Analyse
Wenn der Ruf zur Bürde wird

Kann der FCB nach der undiskutablen Niederlage gegen Arsenal nun gegen das grosse Paris Saint-Germain reüssieren? Die Analyse von FCB-Reporter Sébastian Lavoyer über den FC Basel in der Champions League.

Sébastian Lavoyer
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Die Spieler des FC Basel beim Training im Stadion von Paris Saint-Germain.

Die Spieler des FC Basel beim Training im Stadion von Paris Saint-Germain.

KEYSTONE

Johann Wolfgang von Goethe wusste es. «Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los», schrieb er in seiner Ballade «Der Zauberlehrling» 1797. Ähnlich ergeht es dem FC Basel im Jahr 2016.

Die Erfolge vergangener Tage, die Sternstunden gegen Liverpool, Manchester United oder Chelsea, blieben nicht unbemerkt.

Die Konkurrenz ist gewarnt, unterschätzt dürften die Basler kaum mehr werden. Anders ist kaum zu erklären, dass die englischsprachige Fanseite von Paris Saint-Germain von den «Swiss Giant Killers» schreibt, von den Schweizer Riesen-Tötern.

Daran wird Basel gemessen – nicht nur von der Presse, sondern auch von den Fans. Sie lechzen nach ausserordentlichen Erfolgen, nach Siegen gegen übermächtige Gegner, nach Sternstunden, magischen Nächten, Fussball-Märchen. Doch diese dürften je länger, je seltener werden.

Nicht nur wegen der Geister, welche die Basler beschworen und nun nicht mehr loswerden, sondern insbesondere auch, weil die Schere zwischen kleinen und grossen Klubs immer weiter aufgeht. Das Geld, die Finanzkraft auf dem Transfermarkt macht immer öfter und deutlicher den Unterschied. Es ist eine Entwicklung, die der FC Basel nicht aufhalten kann.

Das liegt an den Vermarktungsmöglichkeiten der heimischen Liga. Zwar bringt der neue, ab 2017 bis 2021 gültige, Fernsehvertrag den Super-League-Klubs mit 35 Millionen Franken pro Jahr fast doppelt so viel Geld ein wie bis anhin.

Doch in England bringt der neue Fernsehvertrag den Premier-League-Klubs nicht mehr 1,25 Milliarden Euro pro Jahr, sondern 2,3 Milliarden. Oder in den Worten von FCB-Sportchef Georg Heitz: «Wenn man aus einer Million zwei macht, ist das schön.

Aber wenn anderswo der Betrag von 50 auf 100 Millionen wächst, ist das eine ganz andere Liga.»

Wird die Erwartungshaltung dereinst wieder etwas tiefer?

Diese Faktoren haben sich gerade in jüngster Zeit akzentuiert und gehen gerne vergessen, wenn man den FC Basel und seine Leistungen auf internationalem Parkett beurteilt.

Man schwelgt dann in Erinnerungen an vergangene Tage, an glorreiche Momente in der Königsklasse und ist sich nicht bewusst, dass diese Erfolge in Zukunft rarer sein dürften.

Auch weil die Topklubs daran arbeiten, die Champions League zu einer fast geschlossenen Gesellschaft umzuformen. Künftig werden die vier besten Teams der vier besten Ligen direkt für die Champions League qualifiziert sein. Ob sich Basel, sofern es Meister wird, dann noch direkt für die Königsklasse qualifizieren wird wie heute, steht in den Sternen.

So geht Georg Heitz davon aus, dass sich auch die Erwartungen an sein Team über die Zeit relativieren werden. Gerade dieses Jahr kämpft er mit den hohen Ansprüchen, sagt: «Ich glaube, wir haben eine extrem schwierige Gruppe erwischt dieses Jahr.» Mit Arsenal und PSG sind Basel gleich zwei Topteams zugelost worden. Wenn dann auch deren Form stimmt, kann es zu Spielen kommen wie zuletzt in London, wo der FCB nur dank viel Glück und einem glänzend haltenden Tomas Vaclik kein Debakel erlebte.

Die Heimstärke der Pariser und warum der FCB mutig sein soll

Doch der FC Basel kann auch jetzt noch Riesen töten, auch wenn diese immer grösser werden und den FCB immer seltener unterschätzen. Daran glaubt auch Heitz. Vor allem sollte ein Team einmal nicht so blendend in Form sein wie Arsenal.

Damit wären wir beim heutigen Gegner: Paris Saint-Germain. Die Abgänge von Superstar Zlatan Ibrahimovic und Trainer Laurent Blanc im Sommer haben bei den Parisern Spuren hinterlassen. Zwar blühte Uruguay-Stürmer Edinson Cavani nach Ibrahimovics Abgang förmlich auf und mit dem Basken Unai Emery konnten die Scheichs den Trainer von Serien-Europa-League-Sieger Sevilla verpflichten. Trotzdem läuft das Pariser Ensemble nicht so wunderbar orchestriert wie jenes der Londoner.

Nach vier Meistertiteln in Serie rangieren die Hauptstädter derzeit bloss auf Rang zwei – hinter Lucien Favres Nizza. In bisher neun Meisterschaftsspielen verloren sie zweimal – so oft wie während der gesamten letzten Saison. Paris schwächelt. Und genau das ist die Chance für Basel. Jetzt allerdings einen Sieg zu erwarten, wäre vermessen. Das liegt insbesondere an der Heimstärke des Scheich-Klubs. Während der vergangenen zehn Jahre hat Paris bloss ein einziges Heimspiel in der Königsklasse verloren. Das war im Jahr 2015 beim 1:3 gegen Barcelona.

Und unterschätzen werden die Pariser Basel kaum. Trainer Emery war nach dem 0:0 mit Sevilla in Basel äusserst angetan von der Leistung des Schweizer Meisters.

Er weiss, was Basel kann, und wird wie immer vor wichtigen Spielen bis tief in die Nacht die Videos des Gegners analysiert haben. Denn eine Heimpleite gegen den FCB könnte ihn schon arg in Bedrängnis bringen.

Zugleich ist dieses Spiel für FCB-Trainer Urs Fischer eine grosse Chance. Nach dem dürftigen Auftritt gegen Ludogorets (1:1) und der Lehrstunde von London (0:2) stehen er und sein Team in der Schuld.

Um diese Auftritte vergessen zu machen, braucht es keine Hexerei, auch keine Geister. Ein engagierter, mutiger Auftritt reicht bereits – selbst wenn es eine Niederlage absetzen sollte.