Korruptionsskandal
Warum Fussball ohne Fifa möglich ist und die Schweiz Europameister wird

In seiner Analyse zum Korruptionsskandal bei der Fifa stellt Etienne Wuillemin fest: Fussball ohne Fifa? Es ist nicht unmöglich. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz im kommenden Sommer Europameister wird, ist sehr viel grösser.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Fussball ohne Fifa? Unmöglich ist es nicht.

Fussball ohne Fifa? Unmöglich ist es nicht.

Keystone

Diese Geschichte handelt von einem mächtigen Mann. Es geht um Fussball. Zumindest ein bisschen. Und um Geld. Viel Geld. Einige sagen, der mächtige Mann sei nicht ganz lauter. Ja sogar korrupt. Der mächtige Mann selbst, bald 80-jährig, sieht das nicht so. Er denkt, seine Mission sei noch nicht vollendet. Um wen es geht? Nun, als Harry Potter und seine Freunde jeweils vom bösen Lord Voldemort sprachen, nannten sie ihn auch nie beim Namen. Sie sagten jeweils: «Ihr wisst schon, wen ich meine.» Halten wir uns doch auch daran.

Seit dem Nachmittag des 25. Septembers 2015 ist die Welt von «Sie wissen schon, wen ich meine» erschüttert. An jenem Freitag hat die Weltöffentlichkeit erfahren, dass die Schweizer Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet hat. Gut 40 Jahre sind seit seinem Amtsantritt bei der Fifa vergangen. Schritt für Schritt erklomm «Sie wissen schon, wen ich meine» die Treppen in Richtung Macht. Macht, die allerlei Rausch mit sich brachte. Treffen mit Staatschefs, mit dem Papst, mit Menschen eben, mit denen er sich auf Augenhöhe sah.

Nun ist der Rausch vorbei. Am 8. Juni 1998, heute vor 6330 Tagen, wurde «Sie wissen schon, wen ich meine» in Paris zum Fifa-Präsidenten gewählt. Es hat sich viel verändert über all die Jahre. Der Fussball ist immer rasanter gewachsen, längst zum Milliarden-Business geworden. Aber eines ist immer gleich geblieben, die Gleichung von «Sie wissen schon, wen ich meine»: Fussball gleich Freude gleich Frieden – und natürlich – gleich Fifa. Bei seiner Wiederwahl am 29. Mai inszenierte er diese Bühne des Weltfriedens noch einmal in Reinkultur. Indem er die Vertreter von Israel und Palästina dazu brachte, sich die Hand zu geben. Und, noch wichtiger, sich bereit erklärten, den Konflikt zwischen den Fussballverbänden mit diplomatischer Hilfe der Fifa lösen zu wollen.

Vielleicht ist es die letzte gute Tat, die von «Sie wissen schon, wen ich meine» in Erinnerung bleibt. Noch klammert er sich an sein Amt. Aber das Ende scheint nur eine Frage der Zeit. Die Fifa-Ethikkommission befindet derzeit darüber, ob «Sie wissen schon, wen ich meine» noch tragbar ist als Präsident. Oder ob er sofort suspendiert werden muss. Ob auch die 142 Tage bis zur Wahl seines Nachfolgers am 26. Februar 2016 zu viel sind. Nun heisst es: Warten. Warten, bis weisser Rauch aufsteigt, aus dem Fifa-Hauptgebäude hoch oben am Zürichberg, das, vielleicht ist es Zufall, direkt neben den Schlangen und Affen des Zoos steht. Und wenn die Ethiker ihre Entscheidung dann verkündet haben, wird es für ein paar Tage wieder rumpeln im Blätterwald. So, wie es für immer und ewig weiterrumpeln wird, wenn «Sie wissen schon, wen ich meine» auftritt. Vielleicht wäre das alles nicht passiert, wenn er den Zeitpunkt seines Abgangs noch erwischt hätte.

In diesen Tagen des Wartens wird noch einmal pausenlos gesendet. Die Beziehung zwischen «Sie wissen schon, wen ich meine» und Michel Platini, seinem Früher-Freund-jetzt-Feind, wird ausgeleuchtet. Seine Tochter heult sich im Boulevard aus. Die Deutschen und Engländer träumen munter weiter davon, dass ohne «Sie wissen schon, wen ich meine» alles besser wird. Und ab und zu sind auch interessante Gedankenanstösse zu finden.

Die «NZZ» diskutiert die Frage, ob nicht die Zeit gekommen sei, die Fifa komplett aufzulösen. Weil das System so krank ist, dass es sich nicht heilen lässt – egal mit welchen Leuten an der Spitze. Ist das möglich? Wer mit Klubs oder dem Schweizer Fussballverband spricht, erhält ein differenziertes Bild. Fussball ohne Fifa, da würden viele Fragen offenbleiben. Wer würde beispielsweise künftig kontrollieren, ob Gelder für einen Spielerwechsel überwiesen werden, inklusive Ausbildungsentschädigungen? Wer würde künftig Weltmeisterschaften organisieren? Oder wer würde künftig die Fussballregeln festlegen, überprüfen, ändern? Klar scheint: Der Fussball braucht eine übergeordnete Instanz. Aber muss diese übergeordnete Instanz Fifa heissen? Oder kann nach einer allfälligen Zerschlagung nicht ein neuer Weltfussballverband gegründet werden?

Fussball ohne Fifa? Unmöglich ist es nicht. Aber noch ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel grösser, dass die Schweiz im kommenden Sommer Fussball-Europameister wird.

etienne.wuillemin@azmedien.ch