Bei Fussballern und Fans geht es schon mal etwas ruppig zu. Auf und abseits des Spielfelds haut man sich Fäkalinjurien und andere Bosheiten um die Ohren.

Die feine englische Art ist das nicht. Deshalb will der Traditionsverein FC Liverpool nun gegen Schmähungen vorgehen – und diskriminierende Vokabeln auf den Index setzen.

Wörter wie «Coon» (Nigger), «Rent boy» (Stricher) oder «Cripple» (Krüppel) dürfen in Zukunft nicht mehr in den Mund genommen werden.

Auch subtile Bemerkungen wie «Sei keine Frau!» oder «Prinzessin» sind künftig verpönt.

In einem Flugblatt an Spieler und Fans heisst es: «Der Klub will jede Form von Diskriminierung und diskriminierendes Verhalten auf und neben dem Fussballplatz ausmerzen.»

40 Wörter sind auf dem Index gelandet. Mitarbeiter des Klubs hatten sich wochenlang bei den Anhängern umgehört, welche Begriffe als diskriminierend einzustufen sind – und auf dieser Grundlage eine Verbotsliste erstellt.

Der Klub war 2005 in die Kritik geraten, als Fans mit T-Shirts Sympathie für den Spieler Luis Suárez bekundeten.

Der Angreifer des FC Liverpool hatte den französisch-senegalesischen Verteidiger Patrice Evra von Manchester United wegen seiner Hautfarbe beleidigt.

Am 20. Dezember 2011 wurde Suárez wegen rassistischer Äusserungen vom englischen Verband für acht Spiele gesperrt und mit einer Busse von 40 000 Pfund belegt.

Der Fall sorgte international für Schlagzeilen. Die seriöse Londoner Tageszeitung «The Guardian» kritisierte die «Scheinheiligkeit» des Vereins: «Man kann nicht auf der einen Seite ein Kick-It-Out-T-Shirt als Kampagne gegen Rassismus tragen, wenn es gleichzeitig auf dem Spielfeld geschieht.»

Die Vorwürfe wollte die Klubführung des FC Liverpool nicht auf sich sitzen lassen – und selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

Rishi Jain, der Sozialbeauftragte des Vereins, sagte gegenüber dem «Guardian»: «Als Teil der kontinuierlichen Anstrengungen des Klubs, jede Form von Diskriminierung zu bekämpfen sowie für Gleichberechtigung und Diversität einzutreten, hat sich der Verein einem umfangreichen Ausbildungs- und Sensibilisierungsprogramm verschrieben.»

Das klingt zunächst wie eine der üblichen gutmenschlichen Absichtserklärungen. Doch der Verein lässt den Worten auch Taten folgen. Liverpool ist der erste Klub, der offiziell an einem LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans)-Event teilnahm.

Beim «Liverpool Pride», einer Schwulen-und Lesben-Parade ähnlich dem Christopher Street Day, war der Klub mit einem Banner vertreten.

Auf Facebook zählt die Seite der «Liverpool FC LGBT Supporters» immerhin 6000 Unterstützer. Das ist verglichen mit der Reichweite des Traditionsvereins (12 Millionen Fans auf Facebook) noch eine bescheidene Grösse, doch die kleine Gruppe kann in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für das Problem schaffen.

Liverpool, eine alte Industriestadt, war eigentlich schon immer ein Malocherklub, und in England manifestiert sich die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse ganz besonders in der Sprache (sogenannte Sociolects). Darum organisiert der Klub Themenveranstaltungen und Workshops, um seine Mitarbeiter zu sensibilisieren.

Ein Ratgeber soll die Teilnehmenden darüber informieren, was sich politisch ziemt und was nicht. «Dieses Programm erlaubt es unseren Angestellten, unangemessene Sprache zu erkennen und dagegen vorzugehen», sagt Rishi Jain.

Lob gibt es vom Kick-It-Out-Vorsitzenden Lord Ouseley: «Es ist ein positiver und proaktiver Schritt, das Personal und das Sicherheitspersonal im Stadion auf diese Art weiterzubilden.»

Es gibt eine App, wo Vorfälle gemeldet werden können. Zuschauer, die sich nicht an die Regeln halten, können des Stadions verwiesen werden. Ob sich die Fans an die Anweisungen halten werden, ist offen. Es wird wohl noch etwas dauern, bis an der Anfield Road ein neuer Ton einkehrt.

Auch in Italiens Fankurven gehören rassistische Schmähungen zum Alltag. Besonders Lazio Rom ist berüchtigt für seine Entgleisungen. 2005 baute sich der damalige Lazio-Kapitän Paolo di Canio vor der Kurve auf und zeigte inbrünstig den «römischen Gruss».

Die faschistische Geste, die dem Hitlergruss ähnlich ist, machte ihn zur Ikone des Ultra-Lagers der «Irriducibili» (deutsch «die Unbeugsamen»). Die Lazio-Fans schwenken im heimischen Olympiastadion des öfteren Hakenkreuzfahnen und peitschen ihre Spieler mit «Duce-Duce»-Rufen nach vorne.

Der jüngste Vorfall ereignete sich beim Supercup-Finale zwischen Lazio Rom und Juventus Turin (0:4), als die dunkelhäutigen Juve-Profis Paul Pogba, Angelo Ogbonna und Kwadwo Asamoah mit Affenlauten verhöhnt wurden.

Den Liga-Bossen ist das ein Dorn im Auge. Sie fürchten um das Ansehen der Serie A. Der italienische Fussballverband FIGC will deshalb härter gegen rassistische Äusserungen vorgehen.

