«Er ist eine ganz ruhige Persönlichkeit», sagt Ernst Graf gegenüber der az. Der Ausbildungschef des FC Zürich muss es wissen. Graf hat den gebürtigen Mazedonier gemeinsam mit dem Talentsucher Andy Hohl nicht nur entdeckt, sondern Mehmedi auf seinem Weg zum Profifussball begleitet. «Er hat Schalk im Nacken und einen trockenen Humor». Mit diesen Charaktereigenschaften und seiner «hinterfragenden Art» trieb Mehmedi die Lehrer während seiner Schulzeit laut FCZ-Ausbildungschef phasenweise zur Weissglut. Graf kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Trotz oder gerade dank diesen Wesenszügen müsse man das Stürmertalent einfach gern haben. Mehmedis Beliebtheit habe laut Graf ausserdem mit dessen Bescheidenheit abseits des Fussballplatzes zu tun. «Er ist in all den Jahren nie abgehoben», sagt Graf. So flippe der 21-Jährige im Vergleich zu anderen Talenten bei lukrativen Angeboten nicht gleich aus. «Er wurde bisher sehr gut beraten», bestätigt FCZ-Sportchef Fredy Bickel. Massgeblich verantwortlich dafür ist sein stabiles Umfeld. Seiner Familie vertraut der Nationalspieler. Sie gibt ihm Kraft und Halt. «Die Familie steht zweifellos im Zentrum», sagt Graf.

In Jugendjahren trainingsfaul

Entdeckt wurde Admir Mehmedi auf dem Rasen der Schützenwiese zu Winterthur. Damals spielte der Ballkünstler in der U15-Auswahl des FC Winterthur. Graf erinnert sich: «Wir haben seine Qualitäten erkannt - obwohl Admir in jungen Jahren pummelig war». Jedoch stand Mehmedi nicht nur bei den Zürchern auf dem Wunschzettel. Selbst Ligakrösus Basel beobachtete das Stürmertalent. Schliesslich machte der Klub an der Limmat das Rennen - wenn auch mit etwas Glück. «Bei einem Testspiel zog Admir in Anwesenheit der FCB-Scouts einen schlechten Tag ein», sagt Graf. Daraufhin sei das Interesse der Basler spürbar verflogen.

In Zürich angekommen, besuchte der heutige Nationalspieler in der FCZ-Academy die «Schule für Mannschaftssport». In dieser drückte Mehmedi dreimal die Woche die Schulbank. «Die Schule für Mannschaftssport ist vergleichbar mit der Sekundarschule», sagt Graf. Wälzte der Nachwuchsspieler einmal nicht Schulbücher, war Mehmedi auf dem FCZ-Trainingsplatz anzutreffen. Sein Problem: «Er war nicht der Trainingsweltmeister. Er brauchte stets einen Schubs in die richtige Richtung», sagt Graf. Heute sei das allerdings anders. Kein Wunder: Es ist ein offenes Geheimnis, dass FCZ-Urgestein und Trainer der A-Mannschaft Urs Fischer Schlendrian und Faulheit nicht duldet.

Selbstbewusstsein mit Erfolgen gewachsen

Heute gehört Admir Mehmedi zu den Leistungsträgern der Mannschaft. Graf geizt denn auch nicht bei der Aufzählung seiner Stärken. «Er ist ein Instinktfussballer. Das macht ihn so gefährlich». Zudem sei Mehmedi vor dem gegnerischen Tor «eiskalt». Selbst das beinahe ungeheuerliche Selbstbewusstsein Mehmedis ist für Graf keine Überraschung. «Schon früher war er so. Als ich ihn gefragt habe, wie er das bevorstehende Spiel gegen den FC Basel sehe, antwortete er mir: ‹Gegen den FC Basel mache ich heute ein Tor›».

Diese Winnermentalität habe sich mit den Erfolgen in den U-Mannschaften der Nationalmannschaft noch verstärkt. Das sieht der Weltmeistertrainer der U17-Nationalmannschaft Daniel Ryser im Interview mit der az genauso. «Die Titel aus der Vergangenheit haben eine Barriere durchbrochen und das ohnehin vorhandene Selbstvertrauen der Nachwuchsspieler noch verstärkt. Seit dem Europameisterschaftstitel 2002 und dem WM-Titel 2009 der U-17 Nationalmannschaft geht die Schweizer Auswahl mit dem Wissen auf dem Platz, mit jedem Gegner auf der Welt mithalten zu können».

Secondos: Fussball als einzige Chance in der Schweiz?

Darüber hinaus habe auch die Herkunft der Spieler zum Erfolg beigetragen. «Der Fussball hat bei den eingebürgerten Fussballern einen ganz anderen Stellenwert. Das ganze Umfeld ist unglaublich stolz auf den Sohn oder Neffen, wenn dieser seinen Lebensunterhalt mit Fussball verdienen kann. Viel eindrücklicher ist jedoch, dass der Spieler auf dem steinigen Weg zum Profifussballer von der Familie und den Freunden bedingungslos unterstützt wird», sagt Ryser. FCZ-Nachwuchschef Ernst Graf überrascht denn auch die Quantität an Nationalspielern mit Migrationshintergrund nicht. Der Grund: Er könne nicht ausschliessen, dass Secondos im Fussball die einzige Chance sehen, in der Schweiz beruflich erfolgreich zu sein.

Mehmedi steigert indes mit jedem Einsatz und Tor an der Euro in Dänemark seinen Marktwert. Das weiss auch FCZ-Sportchef Fredy Bickel. «Es ist klar, dass er jetzt mehr umworben wird, als vorher». Trotzdem betont Bickel, dass Mehmedi einen Vertrag bis 2013 beim FCZ habe. Damit nicht genug: Der Verein hofft, dass Mehmedi noch mindestens eine Saison beim FC Zürich bleibt und signalisiert Interesse an einer Vertragsverlängerung. «Ich denke, eine weitere Saison beim FCZ für Admirs Weiterentwicklung gut wäre.

Bereits vor Euro Interesse an Mehmedi

Das hofft auch Ausbildungschef Graf, ist jedoch realistisch. «Ich weiss nicht, wie lange Admir noch bei uns bleibt». Die Schweiz sei eine Ausbildungsliga und wenn ein lukratives Angebot auf dem Schreibtisch lande, habe selbst der FC Zürich eine finanzielle Schmerzgrenze.

Derweil stört sich Bickel im Gespräch mit der az am «Medienhype» den die Presse um Mehmedi veranstalte. «Man sieht nicht erst seit der Euro in Dänemark, dass Admir ein Talent ist», sagt Bickel. Journalisten und Scouts, die diesen Fakt erst jetzt erkennen, hätten ihren Beruf verfehlt. Schon seit längerer Zeit würden sich Vereine aus Europa für das FCZ-Nachwuchstalent interessieren.