Kritik
Wegen Besuch bei Erdogan: Die deutschen Nationalspieler Gündogan und Özil stehen von allen Seiten unter Beschuss

Die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil ernten massive Kritik für ihren Auftritt an der Seite des türkischen Präsidenten Erdogan. Während sich Gündogan äussert, bleibt Özil still. Trotz allem hat Trainer Joachim Löw die beiden Fussballspieler ins provisorische Kader für die Weltmeisterschaft in Russland aufgenommen.

Christoph Reichmuth
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Stein des Anstosses: Der deutsche Nationalspieler Mesut Özil posiert mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Stein des Anstosses: Der deutsche Nationalspieler Mesut Özil posiert mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Getty Images

Just zum Zeitpunkt, an dem Bundestrainer Jogi Löw das provisorische Kader für die WM in Russland bekannt gegeben hat, sorgten die beiden Premier-League-Spieler Ilkay Gündogan von Manchester City und Mesut Özil von Arsenal London für erheblich Wirbel.

Die zwei Mittelfeld-Stars trafen sich am Sonntag im Londoner Edelhotel «Four Seasons» mit dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan. Beide schenkten dem umstrittenen türkischen Präsidenten ein Trikot ihres Vereins, der 27-jährige Gündogan signierte sein Trikot mit den Worten: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.»

Mesut Özil

Mesut Özil

Keystone

Treffen mit Erdogan schlägt hohe Wellen

Das Treffen der beiden deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln schlägt in Deutschland hohe Wellen. Das deutsch-türkische Verhältnis ist seit Jahren höchst angespannt, die Türkei setzte missliebige Journalisten auch deutscher Staatsbürgerschaft unter dem Vorwand angeblicher Terrorunterstützung monatelang in Haft.

In der Türkei selbst etabliert der 64 Jahre alte AKP-Politiker zunehmend ein autokratisches System, Meinungs- und Pressefreiheit sind stark eingeschränkt. Erdogan hat für Juni Präsidentschafts- und Parlamentswahlen angekündigt. Das Zusammentreffen mit den beiden prominenten Fussballprofis ist für Erdogan eine willkommene Wahlkampfhilfe. Kaum hatte das Treffen in London stattgefunden, verbreitete die Erdogan-Partei AKP die Fotos im Netz.

Vor den Karren spannen lassen

Während der 29 Jahre alte Arsenal-Profi Özil auf die Kritik mit Schweigen reagiert, versuchte Gündogan die Aktion zu rechtfertigen. Sie seien von Erdogan zu dem Treffen eingeladen worden.

Ilkay Gündogan (ganz rechts)

Ilkay Gündogan (ganz rechts)

KEYSTONE/EPA ANSA/DANIEL DAL ZENNARO

«Sollten wir uns gegenüber dem Präsidenten des Heimatlandes unserer Familie unhöflich verhalten? Bei aller berechtigten Kritik haben wir uns aus Respekt vor dem Amt des Präsidenten und unseren türkischen Wurzeln – auch als deutsche Staatsbürger – für die Geste der Höflichkeit entschieden», schrieb der im Ruhrgebiet geborene Fussballprofi in einer Erklärung.

Aus Naivität gehandelt

«Fussball ist unser Leben und nicht die Politik.» Dass sich die beiden absichtlich vor den Karren des autokratischen Machthabers Erdogan haben spannen lassen, ist unwahrscheinlich. Viel eher gerieten die beiden Nationalspieler aus Naivität in die für sie ungemütliche Situation.

Dass Erdogans Einladung durchaus auch hätte ausgeschlagen werden können, bewies der ebenfalls türkischstämmige deutsche Fussballer Emre Can vom FC Liverpool, der auch zu dem Treffen gebeten worden war, Erdogan indes eine Absage erteilte.

Heftige öffentliche Kritik

Wie dem auch sei: Gündogans Beteuerungen zum Trotz war die Kritik gestern heftig. «Der Fussball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden», verlautete der Präsident des Deutschen Fussballbundes (DFB), Reinhard Grindel.

Erdogan - seinem Aufruf sind die beiden deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil gefolgt.

Erdogan - seinem Aufruf sind die beiden deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil gefolgt.

Keystone

Es sei nicht gut, dass sich die Auswahlspieler für Wahlkampfmanöver Erdogans missbrauchen liessen. «Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen.»

Reaktionen von deutschen Politikern

Der langjährige CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach bezeichnete die Unterstützung eines «antidemokratischen, autoritären Herrschers» als «befremdlich», die SPD-Fraktion sprach von einer «Huldigung für einen Politiker, der die Pressefreiheit mit Füssen tritt und die Menschenrechte einschränkt», die Linkspartei sprach von einem «groben Foul» der beiden.

Der grüne baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann meinte: «Das können sie nur durch viele Tore bei der Weltmeisterschaft egalisieren.» Sein Parteikollege Cem Özdemir – selbst mit türkischen Wurzeln – bemerkte spitz: «Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heisst Frank-Walter Steinmeier.»

Sympathien erheblich gesunken

Bundestrainer Jogi Löw setzte die beiden begnadeten Mittelfeldspieler gestern trotz der heftigen öffentlichen Schelte auf die Liste des vorläufigen WM-Kaders. «Wir haben vonseiten des Verbandes klargemacht, dass es keine glückliche Aktion war. Aber beide haben für die Integration in Deutschland sehr viel getan. Der Vorfall wird ihnen eine Lehre sein», sagte der Bundestrainer.

Trotzdem aufgeboten: Joachim Löw hat die beiden deutschen Nati-Spieler trotzdem für die WM in Russland aufgeboten.

Trotzdem aufgeboten: Joachim Löw hat die beiden deutschen Nati-Spieler trotzdem für die WM in Russland aufgeboten.

KEYSTONE/EPA/FRIEDEMANN VOGEL

Indes: Die Sympathien für die beiden Premier-League-Leistungsträger sind zumindest bei einem Teil der Bevölkerung erheblich gesunken. 80 Prozent von 75 000 Menschen, die sich an einer Umfrage von «Focus»-Online beteiligten, gaben an, dass Özil und Gündogan fortan «eher nicht mehr» oder «sicher nicht mehr» das Trikot der deutschen Nationalmannschaft überstreifen sollten.

Verzicht auf das Singen der Nationalhymne

In Internetforen und manchen Zeitungen wurde auch eine allgemeinere Debatte um die seit Beginn des 21. Jahrhunderts steigende Zahl von deutschen Nationalspielern mit Migrationshintergrund angeschoben. Manche deutschen Fussballfans tun sich schwer mit dem Umstand, dass einige DFB-Auswahlspieler mit Migrationshintergrund vor Länderspielen darauf verzichten, die Nationalhymne mitzusingen.

Die Diskussion hat durchaus Ähnlichkeiten mit Debatten über das Mitsingen der Hymne, wie sie immer wieder rund um die Schweizer Fussballnationalmannschaft mit ihren Spielern wie Xhaka, Shaqiri, Behrami oder Zakaria aufkeimen.

Finalheld Götze fehlt im Aufgebot

Prominentester Abwesender in Jogi Löws WM-Team ist Mario Götze, der Siegtorschütze im WM-Final 2014 von Rio de Janeiro. «In dieser Saison war er wahrlich nicht in der Form», so Löws Urteil.

Der zuletzt lange verletzte Bayern-Goalie Manuel Neuer hingegen steht im vorläufigen Aufgebot, sein Klubkollege Sandro Wagner hingegen nicht. (sid)