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«Viele waren ein bisschen schockiert» - Der frisch gekürte Meister Eren Derdiyok spricht über Usbekistan

Eren Derdiyok im Trikot seines neuen Vereins Pakhtakor Tashkent.

Eren Derdiyok im Trikot seines neuen Vereins Pakhtakor Tashkent.

Der gebürtige Basler ist frisch gebackener usbekischer Meister. Er erzählt vom Leben und dem Fussball in Usbekistan, von Kontakten zum FC Basel und dem FC Sion und was ihn noch mit der Schweiz verbindet.

Wenn Eren Derdiyok von seinem neuen Leben in Tashkent erzählt, bekommt sein Gegenüber schnell den Eindruck, dass er sich bereits gut eingelebt hat. Tashkent. Das ist die Hauptstadt des zentralasiatischen Landes Usbekistan, das früher auch Teil der Sowjetunion war. Der gebürtige Basler ist sich bewusst, dass man als in Europa lebender Mensch wenig Ahnung hat, was dieses Land ausmacht. Also klärt er auf: «Wenn man aus Europa kommt, erwartet man ein bisschen weniger. Aber unsere Besucher hatten immer einen guten Eindruck. Es gibt Cafés, Restaurants. Man hat alle Möglichkeiten, die man auch in Europa hat. Es lebt sich gut hier», lautet sein vorläufiges Fazit.

Seit Januar lebt er bereits dort, wechselte vom türkischen Klub Göztepe Izmir zum usbekischen Verein Pakhtakor Tashkent. Von Beginn an mit dabei ist auch seine Familie: Seine Frau und seine beiden Töchter. Die ältere Tochter geht bereits auf die internationale Schule, wie das auch schon in der Türkei der Fall war. Dort lernt sie Englisch und zu Hause wird meistens Türkisch gesprochen, erzählt Derdiyok. «Und jetzt im Nachhinein müssen wir Deutsch auch noch mit einbringen. Aber das wird kein Problem. Wenn sie so jung sind, sind sie noch aufnahmebegabter» fügt er hinzu und lacht. Es passt zu seiner entspannten Haltung, und das obwohl er für das Gespräch eigentlich wenig Zeit hat. Auch die vermeintlichen Sprachprobleme im Verein sieht er entspannt. Der Trainer, den er aus seiner Zeit in der Türkei kennt, entpuppt sich als Sprachtalent, kann auf Türkisch, Russisch und Englisch kommunizieren. Das ist im usbekischen Fussball nicht selbstverständlich. Wenige Ausländer finden den Weg in die asiatische Liga. Unter den 341 Spielern befinden sich gerade einmal 36 Legionäre. Bei Pakhtakor Tashkent sind es lediglich zwei, Eren Derdiyok ist einer davon. Der andere ist sein serbischer Mannschaftskollege Dragan Ceran. Doch eines kommt dem Schweizer dabei zugute: Er erklärt, dass die usbekische Sprache der Türkischen sehr ähnlich sei. Das mache das Verständnis einfacher, auch wenn er längst nicht alles verstehe.

Mit neun Toren unterstütze Derdiyok seinen Klub auf dem Weg zur Meisterschaft.

Mit neun Toren unterstütze Derdiyok seinen Klub auf dem Weg zur Meisterschaft.

Sein Ex-Trainer lotste ihn ins unbekannte Usbekistan

Obwohl sich alles perfekt anhört, war die Zeit seit Januar keine einfache. Denn auch in Usbekistan grassiert die Coronapandemie. Zwischenzeitlich war er sogar selbst infiziert und im Verein ging es drunter und drüber. Volle usbekische Stadien kennt er nur aus Erzählungen seiner Teamkameraden. «Ich hab auch schon gefragt: Wie war das davor? Es gibt offenbar auch mal Spiele, bei denen mal 20000 bis 30000 Zuschauer das sind, aber das passiert halt seltener», meint Derdiyok zieht den Vergleich zu Europa. Selbiges tut der ehemalige Nationalspieler auch, was den Fussballalltag betrifft: «Die Möglichkeiten in Europa sind schon im Luxusbereich. Und hier ist es, sage ich mal, noch am Anfang der Entwicklung. Die bauen alles langsam auf.» Man habe zwar alles was man braucht, «aber klar, in manchen Bereichen ist schon ein Unterschied da.»

Auf die Frage, die sich wohl die meisten Fussballfans in der Schweiz stellen, wie er in Usbekistan gelandet ist, muss Derdiyok weit ausholen. Begonnen hat nämlich alles in der Türkei. Nach seiner Zeit in Deutschland, wo er bei der TSG Hoffenheim aussortiert wurde, holte ihn sein aktueller Trainer, Shota Arveladze, nach Istanbul. «Er hat mich in die Türkei nach Kasimpasa geholt. Und dann nach zwei Wochen hatte ich eine Verletzung, einen Kreuzbandriss. Dann war ich sechs Monate raus. Und genau nach sechs Monaten, als ich zurückkam, hat er den Verein verlassen. Da hatten wir also gar keine richtige Chance miteinander zu arbeiten.» Was folgt, sind mehr als fünf Jahre, die er in der Türkei verbringt. Nach Kasimpasa folgen die Stationen in Galatasaray und Göztepe. Vor allem letztere Station ist Derdiyok nicht gut in Erinnerung geblieben: «Da hat es einfach nicht harmoniert, es hat von der Chemie nicht gepasst. Und da sollte was passieren im Winter.» So passierte es, dass ihn sein alter Trainer Arveladze aus Kasimpasa-Zeiten kontaktierte und ihn ein weiteres Mal zu sich holte. Diesmal eben nach Tashkent. «Er weiss, was er an mir hat. Und er hat einen Stürmertypen wie mich gebraucht», begründet er den Kontakt zu seinem Trainer.

