Am Anfang war die Frage nach dem Sinn. Statt zum Sprint anzusetzen, grübelte Rachel Rinast: «Warum tue ich mir das an? Du wirst doch eh gleich wieder angeschissen für all das, was du falsch machst.» Von da an ging es nach unten. Bis sie den Tiefpunkt erreichte.

Wenn sie spielte, wollte sie eigentlich gar nicht. Wenn sie auf der Bank sass, hoffte sie, nur ja nicht eingewechselt zu werden, hörte sie ihren Namen, duckte sie sich weg. «Ich hätte alles lieber gemacht, als Fussball zu spielen. Ich wäre sogar lieber zum Schwimmen gegangen – und das hasse ich», erinnert sich die 27-Jährige.

Durch Smalltalk in die Nationalmannschaft

Ende Dezember meldet der Bundesligist SC Freiburg, dass man den Vertrag mit Rinast aufgelöst habe. Auf ihren Wunsch. Knapp sechs Monate, nachdem die Schweizer Nationalspielerin im Breisgau unterschrieben hatte. Rinast kam aus dem benachbarten Basel nach Deutschland. Zurück in ihr Heimatland. Im hohen Norden, in Bad Segeberg, wuchs sie auf.

Rachel Rinast wagt mit ihrem Wechsel den Schritt ins Ungewisse. Wie beim Shooting für das Zürcher Label Ina Kess. HO

Rachel Rinast wagt mit ihrem Wechsel den Schritt ins Ungewisse. Wie beim Shooting für das Zürcher Label Ina Kess. HO

Als Vierjährige nahm sie ihr damaliger bester Freund mit zum Fussball. Es ist Liebe auf den ersten Kick. Schon als Teenager dann in der 2. Bundesliga der Frauen, später ganz oben. Erst 2015 wurde sie zur Schweizer Nationalspielerin. Im Smalltalk mit einem Spielerberater erwähnt sie, dass ihre Mutter Schweizerin ist, sie einen Schweizer Pass habe. Wenig später gibt sie ihr Debüt in der Nati, ist auf Anhieb Stammspielerin, fährt zur WM, wird zur Teamstütze.

Die Leidenschaft verloren

Die Erwartungen in Freiburg sind hoch. Ihr neuer Trainer sagt: «Mit Rachel Rinast kommt eine Aussenbahnspielerin zu uns, die uns mit ihrer Dynamik, ihrem starken linken Fuss und ihren Tempoläufen verstärken wird.» Doch ihre Qualitäten kann sie kaum zeigen. Bloss fünf Spiele macht sie mit Freiburg. Die Reissleine aber zieht Rinast nicht wegen der knappen Einsatzzeit. Sie hat die Leidenschaft verloren, also steigt sie aus.

Am Montag dieser Woche flog Rinast nach Israel. Beim Frauenteam von ASA Tel Aviv hofft sie, die Freude wiederzufinden. «Israel ist ein schönes Land, Tel Aviv eine geile Stadt. Ich bin Jüdin. Da schien dieser Wechsel gar nicht mehr so abwegig», erklärt sie. Athletisch hätten die Spielerinnen sicher Defizite im Vergleich zu Deutschland, aber technisch, spielerisch «haben die echt etwas drauf». So viel kann sie sagen nach den ersten Trainings, dem ersten Spiel am Donnerstagabend, einem 4:0-Sieg.

Abgestempelt als Holzfuss

Freiburg ist weit weg. Die Erinnerung aber ist noch frisch. Immer wieder wurde ihr vom Trainer-Team das Gefühl vermittelt, dass sie nicht genüge. Rinast: «Mir wurde ständig gesagt, wie schlecht meine Technik sei, wie schlecht mein Stellungsspiel, ich müsse an meinem rechten Fuss arbeiten. Und so weiter. Ich habe hart gearbeitet, phasenweise Extra-Trainings gemacht. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass man mir das anrechnet, sondern man hat mich einfach abgestempelt als Holzfuss.» Ihr hat die Wertschätzung gefehlt. Auch für ihre Bemühungen neben dem Platz, für den Zusammenhalt im Team.

Durch diese Erlebnisse ist sie ins Grübeln geraten, begann die Strukturen zu hintersinnen und kritisiert diese auch. «Es geht um zahlreiche Kleinigkeiten, die einen echt zum Kopfschütteln bringen. Wenn man eine Prüfung verschieben muss wegen eines Trainings. Aber wir reden hier von Frauen-Fussball. Da verdient man nicht mehrere Millionen Euro. Nach der Karriere bist du nicht saniert, Bildung ist zentral. Darum gibt man sich bei vielen Vereinen zwar unterstützend, aber letztlich ist das mehr Schein als Sein.»

Oder die Scheinheiligkeit, wenn es um Einschränkungen im Bereich von Social Media geht. «Ich darf kein Bild von mir zeigen, wenn ich einen Burger oder eine Pizza esse. Das ist einfach nur lächerlich. Ich möchte nicht irgendwelche Kinder mit Essstörungen unterstützen, nur weil die denken, dass wir Leistungssportler uns nur von Quinoa-Samen ernähren.»

Brötchen für die Frauen

Viel anders war es in der Schweiz beim FC Basel übrigens nicht. Was auch daran liegt, dass sie während ihres Jahres in Basel von einer Deutschen trainiert wurde. Wie es sonst in der Schweiz sei, könne sie nicht beurteilen. Dann meint sie: «Ich weiss nur, dass der Frauen-Fussball in der Schweiz nicht grossartig unterstützt wird. Und die Geschichte beim FCB-Klub-Jubiläum spricht ja Bände: Während die Männer dinierten, mussten die Frauen Brötchen essen und Lose verteilen. Das ist einfach nur unglaublich.»

In Israel soll alles anders werden. So, wie in der Schweizer Nationalmannschaft, denn dort fühlte sich Rinast stets aufgehoben. Ob sie weiter ein Teil der Nati sein wird, weiss sie noch nicht. Bloss, dass sie vom neuen Trainer, von Nils Nielsen ein Aufgebot fürs Januar-Trainingslager in Cadiz erhielt. «Er hat mir gesagt, dass er sich für mich freue, dass der Wechsel geklappt habe. Die Hauptsache sei, dass ich glücklich sei und die Leidenschaft wiederfinde. Und er hat mich aufgeboten, weil er mich kennen lernen will. Das alles finde ich schon sehr beeindruckend.»