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Wenn der Papa schlecht spielt, kommt er nach Hause

Kein Durchkommen: Fabio Coltorti ist für die Leipziger mit Trainer Ralf Rangnick ein sicherer Rückhalt.

Kein Durchkommen: Fabio Coltorti ist für die Leipziger mit Trainer Ralf Rangnick ein sicherer Rückhalt.

Zwei Aufstiege in den letzten drei Jahren kann Rasenballsport Leipzig verzeichnen. Mit den Leipziger strebt der Schweizer Goalie Fabio Coltorti nun den dritten Aufstieg an.

Als Fabio Coltorti nach der Länderspielpause zurück nach Deutschland fliegen musste, wurde es wieder einmal besonders hart. Aus der warmen Sonne Marbellas ins kalte Leipzig zu kommen, war das eine. Sich von seiner Tochter Adriana verabschieden zu müssen, das andere. «Sie hat geweint und gesagt, ich solle mir keine Mühe geben», erzählt Coltorti.

Die Sechsjährige hat begriffen: Wenn der Papa schlecht spielt und keine Bälle mehr fängt, dann wird er nicht mehr gebraucht und kann immer bei der Familie sein. Gestern, beim 1:0-Sieg in Bochum, ist Coltorti dem Wunsch von Adriana allerdings nicht nachgekommen. Er hielt fehlerfrei.

Frau und Kind weiter in Spanien

Natürlich wäre es auch Coltorti am liebsten, müsste er nicht getrennt von seiner spanischen Frau und seiner Tochter leben. Vor gut drei Jahren hat er sich aber entschieden, bei Rasenballsport Leipzig einen Vierjahresvertrag zu unterschreiben. Dass seine Liebsten weiter in ihrem Haus in Spanien leben würden, war indes klar. «Adriana wurde eingeschult, und wir wollten sie nicht aus ihrem Umfeld reissen», sagt Coltorti.

«Aber natürlich stellte ich mir oft die Frage, wie sehr ich meine Tochter wohl enttäusche, wenn ich immer wieder zur Arbeit nach Leipzig fliege.» Inzwischen hat der Vater eine Antwort: «Unsere Verbindung ist durch die räumliche Trennung sogar stärker geworden.» Das Zusammensein bei Länderspielpausen oder nach der Saison ist dann besonders intensiv. «Sollte ich einmal spüren, dass Adriana fremdelt, dann höre ich hier auf», sagt Coltorti.

Doch danach sieht es nicht aus, und der Torhüter kann sich gut auf seinen Job konzentrieren. Wenn er über diesen spricht, dann klingt es so, als habe er einen Sechser im Lotto gewonnen. Nicht nur, weil er gut verdient in Leipzig. Er schwärmt von der einzigartigen Infrastruktur, die Rasenballsport dank dem Getränkegiganten Red Bull zur Verfügung steht. Für 30 Millionen ist unweit der Red-Bull-Arena ein Leistungszentrum der Superlative entstanden. «Aber auch das Umfeld und die Stadt Leipzig passen. Ich habe tolle Leute kennen gelernt», sagt Coltorti.

Auf der Suche nach Abenteuer

Es zahlt sich nun aus, dass er vor drei Jahren ein Risiko auf sich genommen hat. Als er nach vier Jahren bei Racing Santander und einer mittelmässigen Saison bei Lausanne-Sport bei RB unterschrieb. «Was soll ich in der vierten Liga?», hatte er sich gefragt. Der Klub war 2009 gegründet worden in der Absicht, mithilfe der Red-Bull-Millionen innert weniger Jahre in die Bundesliga aufzusteigen. Die Verantwortlichen konnten Coltorti vom Projekt überzeugen. «Zuvor hatte ich erwogen, in den USA oder Australien zu spielen. Ich suchte ein Abenteuer», sagt Coltorti.

So aber spielte er in Meuselwitz und Halberstadt. Und musste sich wüste Beschimpfungen anhören. Überall, wo RB auftauchte, wurden die Spieler als Scheissmillionäre bezeichnet und oft auch angespuckt. «Gegen Union Berlin II spielten wir bei minus 18 Grad auf einem Schulhausplatz und die Zuschauer standen dicht an der Seitenlinie», erinnert sich Coltorti. Dank einem Remis nach Verlängerung gegen Lotte stiegen die Leipziger am Ende der Saison 12/13 in die 3. Liga auf. «Emotional war dieser Aufstieg etwas vom Grössten in meiner Karriere», sagt Coltorti.

Coltorti als Torschütze

Ein Jahr später jubelten die Leipziger nach dem Aufstieg in die 2. Liga erneut. In Heidenheim hatten sie zuvor erlebt, wie Fans vor ihrem Mannschaftsbus falsche Geldscheine in die Luft warfen. Doch an die Anfeindungen hatten sie sich allmählich gewöhnt, zumal sie in den grösseren Stadien nun mehr und mehr vor aggressiven Fans geschützt waren.

RB beendete die Saison, in der Trainer Alexander Zorniger entlassen wurde, auf dem fünften Rang. «Das war enttäuschend», sagt Coltorti. Immerhin hatte der Goalie ein persönliches Highlight, als ihm gegen Darmstadt in der 93. Minute der 2:1-Siegtreffer («ein Gänsehautmoment») gelang. Jetzt hofft ganz Leipzig auf den dritten Aufstieg in vier Jahren. «Die Euphorie ist gross, die Akzeptanz für RB in der Stadt riesig», sagt Coltorti. Im Schnitt kommen 30 000 Zuschauer zu den Heimspielen.

Nur Sachsenpokal im Palmarès

Der Schweizer mit Wurzeln im Tessin und in Italien, aufgewachsen in der Zentralschweiz und dort zum Primarlehrer ausgebildet, sagt, er habe sich sportlich noch nie so gut in Form gefühlt wie jetzt. «Früher war ich trainingsbesessen, jetzt ist mir die Qualität der Trainings wichtiger als die Quantität.» Auch zwei langwierige Verletzungen brachten ihn nicht vom Kurs ab. «Ich werfe alle meine Erfahrungen in die Waagschale, bin gelassen geworden und geniesse es, meine Leistung abzurufen», sagt der achtfache Schweizer Nationalspieler. Im Dezember wird er 35 Jahre alt.

«Für viele in unserem jungen Team bin ich so etwas wie der Papa», sagt Coltorti. Er möchte aber unbedingt noch die Glitzerwelt der Bundesliga erleben. Selbst der Traum von der Champions League ist nicht erloschen. Wird er darauf angesprochen, dass er noch keinen Titel gewonnen habe, kontert er mit der Gegenfrage, ob denn der Sachsenpokal kein Titel sei. Aber, ernsthaft: «Meine Titel im Fussball sind, dass ich dank ihm meine Frau kennen gelernt habe und mich als Mensch weiterentwickeln konnte.»

Während eines Jahres hat Coltorti einen alten VW-Bus umbauen lassen. Er ist stolz auf das Gefährt. Wenn er in Leipzig fertig ist und die Karriere zu Ende, wird er diesen besteigen und heim nach Spanien fahren. Er hat schon viele Ideen für die Zeit nach dem Fussball. «Aber ich möchte noch so lange wie möglich spielen», sagt Coltorti.

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