Derdiyok will mit seinem neuen Verein das Double gewinnen.

Derdiyok will mit seinem neuen Verein das Double gewinnen.

Kontakte zu Sion, aber keine konkreten Gespräche mit dem FCB

Dabei hätte es durchaus auch anders laufen können. Kontakte bestanden zu diesem Zeitpunkt nämlich auch in die Schweiz. «Mit Murat (Yakin, Anm.d.Red.) gab es schon Kontakt. Er hat gesagt, dass er mich haben wollte, dass ich Chancen habe zu spielen und mich auch für die Nationalmannschaft empfehlen kann. Aber im ganzen Paket war das schlussendlich nicht mehr interessant.» Yakin war zu dieser Zeit Trainer beim FC Sion, der Wechsel kam nie zustande. Den Gerüchten, dass es engere Kontakte zu Basel gab, erteilt er eine Absage. Konkret sei es nie geworden. Dabei hätte es zu den Baslern gepasst, die dafür bekannt sind, ehemalige Spieler wieder in ihren Reihen aufzunehmen. Tatsächlich besteht auch Kontakt zu aktuellen Spielern des FCB, wie beispielsweise Timm Klose: «Mit ihm bin ich seit unserer Kindheit befreundet und auch immer noch in Kontakt. Und klar, mit dem ein oder anderen sonst von früher rede ich auch immer mal wieder. Zuletzt mit Marco Streller.» Ausserdem arbeitet Derdiyoks Bruder als Videoanalyst bei Rotblau.

Zehn Monate nach den Flirts mit Sion und Basel ist er Meister in Usbekistan, hatte mit neun Ligatreffern durchaus einen Anteil am Erfolg. In der asiatischen Champions League konnte man sich bis ins Viertelfinale kämpfen, schied aber laut Derdiyok unglücklich aus. Das Potenzial der Mannschaft hätte aber auch für das Finale gereicht, ist er sich sicher – und macht sich in der Folge auch für den asiatischen Fussball stark. «Die Meisten waren ein bisschen schockiert», meint er zu den Reaktionen zu seinem Wechsel. «Man darf das aber echt nicht unterschätzen. In Asien gibt es gute Spieler und gute Vereine. Und dort hat man gesehen, dass wir echt weit vorne dabei sind.»

In der Gruppe erspielte man sich gegen den asiatischen Champions League-Sieger Al-Hilal Riad ein Remis und verlor das zweite Spiel knapp, «da hat man gesehen, wir sind auf Augenhöhe». Allgemein schätzt er das Niveau des asiatischen Fussballs sehr hoch ein. China, Japan oder Saudi Arabien hätten gute Spieler und gute Vereine, meint er, hinter denen auch Geld steckt. Derdiyok meint gar, dass man in Europa in gewissen Ligen mithalten könnte. So zieht er sogar einige Parallelen zum FC Basel, um es noch einmal zu veranschaulichen: «Es ist ähnlich wie zum Beispiel beim FC Basel: Die Schweiz ist ein kleines Land, der FCB hat eine super Jugendabteilung und war in Europa in den letzten Jahren richtig erfolgreich, sind weitergekommen, haben für Überraschungen gesorgt. Das zeigt, dass man kleine Ligen nicht unterschätzen darf.»

Aber trotz der Erfolge – Zeit zum Feiern bleibt nicht. Noch sind zwei Ligaspiele zu absolvieren. Danach folgt der Pokal, der in einem Blitzturnier im Dezember ausgetragen wird. «Das wäre natürlich das Ziel, dass wir das Double holen», zeigt sich der Basler motiviert. Dann erst wäre Zeit zum Zelebrieren. Dass aber gross gefeiert wird, kann er sich nicht vorstellen, schliesslich ist auch in Usbekistan Corona immer noch ein Thema.

In der Türkei war es einfacher mal schnell in die Schweiz zu kommen

Das ist nicht das einzige Problem, mit dem Derdiyok zurzeit konfrontiert ist. Von Usbekistan aus mal schnell in die Schweiz fliegen, das ist nicht mehr drin. Fast 5000 Kilometer Luftlinie trennen die Schweiz und das asiatische Land, mehr als doppelt so viel wie von der Türkei. «Als wir noch in der Türkei die Möglichkeit hatten, kurzfristig mal hin und her zu fliegen, waren wir ab und zu mal zu Hause. Aber seit ich hier bin, waren wir nicht mehr in der Schweiz. Aber jetzt, wenn der Pokal und die Liga durch sind und wir Urlaub haben, haben wir das schon vor.» Zusätzlich spielt auch noch die laufende Pandemie eine Rolle, die beim Reisen einen Unsicherheitsfaktor darstellt: «Man muss sich gut überlegen, wie man vorgeht. Aber wir wollen auf jeden Fall die Familie besuchen.» Ob nun Türkei oder Usbekistan, in die Schweiz wird er immer zurückkehren. Wegen seiner Familie – und nun auch wegen Timm Klose. Der gehöre ebenfalls fast zur Familie. Ob Derdiyok dereinst gar wieder in Europa leben oder Fussball spielen will, wisse er nicht. Angebote liegen noch keine vor, wie er erzählt, aber im Fussball könne ja schliesslich alles passieren.

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