Rustenburg (Südafrika 2010) war zu isoliert, Krakau (Polen 2012) zu laut, Rio am Strand von São Conrado (2014) zu laut und dabei doch irgendwie zu isoliert. Seit Englands vermeintlicher goldener Generation bei der WM in Deutschland in einem Dunst aus Spielerfrauen-Partys und Fünf-Sterne-Ennui in Baden-Baden ihr Glanz abhandenkam, sind die Wohnverhältnisse der Auswahl mit dem «Drei Löwen»-Trikot ein bestimmendes Thema auf der Insel. In Frankreich hat sich Roy Hodgsons Kader im schönen Städtchen Chantilly einquartiert, eine halbe Stunde nördlich von Paris, wo die Häuser wie die gleichnamige Sahne in der Juni-Sonne schimmern und die Stimmung laut übereinstimmenden Berichten der Mannschaften in diesen Tagen zunächst mal so spitze ist wie das gleichnamige Textilprodukt.

England im Portrait

England im Portrait

 

In Chantilly soll die ohne grossen Druck angereiste Mannschaft Ruhe und Zerstreuung zugleich finden, vor allem aber eine gewisse Normalität. «Wir sagen den Spielern: ‹Bitte geht raus und trinkt mal einen Kaffee mit euren Freunden und Familien. Es gibt eine Welt da draussen, die nicht nur Fussball ist», sagt der frankophile Trainer Roy Hodgson, 68, «wir wollen eine Umgebung schaffen, die sich nicht wesentlich vom normalen Leben der Spieler unterscheidet, weil wir Leistungen fördern wollen, die sich nicht wesentlich von den Leistungen aus der Premier League unterscheidet.»

Business as usual lautet die dazugehörige Strategie auf dem Rasen. England ist fest entschlossen, seine miserable EM-Bilanz (9 Siege in 27 Spielen) mit jugendlicher Energie und urbritischem Sturm-Elan aufzupolieren; genügend aufregende Offensivkräfte stehen ja zur Verfügung. Gegen Russland werden unter anderem der englische Torschützenkönig Harry Kane (22) und der hochtalentierte Mittelfeldmann Dele Alli (20, beide Tottenham Hotspurs) ihr Turnierdebüt geben.

Englands Nationalcoach Roy Hodgson (l.) bespricht sich mit Captain Wayne Rooney.

Englands Nationalcoach Roy Hodgson (l.) bespricht sich mit Captain Wayne Rooney.

Was die meistdiskutierteste Personalie auf der Insel angeht, wird Hodgson insgeheim aber eher nicht darauf hoffen, dass der Spieler seine Form aus der Liga mit auf die andere Seite des Ärmelkanals gebracht hat. Wayne Rooney, Kapitän der Truppe, spielte unter Ex-Manchester-United-Coach Louis van Gaal in der abgelaufenen Saison, als hätte ihn Hypnos, der griechische Gott des Schlafes und der Faulheit, persönlich in die Wade gebissen.

Erinnerung an all die Enttäuschungen

«Egal, ob Roy mit einem, zwei oder drei Angreifern aufläuft – Wayne hat seinen Startplatz nicht verdient», sagt Radiokommentator Stan Collymore, und weiss dabei Volkes Meinung hinter sich. Der 30-Jährige, der sich in Ermangelung von Explosivität am Ball als «Elder statesman» im offensiven Mittelfeld neu erfunden hat, würde New England im Weg stehen, murrt die Basis, darüber hinaus erinnert er als letzter Verbliebener aus der Beckham-Lampard-Gerrard-Hype-Maschine das Publikum unangenehm an all die Enttäuschungen und Peinlichkeiten der vergangenen Jahre, gegen die Hodgsons Junglöwen in Frankreich explizit anspielen wollen.

Seit er 2004 bei der EM als 17-Jähriger gegnerische Abwehrreihen zerfetzte, vier Tore schoss und England fast zum ersten Titel seit 1966 führte, ist Rooney nie mehr richtig in Fahrt gekommen. Und mit ihm auch die Mannschaft nicht. Null Tore, null Tore, ein Tor, ein Tor lautet seine Bilanz aus den vergangenen fünf Wettbewerben. Die EM 2008 verpasste sein Team ganz.

Hodgson hat Rooney trotz der Proteste in der Heimat seinen Einsatz garantiert, System und Aufstellungen seien hierbei zweitrangig, meint er. «Wir reden hier über einen Spieler, der 111-mal für England aufgelaufen ist und dabei 53 Tore erzielt hat», erwiderte er nach dem müden Freundschaftskick gegen Portugal (1:0) den Reportern einigermassen ungehalten, «seine ‹beste Position› ist überall auf dem Platz.» Aber das nicht mehr lange. Diese EM ist Rooneys letzte Chance, der eigenen Verheissung gerecht zu werden. Als Anführer, den die Gefolgschaft längst überholt hat.