Euro 2020
Von Respekt und Revanchen: Der Halbfinal zwischen Spanien und Italien weckt spezielle Erinnerungen

Im ersten Halbfinal trifft Spanien auf Italien. Kein Duell gab es an Endrunden öfters. Nicht nur deshalb ist es speziell. Die beiden Teams verbindet vieles – aber es trennt sie auch vieles.

Céline Feller
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Sergio Ramos (rechts) gegen Antonio Di Natale: Mit einem 4:0 gegen Italien holt sich Spanien 2012 den EM-Titel.

Sergio Ramos (rechts) gegen Antonio Di Natale: Mit einem 4:0 gegen Italien holt sich Spanien 2012 den EM-Titel.

Bild: Ivan Sekretarev /AP (Kiev, 1. Juli 2012)

Es ist eine Geste des Respekts. Auf höchstem Niveau, wie sie leider zu selten vorkommt. Als die Spielzeit sich langsam der 90. Minute nähert, winkt Iker Casillas in Richtung des Schiedsrichters. Der spanische Torhüter bittet Pedro Proença, die Partie pünktlich abzupfeifen. Ohne unnötige Nachspielzeit. Die Italiener, sie sollen erlöst und nicht mehr länger vorgeführt werden. Wenige Sekunden später ist das Spiel zu Ende.

4:0 gewinnt Spanien gegen Italien, holt sich den zweiten EM-Titel in Serie, den höchsten Sieg in einem EM-Endspiel – und wenn man den WM-Titel von 2010 mitzählt, den dritten Triumph an einem Grossanlass in Serie. Etwas noch nie Dagewesenes.

Neun Jahre ist diese Geschichte mit Casillas her. In den vergangenen Tagen sind Bilder davon wieder überall zu sehen. Seit dem späten Freitagabend ist klar, dass Spanien und Italien am Dienstag im ersten Halbfinal dieser Europameisterschaft aufeinandertreffen werden.

Und obschon sich die Italiener 2016 mit dem 2:0 im Achtelfinal bereits für die Vernichtung im Final 2012 revanchieren konnten, ist es im heutigen Fall noch einmal etwas anderes. Es ist ein Halbfinalspiel an der wohl speziellsten EM der Historie. Heimische Fans werden kaum anwesend sein. Zu strikt und kompliziert sind die Corona-Regeln im sich im Griff des Deltavirus befindenden Spielort London.

Erst dominiert der Spielstil, dann das Chaos

Aber nicht nur deshalb ist diese Partie speziell. Sie ist das Aufeinandertreffen zweier Teams, deren Entwicklungen in den Jahren seit Casillas schöner Geste konträr waren. Damals, 2012, verkörperten die Spanier, was auf ihrer Flagge steht: plus ultra. Immer weiter. Sie waren das Team schlechthin, mit einem Spielstil, der nicht zu stoppen, nicht zu lesen war. Tiki-Taka dominierte mit dem ihm eigenen, fast unkontrollierbarem Passfeuerwerk den Fussball.

Und mit ihm die Spanier den grössten Sport der Welt. Seither aber bekunden die Spanier Mühe. Zwei Achtelfinal-Teilnahmen waren das Maximum. Dominant war nicht mehr der Spielstil, sondern die Krise. Trainerturbulenzen gepaart mit einer Identitätskrise aufgrund des dechiffrierten Tiki-Takas hemmten die Spanier. Die grossen Erfolge, sie waren plötzlich ganz weit weg.

Für einen Sieg mussten sie bis zum Elfmeterschiessen bibbern: Der Jubel der Spanier nach dem Sieg gegen die Schweiz.

Für einen Sieg mussten sie bis zum Elfmeterschiessen bibbern: Der Jubel der Spanier nach dem Sieg gegen die Schweiz.

Keystone

Auch vor dieser EM war Spanien mehr Wundertüte als Favorit. Und um ehrlich zu sein: Sie sind genau das auch nach den ersten fünf Partien noch. Auf eine schwache Gruppenphase folgten zwar ein 5:0-Exploit gegen die Slowakei sowie ein spektakuläres 5:3 gegen Vizeweltmeister Kroatien. Aber der Ketchup-Effekt war bereits im Viertelfinal gegen die Schweiz wieder verpufft. In der Heimat sprach man diesem Team sogar ab, den Einzug in den Halbfinal verdient zu haben.

Und die Italiener? Sie befinden sich seit geraumer Zeit auf einem Höhenflug. Genauer gesagt: Seit 32 Partien. So lange sind die Italiener unbesiegt, die vergangenen 13 Partien wurden gar allesamt gewonnen. Waren sie vor Turnierstart noch einer der Favoriten, haben sie sich in den ersten fünf Partien in den Titelaspiranten schlechthin verwandelt.

Und sie haben dies vor allem mit etwas getan, das nicht auf der Visitenkarte des italienischen Fussballs zu finden ist: mit Spielwitz, Tempo und vor allem einem offensiv spektakulären Spielstil. Mit einer Mischung aus diesen Ingredienzen stoppten sie gar den nicht mehr so geheimen Favoriten Belgien im Viertelfinal. Die Euphorie könnte in Italien kaum grösser sein.

Spinazzolas Ausfall wiegt schwer

Das Land, das mit dem Verpassen der WM 2018 eine seiner schlimmsten fussballerischen Stunden erlitt, lechzt nach einem Erfolg. So nahe wie jetzt war Italien seit dem Titel 2006 nicht mehr. Und mit Sicherheit auch nicht mehr so gut. Während die Spanier den Zeitpunkt des Umbruchs zu spät ansetzten, zog Italien rasch die Lehren aus der Blamage der verpassten Qualifikation für Russland 2018. Dieses italienische Team ist jung, dynamisch, begeisternd. Zwar ist auch Spanien jünger geworden, dynamischer.

Während Italien noch auf die Haudegen von früher – Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci – setzt, hat sich Spanien fast ganz von der Vergangenheit befreit. Wer damit recht bekommt, wird sich weisen. «Je weiter man kommt, desto schwerer wird es», sagt Italiens Trainer Roberto Mancini im Vorfeld. Das verletzungsbedingte Aus von Leonardo Spinazzola ist schwere Kost. Auf die Schnelle im Spiel gegen Belgien wusste Mancini keine Lösung nach Spinazzolas Ausfall.

Roberto Mancini drückt Jorginho nach dem Sieg gegen Belgien.

Roberto Mancini drückt Jorginho nach dem Sieg gegen Belgien.

Keystone

Aber Mancini, der als Spieler als Magier bekannt war, wird einen Trick aus dem Hut zaubern. Schliesslich baut sein Team prinzipiell auf das Kollektiv. Grosse Stars wie früher weist die Squadra Azzura nicht mehr auf.

Auch die Spanier können die Italiener nur über das Kollektiv besiegen. Einen Magier haben sie nicht in den Reihen. Aber gegen mitspielende Teams und mit genügend Raum können sie sich in einen Rausch spielen. Es ist wohl auch dieses Wissen, das Unai Simón einen Satz sagen lässt – mit weniger Respekt als damals Casillas. Aber der aktuelle spanische Goalie sagt mutig und mit einer Prise Angriffigkeit: «Jetzt müssen wir die Euro gewinnen.»

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