Zu Besuch in Nordirland
Was für eine Passion - Wie die Nordiren mit ihrer Leidenschaft alles für den Fussball geben

Nach dem die Schweiz gegen Portugal verloren hat und nun in der Barrage antreten muss, trifft das Schweizer Fussball-Nationalteam am nächsten Donnerstag in der WM-Barrage auf Nordirland. Die «Schweiz am Wochenende» hat die Stimmung vor Ort ausgelotet.

Markus Brütsch
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Mehr als der «zwölfte Mann»: Die Green and White Army begleitet die nordirische Mannschaft zu Tausenden und gibt alles, um das Team zu unterstützen.

Mehr als der «zwölfte Mann»: Die Green and White Army begleitet die nordirische Mannschaft zu Tausenden und gibt alles, um das Team zu unterstützen.

Getty

Der Trip beginnt gut. Auf einem nach George Best benannten Flughafen zu landen, ist schon per se vielversprechend. Wenn dann aber eine Viertelstunde später noch William auf der Bildfläche erscheint, bekommt die Vorfreude einen nächsten Schub. Wir sind nach Nordirland gereist, weil das kleine Land es wagt, dem Fussballgiganten Schweiz den Platz bei der WM 2018 in Russland streitig zu machen.

Wir wollen wissen: Wie tickt dieser Zwerg, dessen Fläche nur ein Drittel so gross ist wie die Schweiz und dessen Einwohnerzahl (1,9 Millionen gegenüber 8,4 Mio.) noch deutlicher hinterherhinkt? Was legitimiert diesen Underdog, sich gegen einen Turnierdauerbrenner Chancen auszurechnen, erstmals seit 1986 bei einer WM dabei zu sein?

Williams Sehnsucht

Zurück zu William. Dieser ist zwar von Beruf Taxifahrer, in seinem Lieblingsleben aber ein Fussballlexikon und Mitglied der Green and White Army. Zwar ist es für Journalisten ein No-Go, eine Story mit Erzählungen eines Taxifahrers zu würzen − zu banal, zu beliebig, zu viel Taxilatein −, bei William aber müssen wir eine Ausnahme machen.

Kaum hat dieser erfahren, dass wir des Fussballs wegen nach Belfast gekommen sind, geht es ohne Punkt und Komma los, rattert er gleich mal die Halbzeitresultate der Champions League herunter, gratuliert dem FC Basel voreilig zur Achtelfinalqualifikation und sagt dann: «Ich wünsche mir nichts sehnlicher als die WM-Qualifikation.»

«Will Grigg's on Fire» bis zur Heiserkeit

Es versteht sich von selbst, dass er in Russland dabei wäre, um mit der Green and White Army die unvergesslichen EM-Tage in Frankreich neu aufleben zu lassen. «Als wir in Lyon gegen die Ukraine 2:0 gewannen, sangen wir den Song ‹Will Grigg’s on fire!› so lange, bis wir heiser waren. Dabei hat Will ja nicht mal eine Minute gespielt!» William lacht schallend.

Nur gut, denkt er jetzt nicht daran, sein Handy zu zücken, um am Steuer die unvergesslichen Bilder von 2016 zu zeigen. Zum Abschied gibt er uns seine etwas eigenwillige Einschätzung der Barragespiele mit auf den Weg: «Ihr habt zwar den Vorteil, das Nachbarland von Deutschland zu sein und vom Weltmeister zu lernen. Aber ich bin gespannt, wie ihr mit der unglaublichen Atmosphäre im Windsor Park klarkommt. Daran sind schon viele auswärtige Mannschaften zerbrochen.»

Die Reise nach Derry

Die Zugfahrt am nächsten Morgen kommt ohne Fussball aus. 99 Prozent der Passagiere starren auf das Mobiltelefon. Das W-LAN der Northern Ireland Railways funktioniert perfekt. Die Reise führt über Antrim und Ballymena hinauf in den Norden nach Coleraine. Die unzähligen Schafe auf den grünen Wiesen bestätigen alle Irland-Klischees.

Dann biegt die Bahnstrecke westwärts ab, lässt touristische Highlights Nordirlands wie Giant’s Causeway und Carrick-a-Rede Rope Bridge rechts liegen und führt nach Londonderry/Derry, in die zweitgrösste Stadt Nordirlands, nur wenige Kilometer von der Grenze zur Republik Irland entfernt.

