WM-Kolumne
Weltmeister Russland? Nein, Panama!

Dawai! Der Ausruf kommt immer wieder. Zu Deutsch: «Auf geht’s!» Es ist die Aufforderung der russischen Fans an ihre Spieler, mal endlich ein Tor zu schiessen, wenn diese doch einmal ein bisschen in die Nähe des gegnerischen Strafraums kommen.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Weltmeister Russland?

Weltmeister Russland?

KEYSTONE/AP/DMITRI LOVETSKY

Wir sitzen in einem schmucken Café in Nischni Nowgorod, irgendwann sagt Vitalii grinsend: «Ja, ja, ich glaube, wir müssen noch ein bisschen warten, bis wir Weltmeister werden.» Der Russe und sein Nationalteam, es ist eine ambivalente Beziehung. So richtig überzeugt sind die Gastgeber von ihren Fussballern auch nach den beiden Auftaktsiegen nicht. Die 0:3-Niederlage gegen Uruguay wird nüchtern zur Kenntnis genommen. Trotz Bier und Wodka.
In der 1,2-Millionen-Stadt Nischni Nowgorod spielen die Schweizer am Mittwoch ihre dritte WM-Partie gegen Costa Rica. Es ist ein schöner Flecken Erde. Hügelig. Luftig. Nicht schrill und laut wie die Hauptstadt. Beim Stadion laufen Wolga und Oka zusammen, auch das Wasser schlägt ein gemächliches Tempo an. Auf einem grossen Plakat steht: «Welcome the game, Switzerland!» Dazu ein Jubelbild von Shaqiri und Drmic aus dem WM-Achtelfinal 2014 gegen Argentinien.

Aber ja, das Stadion, ein eigentliches Kunstwerk zwar, 280 Millionen Franken teuer, 45 000 Zuschauer haben Platz. Nur: Irgendwie passt es so gar nicht in die schöne Umgebung. Es wirkt fast ein bisschen wie ein Ufo. Und was wird nach der WM aus dem Prunkwerk, frage ich mich? Rätsel. Bester Verein aus der Region ist Olimpiets Nischni Nowgorod – er spielt nur in der zweithöchsten Liga. Mehr als 1000 Zuschauer wollen die Spiele selten sehen.

Weiter geht’s auf der Stadtrundfahrt. Derweil sich der Taxifahrer darüber ärgert, dass schon wieder Stau herrscht, freut sich der Gast darüber, die aus der Zeit gefallenen Trams und Busse etwas genauer betrachten zu können. Und natürlich fallen die wunderbaren Kirchen auf. Das ist kein Zufall, erzählt Vitalii später, der Glaube gebe auch heute noch vielen Leuten Halt.

Wer wie Vitalii und seine Frau in Nischni Nowgorod zu Hause ist, der erlebt viel dieser Tage. Farbenfrohe Fans vor allem. Zuerst die Schweden, dann Argentinier und Kroaten. Zuletzt waren die Engländer da. Aber auch einige Fans des WM-Neulings Panama. Zum Beispiel Luis. Er leidet unter Muskelschwund, ist im Rollstuhl unterwegs, zusammen mit seiner Frau folgt er seinen Nationalhelden quer durch Russland. Seine Laune ist auch nach zwei heftigen Niederlagen prächtig. «Ich finde, wir haben es für die erste Teilnahme an einer WM nicht so schlecht gemacht», sagt er und dann: «Du hättest dabei sein müssen, als wir das 1:6 erzielten – Jubel, als wären wir gerade Weltmeister geworden.»