Fifa-Krise
Warum der Fifa der Neuanfang gelingen könnte

In Zürich liegt Nebel und die Polizei verhaftet zwei weitere Fifa-Funktionäre. Alles wie immer: Das Herz der Finsternis liegt am Zürichberg. Doch so einfach ist das nicht. Der gestrigeTag könnte ein Neuanfangsein.

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François Carrard, Chef der Fifa-Reformkommission.

François Carrard, Chef der Fifa-Reformkommission.

Keystone

Der Himmel sorgt für die passende Stimmung. Nebel hüllt den Fifa-Hauptsitz, dieses Versailles des Weltsportes, auf dem Zürichberg ein. Es ist bitter kalt. Nur ein paar Kilometer weiter ist wunderbares Winterwetter mit blauem Himmel.

Vor dem Eingang wird Guido Tognoni von TV-Stationen interviewt. Sepp Blatters ehemaliger Medienchef und Wahlhelfer ist der Mann, der der Welt die Fifa-Krise erklärt. Alle Fragen drehen sich um die Verhaftung von zwei weiteren Fifa-Funktionären im Zürcher Luxushotel Baur au Lac. Die Fifa ist der Weltfussball-Verband. Aber es geht wieder einmal nicht um Freistösse, Abseits und Torverhältnis. Fifa steht für Korruption, fehlende Transparenz, habgierige Funktionäre und auch sonst alles Böse, das die Welt einem globalen, milliardenschweren Sportkonzern zutraut, der auf der Grundlage des helvetischen Vereinsrechtes fuhrwerkt. Alle sind fixiert auf das Böse.

Ist alles böse?

Die Fifa hat die Weltmedien geladen, um die Reformmassnahmen zu erläutern. Sie werden vom Schweizer Rechtsanwalt François Carrard vorgetragen. In einfachen, klaren Worten. Ein Mann mit Charisma. Aber es scheint, als glaube inzwischen niemand mehr an das Gute in der Fifa. Die Fragen der Chronistinnen und Chronisten sind fast durchweg böse. Interims-Fifa-Präsident Issa Hayatou wird zweimal mit Korruptionsvorwürfen aus der Vergangenheit konfrontiert und gar rundheraus gefragt, ob er, ob die Fifa korrupt seien. Er lässt sich nicht provozieren und erklärt, niemals unrechtmässig einen Dollar erhalten zu haben. Generalsekretär Markus Kattner wird vorwurfsvoll gefragt, wie es überhaupt komme, dass er noch hier sitze. Er habe doch die böse Überweisung von Sepp Blatter an Michel Platini (die beiden eine Sperre eingetragen hat) mitunterschrieben. Der neutrale Chronist wähnt sich im Herzen der Finsternis, des Bösen.

Aber ist es wirklich so? Nein. Dieser 3. Dezember 2015 könnte einst als der erste Tag einer neuen Fifa in die Geschichte eingehen. Vielleicht sind bessere Zeiten nicht weiter weg als an diesem Wintertag der Sonnenschein vom Zürichberg. Die Reformvorschläge sind nämlich gut durchdacht und vernünftig. Es ist ein Paket von acht Reformen. Das Fuder ist nicht überladen und die Chancen stehen gut, dass diese Vorschläge vom Fifa-Kongress, also von den Delegierten der 209 Mitgliederländer, am 26. Februar in Zürich angenommen werden. Es braucht ja nur eine einfache Mehrheit von 106 Stimmen.

Die neue Regierung

Stark vereinfacht gesagt: Der Kernpunkt der Reform ist die Änderung der Regierungsform. Die Fifa ist vor allem in die Krise geraten, weil Präsident Sepp Blatter im besten Wortsinne allmächtig war. Er sass fast jeden Tag im Büro und führte mit dem Exekutivkomitee die Fifa-Geschäfte. So wie einst der Generalsekretär der Partei die Sowjetunion mit dem Politbüro regierte. Das Gremium garantierte Sepp die Macht und er führte wie ein freundlicher Diktator. Kaum Zufall, dass das Fifa-Exekutivkomitee mit 25 Mitgliedern fast gleich gross war wie einst das sowjetische Politbüro (24 Mitglieder).

Geht es nach dem Vorschlag der Reformer, werden solche Zustände nicht mehr möglich sein. Das allmächtige Fifa-Exekutivkomitee, dieses Zentrum des Bösen, soll durch einen 36-köpfigen Fifa-Rat (Fifa-Council) ersetzt werden, der sich mit strategischen Aufgaben und Kontrollfunktionen beschäftigt. Es ist bemerkenswert und ein Zeichen für das Fifa-Tauwetter, dass das Exekutivkomitee diese Reformen und damit die eigene Abschaffung beschlossen hat und nun dem Kongress vorschlägt. Der sogenannte Integritäts-Check (also die Untersuchung, ob einer von edler Gesinnung sei) wird auf die Mitglieder dieses neuen Fifa-Rates ausgedehnt – und könnte eigentlich an unser Bundesamt für Justiz ausgelagert werden: Jeder, der in den neuen Fifa-Rat will, muss drei Tage im «Baur au Lac» in Zürich übernachten. Wird er nicht verhaftet, ist er sauber.

Chefreformer Carrard ist ein kluger Mann. Er hat die bittere Reformmedizin, die von den Delegierten am 26. Februar geschluckt werden muss, mit einem Zückerchen versüsst. Heute sitzt im Exekutivkomitee bloss eine Frau. Im neuen Fifa-Rat müssen sechs Frauen vertreten sein. Jeder Kontinentalverband muss zwingend eine Frau ins Gremium entsenden: Frauenquote. Das ist politisch korrekt, vorbildlich und lobenswert. Niemand wird beim Kongress dagegen seine Stimme erheben. Aber sechs Frauen werden gegen 30 Männer nichts ausrichten. Sie können keine Mehrheit bilden und da jede von einem anderen Kontinentalverband kommt, wird es schon schwierig sein, untereinander einig zu sein. Mit der Fifa-Frauenquote ist es wie mit dem Blumenschmuck der Bauernhäuser. Wunderschön, aber ohne jeden Einfluss auf den Agrarbetrieb. Männer werden die Fifa reformieren.

Guido Tognoni hat die Medienkonferenz vorgängig bei sich zu Hause in der warmen Stube übers Internet verfolgt. Der Prophet des Fifa-Unterganges sagt versöhnlich: «Es ist ein guter Anfang. Man sollte diese Reform nicht gleich niedermachen.»

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