Die katholischen und irisch stämmigen Einwohner nennen sie Derry, die Grossbritannien verbundenen Leute Londonderry. Um neutral zu bleiben, verwendet die nordirische Eisenbahn bei Durchsagen die Bezeichnung «Derry – Londonderry».

«You are now entering free derry»

«You are now entering free derry»

Nordwestschweiz

Derry ist 1972 durch den Bloody Sunday bekannt geworden, als während des Nordirlandkonflikts britische Soldaten dreizehn Demonstranten erschossen. Noch immer erhalten ist eine alte Hausmauer mit dem Hinweis «You are now entering Free Derry City». Im katholischen Quartier Bogside flattern aus Sympathie zu den Separatisten in Barcelona katalanische Flaggen in Wind und Nieselregen.

Derry City spielt in Irland

Weil es während der Unruhen immer wieder zu Ausschreitungen bei den Spielen gegen die protestantischen Mannschaften aus Belfast gekommen war, wurde der katholische Derry City FC, der nordirische Meister von 1965, aus dem Meisterschaftsbetrieb genommen, spielt nun seit 1985 in der Liga der Republik Irland und ist 1989 und 1997 irischer Meister geworden. Der Österreicher Lukas Schubert spielt seit anderthalb Jahren für Derry, das die Meisterschaft soeben auf dem vierten Rang abgeschlossen hat.

«Für die Menschen hier stimmt es, dass ihr Team in der irischen Liga spielt, und der Klub fühlt sich auch wohl», sagt Schubert. Innerhalb der Mannschaft hat er keine Probleme zwischen Katholiken und Protestanten ausgemacht, räumt aber ein, dass das Thema tabuisiert werde. «Unser Trainer ist ein Protestant. Das wäre vor einigen Jahren noch nicht denkbar gewesen.»

Was Schubert aber während der EM 2016 beobachtet hat: «Wenn Irland spielte, war in Derry die Hölle los. Wenn Nordirland spielte, war Ruhe. In Derry hoffen die meisten auf eine Niederlage gegen die Schweiz.» Der Österreicher sagt, ihm gefalle es in Derry. Er empfiehlt ein Gespräch mit Seamus Kennedy, der ein Freund geworden ist: «Er weiss alles über Derry, den Konflikt und den Fussballklub.»

«Jimmy war besser als Best»

Seamus ist Baumeister und Musiker und führt in Derry ein kleines, aber gediegenes B&B. Die Wände sind geschmückt mit Fussballbildern und zeugen von der bedingungslosen Liebe zu Celtic Glasgow. Der 54-Jährige stammt aus dem irischen Donegal und präsentiert auf seinem Mobiltelefon während einer geschlagenen Viertelstunde die wilden Dribblings von Celtics Legende Jimmy Johnstone.

Die Legende: Jimmy Johnstone

Die Legende: Jimmy Johnstone

Keystone

«Ich sage dir: Jimmy war um vieles besser als George Best. Dieser wird überschätzt, weil er gut aussah und wegen des Drumherums.» Ein Nadelstich gegen Nordirland. Dann zeigt Seamus lachend auf ein Mannschaftsbild. «Das hier ist das beste Team aller Zeiten!» Neben ihm sind seine zehn Brüder abgebildet ...

«Tourismus statt Terrorismus»

Seamus muss weiter. «Ich hoffe, dass ihr die Nordiren hinauswerft und wir Dänemark schlagen. Dann fahren wir gemeinsam nach Russland.» Bevor er dann wirklich geht, sagt er noch: «Ich wünsche mir, dass Irland wieder ein einziges Land wird, auch im Sport. Im Rugby geht es, da sind wir eine Nation. Warum im Fussball nicht?»

Zurück in Belfast sagt ein Tourguide: «Heute haben wir Tourismus statt Terrorismus.» Wir befinden uns an der Peace Wall, einer Mauer, welche die katholischen und die protestantischen Quartiere zwischen der Falls Road und der Shankill Road trennt. Sie hat für viele ihrer Bewohner noch immer eine grosse Bedeutung, auch der Sicherheit wegen.

Fassadengemälde im katholischen Quartier Bogside in Derry.

Fassadengemälde im katholischen Quartier Bogside in Derry.

Markus Brütsch

Wie das Titanic-Museum, welches umfassend über das weltberühmte und in Belfast gebaute Schiff berichtet, sind auch die Friedensmauern zu einer Touristenattraktion geworden. Ehemalige IRA-Bombenleger arbeiten als Fremdenführer und übergeben die Besucher dann Kollegen, die für die Unionisten gekämpft haben und die Sicht der anderen Seite schildern. Die Malereien an der Mauer und vielen Belfaster Häuserfassaden fahren ein.

