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Vom Feuerwehrmann zur Teamstütze: Wie sich Renato Steffen in der Corona-Saison beim VfL Wolfsburg steigerte

Renato Steffen (l.)  im Zweikampf mit Leipzig-Skorer Timo Werner.

Renato Steffen (l.) im Zweikampf mit Leipzig-Skorer Timo Werner.

Renato Steffen aus Erlinsbach AG hat sich in der Bundesliga beim VfL Wolfsburg durchgesetzt – als Anerkennung lockt eine Vertragsverlängerung. Wie er die aussergewöhnliche Saison beim VW-Klub erlebt hat.

Als Renato Steffen 2018 den Sprung vom FC Basel in die Bundesliga zum VfL Wolfsburg wagte, da waren die Kritiker schnell zur Stelle, abgestempelt, als einer, der wieder mal den Weg ins Ausland viel zu früh suche.

Steffen hat sie alle eines Besseren belehrt. Der 28-jährige Erlinsbacher hat in seinem zweiten Wolfsburg-Jahr eine überaus starke Rückrunde hinter sich, wurde in mehreren Partien zum Wolfsburger Mann des Spiels gewählt. Sechs Tore und drei Torvorlagen standen letztlich auf dem Konto des Schweizer Nationalspielers.

Selbst in deutschen Medien sorgte Steffen für grosse Schlagzeilen, indem er als kleinster Wolfsburger Spieler (1,7 m) nicht weniger als vier der sechs Tore per Kopf erzielte. Steffen muss schmunzeln: «Im Team war das nicht mal ein grosses Thema. Die Mannschaft weiss, dass ich einen guten Kopfball habe, man kann mit ­guter Sprungkraft und gutem ­Timing viel heraus­holen.»

Renato Steffen (l.) luchst Dortmunds Shootingstar Erling Haaland den Ball ab.

Renato Steffen (l.) luchst Dortmunds Shootingstar Erling Haaland den Ball ab.

Es sei gewiss sein bestes Bundesliga-Halbjahr gewesen, aber vollends zufrieden will der ehrgeizige Aargauer dennoch nicht sein: «Ich sehe nicht nur das letzte halbe Jahr, sondern schaue auf die ganze Saison. Hätte ich in der Hinrunde ebenfalls solche Leistungen wie zuletzt gezeigt, dann wäre es persönlich eine richtig gute Saison geworden», sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Steffen, der einen unvergleichlichen Weg zum Fussballprofi ging (siehe Box unten), tat sich zu Beginn der Saison nach dem Trainerwechsel von Bruno Labbadia auf Oliver Glasner schwer. «Ich hatte das Gefühl, dass ich wieder komplett bei null beginnen musste.»

Einsatzminuten bekam er kaum welche und wenn doch, dann nicht auf seiner Lieblingsposition auf dem Flügel als Rechtsaussen. «Ich bin so ein bisschen hin- und hergeschoben worden, war Feuerwehrmann hier, Feuerwehrmann dort.» Das sei keine Kritik an Trainer Glasner, aber halt schon Grund dafür gewesen, weshalb es zunächst persönlich nicht gut lief. Immerhin festigte Steffen dabei seinen Ruf als polyvalenter Spieler, die bei Trainern besonders beliebt sind.

Steffen suchte dennoch mit Trainer Glasner das Gespräch. «Ich war danach wieder frei im Kopf, was sich auch in meiner Leistung auf dem Platz widerspiegelte.» Es ging wieder bergauf.

Doch just, als Steffen den Tritt so richtig gefunden hatte, wurde er von der Coronapandemie ausgebremst. «Das war keine einfache Zeit. Wir waren sehr isoliert, hatten viele Auflagen zu erfüllen, sodass es schwierig war, den Fitnessstand auf hohem Niveau aufrechtzuhalten», erzählt Steffen. Dennoch fand er gestärkt daraus, so sehr, dass er sich vom Feuerwehrmann zur bewährten Teamstütze entwickelte.

