Nach dem Blick in die Gesichter der Trainer stellt sich die Frage: Haben beide Mannschaften verloren? Warum schaut neben Jeff Saibene auch Urs Fischer so grimmig drein? Der FCB-Trainer liefert die Antwort gleich selber: «Dass wir nach 20 Minuten den Betrieb eingestellt haben, wurmt mich ungemein. Damit habe ich grosse Mühe, das müssen wir nochmals genau anschauen!»

Die Episode zeugt vom Perfektionismus, der in Urs Fischer steckt. 3:0 in Thun gewonnen – schön und gut. Doch die Unzufriedenheit über die liederliche Arbeitsmoral seiner Spieler in der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit wiegt nach dem Spiel höher als die Freude über die drei Punkte. «Klar, wir haben gewonnen. Aber diese 25 Minuten werden mich noch lange beschäftigen», sagt Fischer.

In der Halbzeitpause wurde es gemäss Davide Callà in der FCB-Kabine laut, sehr laut. «Völlig zu Recht», fügt der Flügelspieler hinzu. Warum? Weil Rot-Blau in der Tat nach dem 3:0 in der 19. Minute durch Zuffi drei, vier Gänge zurückschaltete. Sind die Thuner bis dahin dem Ball nur nachgerannt, sind es nun plötzlich sie, die den Takt angeben. Und grosse Chancen haben, die aber alle ungenutzt bleiben.

Wirklich Angst musste man um den FCB aber nicht haben. War es nicht vielmehr so, dass sie nach dem Herausholen des klaren Vorsprungs das Tempo bewusst drosselten? Und dass die Mannschaft zu jedem Zeitpunkt nach Ruhepausen zulegen kann, das hat sie in dieser Saison zu Genüge bewiesen.

Vertrauen auf Bewährtes

Fischer aber hatte grosse Mühe mit dem Überlassen des Spieldiktats an Thun. Weil das Wort «Nachlässigkeit» in seinem Verständnis von Arbeitsmoral nicht existiert. Ob Training, Testkick oder Pflichtspiel – Fischer verlangt von seinen Spielern immer 100 Prozent, in jeder Minute. Er wehrt sich vehement gegen die These, der FCB gewinne die Spiele auch mit 80 Prozent Einsatz. Auf dem Platz äussert sich Fischers Perfektionismus in der bestechenden Stilsicherheit seiner Mannschaft: Alles ist sehr eingespielt, einstudiert, ein bisschen wie Fussball aus der Schublade. Fischer sagte vor der Saison, die Mannschaft müsse in der Offensive unberechenbarer werden. Das ist sie – aber dieser Fortschritt ist weniger das Resultat der Intuition der einzelnen Spieler als vielmehr des akribischen Trainingsalltags unter Fischer.

Die Stilsicherheit hat auch zur Folge, dass es neue Spieler, solche mit Trainingsrückstand oder solche, die aus Verletzungen kommen, extrem schwer haben, in die Mannschaft zu rutschen. Fischer hat seinen Stamm von 14, 15 Spielern, vertraut auf Bewährtes, der Erfolg gibt ihm recht. So liess Fischer Boetius nach dessen Siegtor im Cup gegen Rapperswil im nächsten Ligaspiel auf der Bank, statt den Holländer nach dessen Erfolgserlebnis auch im nächsten Super-League-Spiel zu bringen.

Saibene: «FCB so stark wie nie»

In Thun schaffte es Boetius nicht einmal ins Aufgebot. Verlässt er den Verein noch bis zur Schliessung des internationalen Transferfensters am 31. August? Und was passiert in den nächsten Tagen mit Birkir Bjarnason?

Es sind diese Fragen, die derzeit mehr interessieren als jene über die Leistung der Mannschaft. Die war – trotz Künstlerpause – auch in Thun einfach gut. Zu gut für die Super League. Thun-Coach Saibene nach dem Schlusspfiff: «So stark wie in dieser Saison war Basel noch nie. Die Dominanz ist einfach gewaltig und beeindruckend.» In Zahlen: Der FCB hat in jedem Spiel mindestens drei Tore erzielt. Er hat nach sechs Spieltagen 18 Punkte. Sechs mehr als der erste Verfolger Luzern. Und doppelt so viele wie die Berner Young Boys.

Telegramm:

Thun - Basel 0:3 (0:3)

Stockhorn Arena. – 5793 Zuschauer. – SR Pache. – Tore: 4. Lang 0:1. 13. Janko 0:2. 19. Zuffi 0:3.

Thun: Faivre; Glarner, Lauper, Bürki, Facchinetti; Fassnacht, Hediger, Geissmann, Tosetti (66. Schirinzi); Carlinhos (52. Peyretti); Rapp (79. Sorgic).

Basel: Vaclik; Lang, Suchy, Balanta (82. Högh) , Gaber; Xhaka (73. Fransson), Zuffi; Callà, Elyounoussi, Steffen (62. Bjarnason); Janko.

Bemerkungen: Thun ohne Dzonlagic, Ferreira, Reinmann, Schindelholz, Zino (alle verletzt). Basel ohne Akanji (verletzt), Serey Die, Sporar, Bua, Boëtius (alle nicht im Aufgebot). Verwarnungen: 33. Bürki (Foul), 78. Callà (Foul), 82. Sorgic (Unsportlichkeit).

Den Spielverlauf zum Nachlesen hier im Liveticker:

Scribblelive: FC Thun - FC Basel