Rasenpflege im Windsor Park

Das Nationalstadion Windsor Park liegt in einem Stadtteil, wo sich früher Katholiken nicht hingewagt hätten. Es ist von 2014 bis 2016 umfassend saniert worden, bietet 18 500 Plätze mit bester Sicht und einen Naturrasen, der schon kräftiger gesprossen ist.

Das hat damit zu tun, dass auch der FC Linfield hier seine Heimspiele austrägt und das Terrain entsprechend beansprucht wird. Ob dieses bis zum Donnerstag wieder etwas besser aussieht? «Wir geben unser Bestes», sagt ein einsamer Arbeiter, der gerade dabei ist, die Löcher zu stopfen, die beim Cupspiel am Montag entstanden sind.

Für 8,5 Pfund kann man beim nordirischen Verband eine zweistündige Tour im Windsor Park buchen. Wir lauschen dem versierten Guide, der mit Hingabe von den grössten Siegen in diesem Stadion erzählt und der feuchte Augen bekommt, wenn er in den Katakomben vor dem riesigen Poster steht, das den jubelnden Torschützen Gareth McAuley bei der EM zeigt.

Wächst das Gras?

Wir stehen nun am Spielfeldrand und versuchen, zu erkennen, ob das Gras denn auch wirklich wächst. Zuvor haben wir in einer grosszügig gestalteten Ausstellung umfassend Bekanntschaft mit den unzähligen Legenden des nordirischen Fussballs gemacht. George Best, Pat Jennings, Gerry Armstrong, Martin O’Neill, David Healy − alle da. Kinder wie der 10-jährige Adam können gegen Jennings Penaltys schiessen. Der Keeper hechtet dann virtuell in eine Ecke.

Jetzt sitzt Adam im Pressesaal vor dem Mikrofon und fühlt sich wie Nationalcoach Michael O’Neill. Der Stadionführer spielt den Journalisten: Michael, was wünschen Sie sich für das Spiel gegen die Schweiz? Der kleine Adam räuspert sich und sagt: «Wir gehen früh in Führung und spielen zu null.»

Draussen vor dem Stadion steht Raymond. Tickets für ein Linfield-Spiel braucht er nicht, denn er hat eine Dauerkarte. «Ich wohne gleich da drüben und besuche jeden Match von Linfield. Und natürlich hoffe ich, dass sich Nordirland für die WM qualifiziert», sagt der 42-Jährige. Er wisse aber, dass nicht alle im Land diesen Wunsch hätten. Er selber sei jedoch überzeugter Brite, nur der Brexit bereite ihm Mühe.

Zu Besuch bei den Crusaders

Es wird allmählich dunkel im kühlen Belfast. Weil die nordirischen Liga-Fussballer nur zwei Mal pro Woche trainieren und bestenfalls einige hundert Pfund im Monat erhalten, gehen alle einer geregelten Arbeit nach. Sie betreiben ihr Hobby erst am Abend, und deshalb reicht die Zeit, um noch bei den Crusaders im Norden der Stadt vorbeizuschauen.

Im Seaview, einem Kleinstadion mit Kunstrasen, sind die Kreuzritter seit Urzeiten zu Hause und begrüssen im Schnitt 1500 Fans. Zuletzt sind sie 2016 nordirischer Meister geworden. In jener Saison wurden sie von der BBC begleitet. Entstanden ist ein 60-minütiger Film, der berührt, weil er eindrücklich zeigt, mit welcher Passion die Menschen hier für ihren Verein da sind; und umgekehrt.

Michael Long: «Die Crusaders sind seit 44 Jahren mein Leben.»

Michael Long: «Die Crusaders sind seit 44 Jahren mein Leben.»

Markus Brütsch

«Die Crusaders sind mein Leben», sagt Vorstandsmitglied Michael Long, von Beruf Buchhalter. «Ich gehöre seit 44 Jahren zu dieser Familie», sagt der 47-jährige Familienvater, knöpft sich das Hemd auf und zeigt das rot-schwarze Logo, das er sich dorthin hat stechen lassen, wo ein paar Zentimer tiefer das Herz pocht. Das tut es am Samstag um 15 Uhr noch ein bisschen schneller, wenn die Crusaders auswärts gegen Ards antreten. «Ein extrem wichtiges Spiel», sagt Long.