Doppelpack gegen Mainz als Highlight

Der VfL Wolfsburg schloss die Saison auf Platz sieben ab, der VW-Club muss in die Europa-­League-Quali. «Unter dem Strich können wir zufrieden sein. Es war ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Wir sind sehr gut gestartet, dann kam eine Phase, in der es nicht gut lief. Nach der Umstellung von der Dreier- auf die Viererkette hat man gemerkt, dass wir uns damit wohlerfühlen. Wollen wir in der nächsten Saison erfolgreicher sein, müssen wir aber konstanter werden. Wir haben zu viele Chancen ausgelassen», bilanziert Steffen die Saison.

Als persönliches Saison-Highlight streicht der 28-Jährige den 4:0-Sieg gegen Mainz heraus, bei dem ihm ein Doppelpack gelang und er anschliessend von den Mitspielern als Messi-Nachfolger gefeiert wurde. Aber auch die Tore gegen Köln, Düsseldorf, Augsburg und Leverkusen und die Torvorlagen gegen ­Paderborn, Freiburg und Schalke taten seinem Selbstvertrauen gut.

Als kleiner Schönheitsfehler darf angemerkt werden, dass Steffen ausgerechnet in den absoluten Topspielen gegen Dortmund und Bayern München kaum Zugriff ins Spiel fand. «Die Spiele in der Rückrunde waren gut, das ist das, was ich leisten kann. Gegen die Bayern habe ich zu viel nachgedacht – und dann war der Ball schon wieder weg.»

Grosses Spiel gegen die Bayern: Renato Steffen (l.) behauptet sich gegen Jerome Boateng und Alphonso Davies.

Grosses Spiel gegen die Bayern: Renato Steffen (l.) behauptet sich gegen Jerome Boateng und Alphonso Davies.

Rund um die überzeugenden Leistungen wird in Wolfsburg über eine vorzeitige Vertragsverlängerung nachgedacht. «Renato Steffen hat bei uns eine gute Entwicklung genommen. Wir können uns eine weitere Zusammenarbeit grundsätzlich sehr gut vorstellen», sagte Jörg Schmadtke, Geschäftsführer Sport beim VfL Wolfsburg, gegenüber lokalen Medien im Frühling.

Steffens Vertrag läuft per Juni 2021 aus. Will denn auch er mit seiner Frau Qendresa und ihrem bald zweijährigen Sohn Lian in Wolfsburg bleiben? «Wir sind soeben in ein Haus gezogen. Wir fühlen uns in Wolfsburg sehr wohl als Familie. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, hierzubleiben. Ich weiss, was ich an Wolfsburg habe, hier kann ich spielen. Und ich hoffe auch, dass sie wissen, was sie an mir haben.» Konkrete Gespräche sollen erst nach der Sommerpause stattfinden.

Positive Signale bekam Renato Steffen auch von Nationaltrainer Vladimir Petkovic zu hören. «Er hat mir zu einer starken Saison gratuliert, hat mir schöne Ferien gewünscht und erwähnt, dass wir uns bald wieder hören werden.» Steffen soll im Hinblick auf die Natispiele im September in der Nations League zum Stammkader gehören.

Fussball in Zeiten von Corona: Renato Steffen vor dem Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach.

Fussball in Zeiten von Corona: Renato Steffen vor dem Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach.

Ferien in der Schweiz, Auftakt am 22. Juli

Vorerst sind aber bei Renato Steffen Ferien angesagt. Er freue sich, nach über fünf Monaten endlich wieder Zeit in der Heimat im Aargau bei Familie und Freunden zu verbringen. «Und vielleicht gehen wir spontan noch ein paar Tage ins Tessin. Aber auf jeden Fall nicht an einen Ort, wo wir uns Gefahren einer Coronavirus-Ansteckung aussetzen», so Steffen.

Bereits am 22. Juli enden die Sommerferien, dann müssen alle Spieler in Wolfsburg zum Coronatest antraben. Danach stehen über drei Tage hinweg Fitnesstests an, ehe gegen Ende Juli der Trainingsauftakt der Mannschaft auf dem Programm steht.

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