Fussball-Nati
«Vor 15 Jahren hätten wir das Spiel in Island nicht gewonnen»

SFV-Präsident Peter Gilliéron im Interview über die Schweizer WM-Qualifikation, Marco Streller, die Sperre von Ottmar Hitzfeld und seine eigene Zukunft.

Etienne Wuillemin, Feusisberg
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Peter Gilliéron im Interview über die Schweizer WM-Qualifikation

Peter Gilliéron im Interview über die Schweizer WM-Qualifikation

Keystone

Die Schweiz ist mit vier Spielen und zehn Punkten in die WM-Qualifikation gestartet, Sie müssen ein ziemlich glücklicher Verbandspräsident sein.

Peter Gilliéron: Ja, das ist so. Natürlich wären 12 Punkte noch besser, aber das zu bemängeln, wäre vermessen. Es war ein schöner Start, einer, der viel Hoffnung macht für die kommenden Spiele.

Wie sieht Ihre Bilanz der bisherigen Qualifikation aus?

Sehr gut. Wir haben in den beiden Auswärtsspielen je zwei Tore geschossen, das sagt auch etwas aus. Ein 2:0 ist nicht «nur» ein 1:0, auch wenn das vielleicht blöd tönt. Das zeigt, dass man die Sache im Griff hat. Zudem ist es mir auch wichtig, zu sehen, wie solidarisch das Team auftritt und wie sehr das Herz dabei ist.

Was war Ihr Highlight in der bisherigen Kampagne?

Vielleicht einer der heroischen Läufe von Valon Behrami, um in höchster Not zu retten. Das zeigt exemplarisch, wie die «neue» Schweiz funktioniert.

Was möchten Sie nicht mehr erleben?

(lacht). Wahrscheinlich spielen Sie auf die Suspension von Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld an. Aber das ist für mich erledigt, er hat seine Strafe (2 Spiele gesperrt) erhalten, die er nun aussitzen muss, und deshalb sprechen wir nicht mehr darüber.

Zum Ende der letzten EM-Qualifikation fand ein Umbruch statt im Team. In welchem Stadium ist es heute?

Obwohl noch immer jung, gibt es einige Spieler mit beträchtlicher internationaler Erfahrung. Viele junge Spieler sind gereift, sie haben Ausland-Erfahrung, nicht immer nur schöne Momente, aber das gehört zum Reifeprozess. Ich denke, wir erleben den Anfang einer schönen Phase. Nebstdem, dass ich keine Spieler sehe, die in den nächsten Jahren abtreten, streben andere hoffnungsvolle Talente wie Haris Seferovic oder Josip Drmic in die erste Mannschaft.

Wie nehmen Sie den Reifeprozess wahr?

Viele von unseren Jungen haben einiges hinter sich, einen Weltmeistertitel mit der U17 erlebt, mit der U21 an der EM Zweiter geworden. Vielleicht im Gegensatz zu früher agieren sie für ihr Alter schon sehr professionell. Die Spieler sind weiter als früher, sie sind schon Persönlichkeiten.

Die Schweiz ist vom Spielermaterial her breiter aufgestellt - aber es fehlt ein Alex Frei, der in jedem zweiten Spiel den Unterschied ausmacht.

Es ist immer besser, wenn in jedem Spiel ein anderer den Unterschied ausmacht. Ich habe lieber 15 gute Spieler als einen hervorragenden und dazu 14 durchschnittliche. In einem kleinen Land wie der Schweiz ist es wichtig, dass man sich auf die Breite abstützt.

Vor Beginn der WM-Qualifikation war die Meinung klar: Die Schweiz muss sich für die WM qualifizieren. Die Befürchtung des Verbands war: «Achtung, diese Gruppe ist schwieriger als man denkt.» Was stimmt nun?

Die Realität ist tatsächlich, dass Slowenien schwächer gestartet ist, als wir es erwarteten. Trotzdem ist die Gruppe weiterhin ausgeglichen. Aber richtig ist wohl auch: Der Kampf um den Gruppensieg hat sich auf das Duell Schweiz gegen Norwegen reduziert. Aber genauso klar ist: Mit angezogener Handbremse gewinnen wir nicht.

Die Schweiz hat bewiesen, klar die beste Equipe zu sein in dieser Gruppe.

Richtig, Zahlen lügen nie. Aber es braucht noch einige Schritte bis zur WM in Brasilien.

Hätte die Schweiz vor 15 Jahren ein Spiel wie jenes in Island 2:0 gewonnen?

Wahrscheinlich nicht. Damals hätten wir mehr Mühe gehabt, vielleicht gut gespielt, aber das Resultat nicht nach Hause gebraucht.

Das Spiel auf Zypern ist für den Verlauf der weiteren Qualifikation wegweisend, einverstanden?

Ja. Vor allem auch deshalb, weil auch Hauptkonkurrent Norwegen in Zypern gewonnen hat.

Kann es sich Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld leisten, gegen einen defensiv eingestellten Gegner in der Offensive auf Spieler zu setzen, die ohne Spielpraxis sind?

Diese Frage muss der Trainer beantworten, nicht der Präsident.

Vielleicht hat der Präsident eine Meinung dazu.

Aber er muss diese nicht unbedingt äussern. Denn sie ist nicht massgebend. Der Trainer entscheidet und das ist gut so. Am Schluss entscheidet sowieso das Resultat. Dann sieht man, hatte er Recht oder nicht.

Ein Marco Streller in dieser Form müsste ein Thema sein für die Schweiz - umso mehr, als dass er sich nun gewohnt ist, im Ein-Mann-Sturm zu agieren. Wird der Verband noch einmal das Gespräch mit ihm suchen?

