Man hat ja geglaubt, man könne die Statistiken beiseitelegen und sich ganz dem Geschehen auf dem Platz widmen. Nachdem die Deutschen in Bordeaux endlich den Fluch besiegt hatten, gegen die Italiener bei einem grossen Turnier nicht gewinnen zu können. Doch bei genauerem Hinsehen beinhaltet auch der Halbfinal-Knüller zwischen Frankreich und Deutschland ein paar Serien, die nicht ohne sind.

Zum Beispiel jene, dass die Franzosen in der Neuzeit des Fussballs ab 1984 als EM- und WM-Gastgeber noch kein Spiel verloren haben. Von 17 Partien haben sie 14 nach 90 Minuten gewonnen und nur zweimal eine Verlängerung und einmal ein Penaltyschiessen gebraucht. Auch das Torverhältnis von 40:10 sieht formidabel aus. Gelingt es, diese stolze Serie um zwei Einheiten auszubauen, ist dies gleichbedeutend mit dem dritten EM-Titel.

Sechs Halbfinals gewonnen

Wären da nur nicht diese Deutschen. Gegen keinen anderen Gegner sind die Zweifel, es zu schaffen, angemessener. Nicht allein deshalb, weil die Franzosen in ihren bisherigen vier Pflichtspielen bei Grossanlässen lediglich 1958 dank vier Fontaine-Toren gewannen. Nein, Deutschland hat sich in den letzten 50 Jahren zu einem fürchterlich unhöflichen Gast entwickelt. Seit der denkwürdigen Finalniederlage gegen England bei der WM 1966 mit dem berühmten «Wembley-Tor» haben die Deutschen gegenüber den Turniergastgebern keinerlei Skrupel mehr gezeigt. Seit neun Spielen sind sie gegen Heimmannschaften unbesiegt. Ja, sie haben sogar alle sechs Halbfinals gegen das Ausrichterland gewonnen, grosse Träume und Hoffnungen zerstört und für viele Tränen gesorgt. Auf die Spitze mit ihrer Taktlosigkeit trieben sie es 2014, als sie in Belo Horizonte Brasilien mit 7:1 demütigten.

Wenn Bundestrainer Jogi Löw will, kann er mit seiner Aufstellung die Wahrscheinlichkeit, dass diese Serie fortgesetzt wird, stark beeinflussen. Er muss, was er angesichts der Sperre von Mats Hummels ja wohl ohnehin tut, nur Benedikt Höwedes nominieren. Nun steht der Schalker Captain zwar nicht unbedingt im Ruf, ein spielentscheidender Faktor zu sein, doch wer seine Matchblätter durchforstet, kommt zur Erkenntnis: Mit diesem Mann kann man gar nicht verlieren. In keinem seiner zwanzig Pflichtspiele für Deutschland hat der unscheinbare Abwehrspieler, der als Innen- oder Aussenverteidiger eingesetzt werden kann, den Platz als Verlierer verlassen. 18 Siege und zwei Unentschieden zieren die Bilanz des 28-jährigen Weltmeisters, der 2014 in Brasilien keine Minute verpasst hatte, in Frankreich aber schon zweimal auf der Bank sass.

Platzt bei Müller der Knoten?

Eine letzte Serie betrifft Thomas Müller. Der in zwei Turnieren zehnfache WM-Torschütze steht bei Europameisterschaften nach insgesamt zehn Partien noch bei null. Was auf den ersten Blick gut für die Franzosen ist, könnte auch zum Nachteil werden. Müller hat bei diesem Turnier schon so viele Chancen versiebt, dass es als sicher erscheint, dass der Knoten demnächst platzt. Würde der 26-Jährige heute zum Matchwinner, niemand bräuchte sich zu wundern.

Zumal es scheint, dass Löw den Bayern-Star für die verletzt und den Rest des Turniers ausfallende Sturmspitze Mario Gomez aufstellt, also nicht mehr als Flügel oder im Zentrum hinter der Spitze. Wurde bei den Deutschen nach dem Spiel gegen Italien neben Gomez und Sami Khedira auch Bastian Schweinsteiger als dritte verletzungsbedingte Absenz einkalkuliert, so stand der Captain gestern beim Training unverhofft auf dem Terrain, fest entschlossen, gegen die Franzosen aufzulaufen. Nicht einfach zu verkraften ist für den Weltmeister aus Deutschland jedoch, dass Hummels zuschauen muss. Der Innenverteidiger hat seinen Anteil daran, dass sein Team bisher noch kein Tor aus dem Spiel heraus einstecken musste.

Hummels Ausfall freut Frankreich. «Il leur fait peur» schrieb «L’Équipe» auf ein Foto von Antoine Griezmann. Ob der mit vier Treffern die EM-Torschützenliste anführende Stürmer tatsächlich Angst einjagt, ist beim mit Selbstvertrauen gesegneten dreifachen Europameister eher unwahrscheinlich. Doch den gebührenden Respekt hat Deutschland zweifelsohne vor dem 25-Jährigen, der in Frankreich einst gewogen und als zu leicht befunden wurde und deshalb seit seiner Jugend in Spanien spielt.