Wie konnte das nur passieren? 15 Monate segelt die Schweiz mit den Wellen des Erfolgs. Von einem Sieg zum nächsten. Getragen durch eine schöne Portion Selbstvertrauen. 9 Siege in Serie in der WM-Qualifikation. Halleluja! Und dann, 0:2 in Portugal, Barrage statt WM. Alles wird zerfetzt, als würde plötzlich aus dem Nichts ein wütender Hai im Wasser auftauchen. Diese eine Niederlage wirft Fragen auf.

Nächste Woche trifft die Schweiz in der Barrage auf Nordirland. Am Donnerstag in Belfast. Am Sonntag in Basel. Es sind zwei Spiele, in denen sich zeigt, wie reif und abgeklärt die Schweizer wirklich sind. Wie sie mit maximalem Druck umgehen können. Oder schlicht: Wie viel Klasse sie haben.

Gerade befinden sich Nationaltrainer Vladimir Petkovic und seine Equipe irgendwo zwischen zwei Welten. Es gibt die Welt des Vertrauens. Und die Welt des Zweifelns. Selten waren sie so nahe beieinander wie in diesen Tagen. Es führt zu einer rätselhaften, diffusen Stimmung rund um dieses Team.

Vertrauen

Vielleicht ist es schon vergessen gegangen. Das Duell mit Nordirland ist nicht das erste emotional hochgradig anspruchsvolle der letzten Jahre. Es gab das Spiel gegen Albanien zum Auftakt der EM 2016. Es gab das Spiel gegen Ecuador an der WM 2014. Es gab die Duelle um EM- und WM-Qualifikationen mit Slowenien und Norwegen.

Immer hat sich die Schweiz durchgesetzt. Immer hat sie psychische und physische Widerstände überwunden. Immer gab es heikle Momente. Aber dieses Team hat es verstanden, in wichtigen Momenten irgendwie zu siegen.

Zweifel

Ob WM-Achtelfinal gegen Argentinien, ob EM-Achtelfinal gegen Polen, ob WM-Quali-Showdown gegen Portugal, am Ende fehlt immer etwas zum Coup. Manchmal das Glück. Manchmal die Überzeugung. Manchmal schlicht und einfach die Klasse. Und darum nistet sich diese Überzeugung ins Hirn: Vor dem Tor zur Glückseligkeit versagen die Schweizer regelmässig. Aber bedeutet eine erfolgreiche Barrage schon Glückseligkeit? Kaum.

Vertrauen

Der Schweizer Trainer heisst seit August 2014 Vladimir Petkovic. Er hat von Ottmar Hitzfeld auch ein Projekt übernommen. In der festen Überzeugung, dass diese Mannschaft in der Lage ist, einen stilvolleren Fussball zu zeigen. Geprägt von Mut und Dominanz. Vor allem gegen Mannschaften, die auf dem Papier weniger Qualität haben als die Schweiz oder auf Augenhöhe sind. Nach Anlaufschwierigkeiten sind die Entwicklungen sichtbar.

Der Verdacht ist: Viele Spiele, die früher ein Gewürge waren, münden nun in ziemlich souveräne Siege. Zudem ist es dem Trainer gelungen, in der Vorbereitung auf die EM in Frankreich die Basis für einen guten Zusammenhalt im Team zu legen. Und dies nach einigen sehr schwierigen Monaten. Auch darum hat der Verband im Sommer den Vertrag mit Petkovic vorzeitig verlängert. Warum soll nun eine einzige Niederlage dieses Gefüge zurückwerfen?

Zweifel

Derselbe Petkovic hat immer noch die nicht ganz vorteilhafte Eigenschaft, Kritik persönlich zu nehmen. Wenn sein Team in Portugal versagt, dann findet er die Debatten im Anschluss ungerecht, viel zu sehr auf den Moment fokussiert. Das erinnert in fast schon beängstigender Manier an seinen Start 2014, als die Schweiz die beiden ersten Spiele unter Petkovic gegen England und Slowenien verlor.

Die Frage lautet darum: Gelingt es Petkovic wirklich so mühelos, die Kritik abzuschütteln wie einen Falter, der auf seinem Pullover landet? So hat er das einmal erzählt. Allein, der Glaube daran fehlt. Das kann sich negativ auswirken. Weil sich Petkovic auf Nebenschauplätze verirrt, anstatt Überzeugung auszustrahlen. Die Schweiz ist Favorit gegen Nordirland. Was aber, wenn die WM-Qualifikation misslingt. Ist dann der Verband weiter vom Weg mit Petkovic überzeugt?

Vertrauen

Die Diskussionen sind nicht neu. Ganz und gar nicht. Sie kehren immer wieder zurück. Die Diskussionen um den Formstand der Akteure. Mal ist die Abwehr auf dem Prüfstand. Dann wird die Effizienz in Frage gestellt. Oder Spielmacher und Topskorer vermisst. Die Bedenken sind längst Routine geworden.

Und doch war es am Ende häufig so: Dass die Schweizer Abwehr ein Bollwerk ist. Und dass sich irgendeiner findet, der das Tor eben doch schiesst. Zwölf verschiedene Torschützen waren es in der WM-Qualifikation. Das ist gewiss eine Stärke. Und wiegt auf, dass nicht immer alle zuverlässig genügend Spielpraxis hat.

Zweifel

Ist es nur Pech? Oder auch ein bisschen Schicksal? Ausgerechnet jetzt, in dieser belastenden Phase, erleidet der Schweizer Vorkämpfer Valon Behrami den nächsten Rückschlag. Oberschenkelverletzung – nur noch eine Wunderheilung hilft. Auch Shaqiri litt nach dem Portugal-Spiel bereits wieder an einer Verletzung. Djourou genauso.

Derweil spielt Mehmedi gar nicht mehr, Seferovic hat die Einsatz-Krise zumindest überstanden. Die Tendenz jedenfalls ist keine gute. Und ob sich ein überzeugender Fussball spielen lässt, wenn die Gefühle, die aus den Vereinen ins Nationalteam transportiert werden, keine guten sind?

Die Woche der Wahrheit naht. Es ist eine Woche, die sehr viel aussagen wird über die Stimmungslage rund um die Schweizer Fussball Nationalmannschaft. Sie wird nur ein Gefühl bestätigen. Vertrauen oder Zweifel.