Ich glaube, die Gespräche haben stattgefunden, er hat den Rücktritt erklärt, im Moment haben wir zehn Punkte aus vier Spielen - das ist keine so schlechte Bilanz. Aber ich schliesse nicht aus, dass wir aktiv würden, wenn einmal Not am Mann wäre. Aber auch hier ist wichtig: Was sagt der Trainer dazu?

Das bedeutet: Wenn Ottmar Hitzfeld einen runden Tisch mit Marco Streller anregt, wären Sie dem positiv gestimmt?

Ja sicher, dann würde ich nicht im Weg stehen.

Von wem müsste der erste Schritt kommen, Hitzfeld oder Streller?

Das ist eine hypothetische Frage. Das würde sich im Falle aller Fälle von selbst ergeben.

Wie wichtig wäre eine WM für den SFV aus finanzieller Sicht?

Wichtig wäre die Qualifikation vor allem für den Schweizer Fussball. Es würde ihn in der Breite stärken. Klar wäre die WM auch für den Verband toll, weil die gesunden Finanzen, die wir ohnehin schon haben, auf Jahre hinaus gesichert wären.

Eine WM würde dem Verband 4 bis 5 Millionen Franken bringen, richtig?

Es ist noch eine Gleichung mit einigen Unbekannten, auch weil noch unklar ist, wie teuer Brasilien wirklich wäre. Aber die Zahl stimmt ungefähr.

Wie hoch sind die Prämien der Spieler?

Die Prämien für die Endrunde werden dann diskutiert, wenn die WM erreicht ist.

Gibt es auch Prämien für Verbandsmitglieder?

Ich? Ja klar, ich kassiere Millionen! (lacht). Im Ernst, es ist in der Regel so, dass man nicht noch Prämien kassiert als Verbandsangestellter. Aber wenn eine WM erreicht wird, lassen wir auch das Personal - also auch Verbandsmitglieder - in einem vernünftigen Rahmen daran teilhaben. Aber: Das Geld soll in die Nachwuchs-Förderung fliessen, die ist ja nicht billig.

Wie hoch sind die Taggelder für die Spieler und den Staff?

Sie haben ihre Prämien, aber sonst sind sie von ihren Vereinen bezahlt. Und diese werden von der Fifa und der Uefa entschädigt fürs «zur Verfügung stellen» der Spieler.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld?

Sehr profihaft. Sehr engagiert. Und am Schluss ist es natürlich auch wichtig, dass die Resultate stimmen. Wir qualifizierten uns für Südafrika, die EM 2012 haben wir verpasst, das weiss jeder, aber jetzt sind wir wieder gut drin.

Haben Sie eine Veränderung bemerkt gegenüber der letzten EM-Qualifikation?

Nationaltrainer zu sein ist etwas anders als Klubtrainer. Diese Unterschiede kennt Ottmar Hitzfeld mittlerweile. Er musste lernen, dass er die Spieler nur kurz zu Verfügung hat und eine Art Fernbeziehung führt.

Was haben Sie gedacht, als Hitzfeld im Oktober in Norwegen die Nerven verloren hat?

Dass er für einen Augenblick die Contenance verloren hat, war für mich überraschend, aber einmalig. Aber er hat sich sofort entschuldigt. Das war nicht gut, aber nun gehen wir weiter.

Zuletzt wurde der Vertrag mit Hitzfeld im März 2011 verlängert. Das ist zum gleichen Zeitpunkt wie jetzt. Wie sieht es in dieser «Causa» jetzt aus?

Wir sprechen nicht darüber.

Nur öffentlich nicht, oder überhaupt nicht?

Überhaupt nicht. Es ist im Moment schlicht kein Thema.

Was hat sich geändert im Vergleich zu 2011? Braucht es nun keine «Planungssicherheit» mehr?

Damals war die öffentliche Diskussion ein Anstoss, und dann fand ich: Doch, ich will diesen Schritt machen. Weil vom Moment an, wo klar wurde, dass wir uns nicht für die EM qualifizieren - und das war absehbar - wollte ich Klarheit haben, wie es weitergeht und nicht mehr Stunden, Tage oder Monate lang diskutieren. Jetzt ist die Ausgangslage ja eine andere, eine bessere.

Hat Ihnen Herr Hitzfeld wenigstens ein Signal gegeben, wann er sich entscheiden wird betreffend seine Zukunft?

Wir haben im Moment effektiv alle Kräfte auf die mögliche WM-Qualifikation konzentriert und haben uns nicht darüber unterhalten.

Haben Sie einen Plan, wenn Ottmar Hitzfeld tatsächlich aufhört?

Ich habe Pläne, verrate sie aber nicht.

Sie sagten einst: «Es gibt keinen besseren als Hitzfeld.» Gilt das immer noch?

Er ist von mir aus gesehen immer noch der Beste, den wir zur Verfügung haben. Aber es gibt immer wieder gute Trainer, die Zeit vergeht und die Geschichte geht weiter.

Überrascht es Sie, dass dieses Thema interessiert?

Nein, das begreife ich. Aber ich habe an und für sich die Meinung, es darf interessieren, aber es ist nicht das Thema, auf das wir uns fokussieren.

Zum Schluss: Werden Sie für eine weitere Amtszeit als Verbands-Präsident kandidieren?

Ja, am 11. Mai ist die Delegierten-Versammlung - und ich habe noch nicht davon gehört, dass mich jemand davonjagen will. Darum bin ich gerne bereit, weiterzumachen.

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