Vereine, deren Anhänger durch rassistisches Fehlverhalten auffallen, müssen künftig mit der Schliessung ihrer Fankurven rechnen. Sollten sich die Vorfälle wiederholen, muss der Verein eine Geldstrafe von 50 000 Euro zahlen und ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen.

«Wir wollen Rassisten aus den Stadien verbannen», sagte Verbandspräsident Giancarlo Abete. Erste Konsequenz: Beim Saisonauftakt der Serie A letzten Sonntag gegen Udinese Calcio durfte Lazio keine Zuschauer in die Nordkurve des Olympiastadions lassen.

Ein Einspruch wurde vom Sportgericht der FIGC abgelehnt.

Gleichwohl: Platzsperren und Geldbussen sind im italienischen Fussball nichts Neues. Die Sanktionen zeigten in der Vergangenheit nur wenig Wirkung. Zum einen sind die Strafen nicht empfindlich hoch genug. Zum anderen lassen sie die Ultras unbeeindruckt.

Mario Balotelli, das Enfant terrible des italienischen Fussballs, gab letzte Woche ein bemerkenswertes Interview in der Tageszeitung «La Repubblica».

Darin sagte er: «Rassismus kann nicht gelöscht werden, aber ich werde alles tun, um ihn zu schlagen.»

Balotelli weiss, wovon er spricht. Er sieht sich häufig rassistischer Ressentiments ausgesetzt.

Als dem Milan-Stürmer beim Spiel gegen AS Rom im Meazza-Stadion erneut Affenlaute entgegenschlugen, wehrte er sich und ging zum Schiedsrichter. Referee Gianluca Rocchi unterbrach die Partie für 97 Sekunden und drohte mit Abbruch.

Roma-Kapitän Francesco Totti hatte alle Mühe, seine Anhänger zur Räson zu bringen. Im primitiven Kurven-Weltbild der Tifosi gibt es keine schwarzen Italiener.

Auf dem aktuellen Cover der Illustrierten «Sports Illustrated» posiert Balotelli im Stile eines Gladiators mit nacktem Oberkörper und ausgestreckten Armen.

Links auf dem Titel steht in grossen Lettern: «He is Italian.» Und rechts: «He is African.» Ob das die Akzeptanz des Nationalspielers, dessen Familie aus Ghana stammt, erhöht, ist jedoch fraglich.

In Italien ist noch viel Aufklärung im Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit nötig, dessen sind sich Politiker und Funktionäre bewusst. Die Lazio-Profis setzten bei der Saisoneröffnung gegen Udine ein Zeichen und trugen ein Trikot mit der Aufschrift «We love football, we fight racism».

Auf Facebook können die Fans über einen passenden Slogan abstimmen. Die Anhänger sind geteilter Meinung. «Ich halte es für eine sehr gute Initiative, aber ich bin mir sicher, das wird überhaupt nicht helfen!», schrieb ein User im Forum der Sportzeitung «Corriere dello Sport».

Und: «Ich bin es leid, dass ich als Lazio-Fan jedes Mal, wenn eine kleine Minderheit von Idioten rassistische Parolen grölt, dafür in Mithaftung genommen werde.»

Auch im vermeintlichen Vorzeigeland Deutschland grassiert das Problem. Der dunkelhäutige Spieler Danny da Costa, Sohn eines Angolaners und einer Kongolesin, wurde vor zwei Wochen beim Zweitligaspiel seines Vereins FC Ingolstadt gegen 1860 München rassistisch beleidigt.

«Mehrere Leute meinten, bei Einwürfen oder Ballkontakten Sachen wie ‹Nigger› oder ‹Schwarzes Schwein› in meine Richtung rufen zu müssen», sagte der 20-jährige Fussballprofi, der sämtliche Juniorenteams der deutschen Fussballnationalmannschaft durchlief.

«Immer, wenn der Ball in meine Nähe kam, gab es auch Affenlaute.» Schiedsrichter Florian Meyer unterbrach die Begegnung. Der Deutsche Fussballbund (DFB) hat Ermittlungen aufgenommen.

Obwohl die deutsche Fussballnationalmannschaft mit Jérôme Boateng, Lukas Podolski und Sami Khedira einige Spieler mit Migrationshintergrund in ihren Reihen hat, scheint die Toleranz gegenüber dunkelhäutigen Spielern in der Fussballszene nicht so stark ausgeprägt zu sein.

Auch Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah wurde immer wieder wegen seiner Hautfarbe angefeindet. «Das Schlimmste war für mich nach der WM 2006, als ich dachte, diese Zeiten sind um. Wir lagen uns alle in den Armen. Dann ging es nach Rostock, und ich war wieder der Farbige. Das war richtig bitter», sagte er.

Die strukturschwachen Regionen im Osten Deutschlands bereiten den Nährboden für Fremdenfeindlichkeit. Einzelne Fangruppierungen von Hansa Rostock, Energie Cottbus und Dynamo Dresden haben in der Vergangenheit immer wieder gegen ethnische Minderheiten gehetzt.

Zwar haben der DFB und auch die Vereine diverse Massnahmen gegen Diskriminierung im Fussball ergriffen (unter anderem einen 10-Punkte-Katalog, Aktionswochen, Fanprojekte).

Doch offenbar wird der hartgesottene Kern der Anhänger mit solchen Kampagnen nicht erreicht. Im Stadion brechen sich die niedersten Instinkte Bahn.

Die Affenlaute, einst salonfähig gemacht von TV-Entertainer Harald Schmidt – er machte sich in seiner Sendung über Oliver Kahn lustig –, werden als harmlose Provokation abgetan.

Fussball ist sozialer Schmierstoff – und gehorcht anderen Codes als denen der Gesellschaft.