WM-Kolumne von Giovane Elber
«Vielleicht ist in Brasilien nicht alles perfekt, aber es steckt viel Herz darin»

Der ehemalige Fussballprofi Giovane Elber schreibt für «die Nordwestschweiz» exklusiv WM-Kolumnen. Zum WM-Auftakt hat er zwei Wünsche: Dass die Menschen nach der WM heimfahren und Gutes über Brasilien sprechen. Und Hitzfeld wünscht er viel Erfolg.

Giovane Elber*
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Der ehemalige brasilianische Fussballprofi Giovane Elbermit zwei brasilianischen Schönheiten.

Der ehemalige brasilianische Fussballprofi Giovane Elbermit zwei brasilianischen Schönheiten.

Keystone

Vorweg komme ich mit einem Wunsch. O. k., eigentlich sind es zwei. Fast hätte ich den Trainer vergessen, der mir sehr am Herzen liegt, weil er mir imponiert und mich geprägt hat.

Der erste Wunsch also ist, dass die Menschen, die nach der WM wieder heimfahren, Gutes über Brasilien sprechen. Wir sind, wie wir sind. Wir sind brasilianisch. Keine perfekten Deutschen oder Europäer. Und wir machen unsere WM eben brasilianisch. Das heisst, es ist vielleicht nicht alles perfekt, aber es steckt viel Herz darin.

Also schon mal vorab: Habt eine Spur Geduld und Nachsicht. Fussball ist hier für viele Menschen viel mehr als Religion. Trotz aller Probleme, die es bei uns gibt. Die Demonstrationen haben allen auf der Welt gezeigt, welche das sind.

Bei Wunsch Nummer zwei geht es um die Schweiz, genauer gesagt, um Ottmar Hitzfeld. Dem wünsche ich nicht nur, dass er die Gruppenphase übersteht, ich sehe auch gute Chancen dafür. Er hat der Schweizer Mannschaft eine gute Ordnung gegeben und eine Mannschaft mit Perspektive aufgebaut. Seine Botschaft imponiert mir enorm.

Sie lautet: Nach mir geht es weiter, und es ist mir nicht egal wie. Das zeigt, welch besonderer Typ er ist. Seine emotionale Intelligenz und sein tiefes Fussballwissen sind eine gute Kombination. Er hat einen schönen Abschluss seiner Trainerlaufbahn verdient.

Jetzt fällt mir noch ein dritter Wunsch ein. Kann ja mal vorkommen. Nämlich, dass Brasilien gut abschneidet und mit seiner jungen Mannschaft dem Druck gerecht werden kann, der einfach da ist, wenn man eine WM im eigenen Land spielt. Ich bin Brasilianer mit einer intensiven europäischen Note. Bei einer WM aber bin ich ganz Brasilianer. Das wird jeder spüren, während der ganzen WM.

Diese WM wird für uns Brasilianer nicht einfach. Damit meine ich den Job auf dem Rasen. Schon im ersten Spiel gegen Kroatien müssen wir Geduld haben. Nicht gerade unsere Stärke. Die Seleção hat keine grossen erfahrenen Spieler. Keinen Ronaldo, Ronaldinho oder Roberto Carlos. Mancher sagt, es fehlt ein Knipser. Ich bin da noch nicht sicher, ob das so ist. Vom ersten Spiel wird viel abhängen.

Wir haben Neymar, David Luiz und Thiago Silva. Neymar hat viel Last zu tragen, ist aber durch sein Jahr in Barcelona weitergekommen. Trotzdem ist er jung. Vor den Augen von Millionen Brasilianern das zu bringen, zu dem er fähig ist, ist eine echte Aufgabe. Jeder, der mal irgendetwas vorgeführt hat, wenn die eigene Familie zuschaut, weiss, wie das ist. Manchmal ist man verkrampft, nicht ganz frei im Kopf, obwohl man alles geben will. Deshalb hoffe ich, dass das Eröffnungsspiel das Ventil öffnet - und Brasilien die WM bekommt, die wir uns alle wünschen.

Die Seleção ist mein Top-Favorit. Die Vorbereitung war akzeptabel bis gut. Die Mannschaft wird alles geben, da bin ich sicher. Jetzt muss noch die typisch brasilianische Begeisterung kommen. Ich habe den Eindruck, die Leute warten auf das erste Spiel - und dann geht es los. Bisher gleicht die Stimmung noch gespannter Erwartung. Es wird alles klappen - zumindest auf brasilianische Art. Wie angespannt alle sind, hat auch das letzte Vorbereitungsspiel gezeigt. Brasilien hat es ordentlich gemacht, auf der Strasse hat danach niemand getanzt. Oder etwa gefeiert. Die Leute wussten, das bedeutet vorher nicht viel. Gegen Kroatien wird die Welt auf uns schauen. Ich glaube, wir Brasilianer werden unsere WM-Form noch finden.

Ich hoffe, wir machen aus dem Eröffnungsspiel eine Art Wegweiser für eine bunte und fröhliche WM. Es soll dadurch nichts unter den Teppich gekehrt werden. Die Menschen werden weiter sagen, was ihnen fehlt. Krankenhäuser und Schulen zum Beispiel. Und ich weiss, wie wichtig es ist, zu helfen. Ich bin seit Jahren deshalb mit meiner Stiftung (www.giovane-elber-stiftung.de) tätig. Wir fördern über 300 Strassenkinder, die eine Schulausbildung bekommen und die Chance zu einer Berufsausbildung. Das ist die Chance auf einen Start in ein Leben mit Würde.

Ja, das ist wichtig. Und nun kommt die WM. Eine, die trotz allem viele, viele Millionen in Brasilien stolz macht. Mich auch. Eine WM ist ein Fest. Nicht nur ein Fussballfest.

Viele unterschiedliche Menschen kommen zusammen - aus allen Teilen der Welt. Und damit viele Hoffnungen und Erwartungen. Das macht die Sache so spannend und interessant.

Zum Schluss noch ein Wort zu meinem Geheimfavoriten. Sorry Deutschland, sorry Schweiz - es ist Belgien. Eine Mannschaft ohne grosse Erfahrung, aber mit vielen aussergewöhnlichen Spielern. Denen ist vielleicht nicht alles, aber vieles zuzutrauen.

*Giovane Elber, 41, ehemaliger brasilianischer Nationalspieler, war einst erfolgreicher Stürmer bei GC, Stuttgart und Bayern München. Heute besitzt er in seiner Heimat vier Rinderfarmen.