.

Dies bestätigt Finanzbürgermeister Vorjohann auf Anfrage. «Wir liessen den neuen Namen anwaltlich prüfen und mussten feststellen, dass wir keine Möglichkeit haben, die Unbenennung zu verhindern». Hätte die Stadt aus moralischer Sicht agiert, wäre der Stadionbetreiber und goldgas mit Schadenersatzforderungen an die Landeshauptstadt gelangt.

* Lesen Sie morgen, wie Dynamo Dresden gegen zu Hohe Mitezinse im Stadion kämpft.

Meistgesehen

Artboard 1