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Von der Witzfigur zum potenziellen Rekord-Torschützen

Bayrische Freude.  Key

Bayrische Freude. Key

Beim morgigenBundesliga-Gipfeltreffen Bayern gegen Dortmund steht einer besonders im Mittelpunkt: Mario Gomez. Vor kurzem noch verspottet, wird er nun als internationaler Stürmerstar gefeiert.

Eine winzige Szene, ein kleiner Augenblick genügt oft, um abgestempelt zu werden. Mario Gomez erlebte diesen Moment bei der Europameisterschaft 2008 im Spiel gegen Österreich. Miroslav Klose passt den Ball von rechts perfekt in den 5-Meter-Raum, wo Gomez in bester Mittelstürmer-Manier lauert. Doch statt eines Treffers folgt eine der kuriosesten Szenen der EM-Historie: Gomez gelingt das Kunststück, den Ball aus eineinhalb Metern nicht im Tor unterzubringen. Dass diese Szene für das deutsche Nationalteam nicht entscheidend war, half dem armen Kerl überhaupt nicht. Von nun an war er Zielscheibe von Hohn und Spott. Witze wie dieser machten die Runde:

Sagt der Richter zum Angeklagten: «Ich habe eine gute und einen schlechte Nachricht für Sie. Die schlechte: Ich verurteile Sie zum Tod durch Erschiessen. Die gute: Der Schütze wird Mario Gomez sein.»

Es kam noch schlimmer

Schon diese Spötter waren für den Stürmer kaum zu ertragen. «In der Öffentlichkeit bin ich der Chancentod. Das ist mein Los, das ich gezogen habe», klagte er noch vor einem Jahr. Doch es kam noch schlimmer. Es kamen die Zweifler. Menschen, die nicht an seine Fähigkeiten glauben. Und das Schlimmste war: Sein grösster Zweifler wurde sein erster Trainer beim FC Bayern, Louis van Gaal.

Im Sommer 2009 war Gomez für die Bundesliga-Rekordsumme von 37 Millionen Franken vom VfB Stuttgart zum FC Bayern gewechselt. Um dort vom ebenfalls neuen Trainer van Gaal gleich zu erfahren, dass er weder dessen Wunschspieler sei noch einen Platz in dessen System hätte. «Ich bin mit dem Bewusstsein in die Saison gestartet, keine Chance zu haben und fühlte mich vom Trainer mehr geduldet als erwünscht», erzählt er. Und das war noch moderat ausgedrückt. Der Holländer degradierte Gomez zum Stürmer Nummer vier und demütigte ihn mit Sprüchen wie: «Mario, wenn ich morgen gute Laune habe, dürfen Sie zehn Minuten spielen!»

Selbstvertrauen vs. Arroganz

Damit war Gomez inmitten einer Abwärtsspirale. Der deutsche Meister und Fussballer des Jahres (beides 2007) verlor langsam, aber stetig eine seiner grössten Stärken: sein Selbstvertrauen. Dabei ist der Glaube an sich selbst für ihn noch wichtiger als seine nahezu kompletten Mittelstürmer-Fähigkeiten. Ein Glaube, der ihm oft als Arroganz ausgelegt wird – zu Unrecht. Völlig verunsichert fristete er fortan als Reservespieler sein Dasein. Schon bei jeder Einwechslung war zu erkennen, dass er seine Chance wieder nicht nutzen würde.

Vermutlich wäre er im Sommer 2010 zum FC Liverpool geflüchtet – doch im Gegensatz zu van Gaal glaubten die Vereinsbosse an Gomez’ Stärken und verhinderten den Transfer. Und Gomez besann sich auf seinen Kampfgeist, passte seine Spielweise an und nutzte eine der wenigen Chancen, die van Gaal ihm bot. Und das Schicksal wendete sich: Im Frühjahr 2011 war van Gaal entlassen und Gomez Torschützenkönig. Er war mit 28 Treffern sogar der beste deutsche Schütze seit 30 Jahren.

Nun die Anerkennung

Diese Krönung war jedoch erst der Anfang. In der aktuellen Saison traf er in 16 Pflichtspielen für den FC Bayern 19-mal. Dazu gelang ihm gegen Napoli als erstem deutschen Spieler in der Champions League ein Hattrick. Und nun bekommt er auch die Anerkennung, die ihm lange verwehrt blieb: «Er ist für den FC Bayern genauso wichtig wie Lionel Messi für den FC Barcelona», adelt ihn Ottmar Hitzfeld, der Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Und einer, der immer an ihn glaubte, legt noch einen drauf. Bayern-Präsident Uli Hoeness ist sogar überzeugt, «dass Gomez seine Torbilanz in Gerd-Müller-Dimensionen steigern kann».

Und selbst Louis van Gaal hat mittlerweile eingesehen, dass er bei seiner Einschätzung gründlich daneben lag. Der Holländer hatte sogar die Grösse, dies Gomez persönlich zu sagen. «Ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich ihn überzeugen konnte», sagt der Gepriesene, «und dass es weiterhin Leute gibt, die mich als Stürmer-Typ nicht mögen, damit kann ich leben.»

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