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Vom lieben Murat zum strengen Herrn Yakin

Ereifert sich über die Naivität seines Teams: Murat Yakin. Foto: Key

Ereifert sich über die Naivität seines Teams: Murat Yakin. Foto: Key

Der letzte Sieg datiert vom 13. November. Aber schlimmer ist, dass der Aufsteiger in dieser Saison viermal in der Nachspielzeit noch den Ausgleich hinnehmen musste. Der Trainer des Super-League-Aufsteigers zieht die Schrauben an.

«Chömed Giele. Spiel und Spass mit Adi.» Grosses Halali. Es wird gelacht, gerauft, gerempelt. Die Szene spielt sich nicht bei einem Kaspertheater ab, sondern auf dem Kunstrasen des FC Thun. Die Protagonisten sind keine unbeschwerten Junioren, sondern Profis, denen aber nicht anzumerken ist, wie sehr sie sich das Leben selber schwermachen. Dabei hätten sie allen Grund, mit tristen Mienen und hängenden Köpfen auf den Trainingsplatz zu schlurfen. Der letzte Sieg datiert vom 13. November (3:1 in Basel). Aber noch viel gravierender ist, dass der Aufsteiger in dieser Saison viermal in der Nachspielzeit noch den Ausgleich hinnehmen musste. Ein Verlust von acht Punkten. Mit acht Punkten mehr stünde Thun auf einem Europa-League-Platz. Fern wäre die latente Abstiegsgefahr.

Murat Yakin sitzt in seinem Büro auf einem Gesundheitsball. Wobei Büro etwas hochgegriffen ist. Es ist ein Raum in einem Container, den er mit seinem Assistenten und dem U21-Trainer teilt. Zwar sagt der Trainer, dass er keine Angst davor habe, in der Tabelle weiter abzurutschen. Schliesslich habe man bewiesen, gegen jeden Gegner bestehen zu können. Aber Yakin ist kein Träumer. Auch er ist sich der delikaten Situation vor dem morgigen Auswärtsspiel gegen St. Gallen bewusst. Der Vorsprung auf die Ostschweizer beträgt acht, jener auf einen Barrageplatz fünf Punkte. Deshalb hat der 36-Jährige die Schrauben angezogen. Etwas überspitzt formuliert ist aus dem lieben Murat der strenge Herr Yakin geworden, auch wenn ihn die Spieler weiterhin duzen.

Nach der Spiel-und-Spass-Lektion mit Assistenztrainer Adrian Kunz geht es unter dem Diktat Yakins auf dem Trainingsplatz verbissen zur Sache. So verbissen, dass zwischendurch ein Disput zwischen Torhüter David Da Costa und Mittelfeldspieler Dennis Hediger entsteht. Yakin bleibt stoisch. Er findet Gefallen am intensiven Training. Er hat nichts anderes erwartet als eine Reaktion auf das 1:1 gegen YB. Als Thun zum wiederholten Mal in der Nachspielzeit einen Vorsprung verspielt hat. Was ihn zu einer Aussage hinreissen liess, wie man sie selten zuvor von ihm gehört hatte. «Die, die reingekommen sind, haben sich nicht fürs Team eingesetzt!»

Der Yakin des Frühlings 2011 ist fordernder und härter als der Yakin des Herbstes 2010. «Es war eine Kritik zum richtigen Zeitpunkt», sagt der Basler im Rückblick. Damit nicht genug. Yakin ereifert sich über die Naivität und Unerfahrenheit seines Teams, «was uns acht bis zehn Punkte gekostet hat». Und er zeigt sich unerbittlich beim Thema Oscar Scarione.

Erst entzog ihm Yakin die Captainbinde. Danach wurde der Wechsel des Argentiniers zu St. Gallen (Vertrag bis Juni 2014) auf die neue Saison hin publik. Nun, unter der Woche, wurde der Transfer in die Ostschweiz gar per sofort vollzogen, was Scarione ein Debüt für die St. Galler am Sonntag ermöglicht. Ausgerechnet gegen Thun. Unglücklich sei der Zeitpunkt des Wechsels, sagt Yakin bloss. Dabei gäbe es Gründe für den Trainer, das Vorgehen der Vereinsführung zu kritisieren und sich selbst zu bedauern. Schliesslich hat er ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es die Öffentlichkeit befremdet, wenn Scarione ausgerechnet gegen Thun erstmals für seinen neuen Klub auflaufen kann. Doch Yakin ist auch strenger mit sich selbst geworden.

Für den FC Thun hätten Möglichkeiten bestanden, den Worst Case zu verhindern. Man hätte entweder eine Klausel im Vertrag festhalten können, die einen Einsatz gegen den Ex-Klub ausschliesst. Oder man hätte die Verhandlungen bis zum 28. Februar, dem letztmöglichen Termin für einen Transfer, hinauszögern können. Denn unter Zugzwang im Fall Scarione stand nicht Thun, sondern St. Gallen.

200 000 Franken forderte Thun zu Beginn der Verhandlungen für Scarione. 150 000 Franken bezahlten die Ostschweizer schliesslich. Für Yakin bestand kein zwingender Grund, den mit sieben Treffern torgefährlichsten Offensivspieler zu verkaufen. Denn Yakin hat den Abgang nicht nur antizipiert, sondern den heiklen Fall bis zum Abgang Scariones vortrefflich gelöst. Am 4. Januar habe er vernommen, dass Scarione mit dem FC St. Gallen verhandle. Von diesem Tag an war es für ihn logisch, «dass sich Oscar nicht mehr für uns einsetzen wird». Und deshalb sei der Entscheid gefallen, Scarione die Captainbinde wegzunehmen – nicht, weil er zu spät aus dem Urlaub zurückgekehrt ist.

Yakin glaubt, den Abgang Scariones mehr als nur kompensiert zu haben. Dem zuletzt arbeitslosen, aber genialen «Enfant terrible» Ifet Taljevic bietet er die Chance eines x-ten Neuanfangs. «Solange er den Unterschied ausmacht, ist es mir egal, wenn er die Grenzen ausreizt. Aber ich muss ihn fassen, packen und steuern können und ihn an der kurzen Leine führen.» Aus Burghausen, einem Klub der dritten Bundesliga, kam Markus Neumayr. «Ihn hat man in Deutschland schon mal mit Beckham verglichen. Auch er hat bei uns die Chance, seine Karriere neu zu lancieren.» Ins Schwärmen kommt Yakin, wenn er über den dritten Neuen, Sekou Sanogo, spricht. «Taktisch muss man noch mit ihm arbeiten. Aber er hat einen ähnlichen Biss wie Raul Bobadilla. Sekou würde ich zu jedem Klub mitnehmen.»

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