WM14
Viele in Europa unbekannte Trainer coachen sich an der WM in den Blickpunkt

Mittel- und südamerikanische Trainer Sie sind temperamentvoll, emotional aber freundlich: Die mittel- und südamerikanischen Trainer. Der kleine Jorge Pinto liefert wie viele andere Kollegen einen grossartigen Job.

Markus Brütsch, Rio de Janeiro
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Die mittel- und südamerikanischen Trainer, die sich an der WM in den Blickpunkt coachen
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Honduras: Luis Fernando Suarez Der 54-jährige Kolumbianer aus Medellin hat seit dem 15. März 2011 die Nationalmannschaft von Honduras trainiert. Der Mann, der 2006 Ecuador in die WM-Achtelfinals geführt hatte, schaffte es aber auch nicht, mit den Honduranern den ersehnten ersten WM-Sieg zu feiern. Nach dem 0:3 gegen die Schweiz erklärte er seinen Rücktritt: «Ich bin traurig, dass wir unser Ziel nicht erreicht haben.» Als Spieler hatte er mit Atlético Nacional 1989 die Copa Libertadores gewonnen.
Ecuador: Reinaldo Rueda Der 57-jährige Kolumbianer hat hintereinander die Nationalteams von Kolumbien, Honduras und, seit 2010, von Ecuador trainiert. Zuvor hatte er Kolumbiens U20 betreut sowie die Klubteams von Deportivo Cali und Independiente Medellin. Er hatte einst an der Sporthochschule Köln studiert, war selber aber nie ein grosser Spieler gewesen. Nach dem 0:0 gegen Frankreich hat er den Schiedsrichter massiv kritisiert. Er will trotz des Ausscheidens weitermachen. Die Frage ist, ob er darf.
Uruguay: Oscar Tabarez Der 67-Jährige ist zusammen mit Jogi Löw der dienstälteste WM-Trainer. Schon seit 2006 betreut er nach einem ersten Engagement (1988–1990) die Uruguayer und hat sie 2010 in Südafrika auf den vierten WM-Platz und 2011 in der Copa America zum Titel geführt. Als Klubtrainer hatte er mit Penarol die Copa Libertadores gewonnen und war in Spanien bei Real Oviedo sowie in Italien bei Cagliari tätig. Als Spieler war er Profi gewesen, ohne grössere Spuren zu hinterlassen.
Argentinien: Alejandro Sabella Der 59-jährige Argentinier übernahm die Albiceleste im Sommer 2011, nachdem er seine Koffer schon gepackt hatte, um Trainer in den Emiraten zu werden. Sabella, der als ruhiger Zeitgenosse gilt, hatte sich seine Berufung zum Nationalcoach mit dem Gewinn der Copa Libertadores mit Estudiantes de la Plata verdient. Als Spieler machte er eine beachtliche Karriere bei River Plate, Sheffield United, Leeds, Porto Alegre, Estudiantes und als vierfacher Internationaler.
Chile: Jorge Sampaoli Der 54-jährige Argentinier hat schon viel erlebt in seiner Trainerlaufbahn. Er war in Peru und Ecuador Vereinstrainer und gewann mit Universidad zwei Mal die Meisterschaft sowie die Copa Sudamericana. Er ist seit dem 22. November Trainer von Chile und hat das Team dank einem Schlussspurt an die WM geführt. «Weltmeister zu werden, ist unrealistisch», sagt Sampaoli. Als Spieler musste er schon mit 19 Jahren seine Profikarriere wegen einer Verletzung abbrechen.
Mexiko: Miguel Herrera Der 46-Jährige hat im Oktober letzten Jahres das Nationalteam übernommen, um die Mexikaner in den Playoffs gegen Neuseeland (5:1, 4:2) an die WM zu führen. Er war der vierte Trainer innerhalb von zwei Monaten. Vom Spieler Andrés Guardado wird er in den höchsten Tönen gelobt: «Er ist ein guter Motivator und ein hervorragender Trainer.» Zuvor hatte er ohne grössere Erfolge als Klubtrainer in Mexiko gearbeitet. Selbst war er auch einmal Nationalspieler gewesen.
Kolumbien: José Pekerman Der 64-jährige Argentinier ist seit dem 6.Januar 2012 im Amt. Als argentinischer U20-Coach war er 1995, 1997 und 2001 Weltmeister. Von 2004 bis 2006 trainierte er das A-Team und schied bei der WM 2006 im Viertelfinal gegen Deutschland aus, um danach zurückzutreten. Nach der souveränen WM-Qualifikation sagte er trotz des Ausfalls von Falcao: « Meine Jungs wollen in Brasilien Berge versetzen.» Selber hat er für die Argentinos Juniors und Independiente Medellin gespielt.

Die mittel- und südamerikanischen Trainer, die sich an der WM in den Blickpunkt coachen

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Es ist der Nachmittag des 9. Juni. Auf dem internationalen Flughafen Eldorado in Bogotá haben sich viele Fussballfans eingefunden. Ihr Reiseziel ist São Paulo und die Fussball-Weltmeisterschaft.

Mitten unter ihnen, in grauen Anzügen mit einem Logo auf der Brust, eine Fussballmannschaft. Wäre nicht Bryan Ruiz dabei gewesen, das Rätsel, um welches Team es sich handelt, es wäre kaum zu lösen gewesen.

Weil dieser Ruiz aber seit seinen Engagements in Europa, bei Gent, Enschede, Fulham und zuletzt der PSV Eindhoven, ein einigermassen bekanntes Gesicht ist, wurde dann doch klar: Auch WM-Teilnehmer Costa Rica startet in diesen Minuten in sein Abenteuer Copa Mundial.

Die Fans dürfen Autogramme sammeln und sich mit den Spielern fotografieren lassen, so oft sie wollen. Kein Verbandsoffizieller, der eingeschritten wäre.

Und drinnen im Flugzeug, man traute den Augen nicht, sass die Mannschaft nicht im Businessabteil, sondern verstreut im ganzen Flieger und wer wollte, konnte mit dem einen oder anderen einen Schwatz halten. Für eine europäische Auswahl ein unvorstellbares Szenario.

Vielleicht ist es aber gerade diese Unbekümmertheit, dieses mit Beiden-Beinen-auf-dem-Boden-Stehen, welches gut zwei Wochen danach eine Erklärung für das bisher grossartige Abschneiden dieser Mannschaft liefert. Die Ticos haben die beiden früheren Weltmeister Uruguay und Italien geschlagen und England, einem weiteren ehemaligen Titelträger, ein 0:0 abgetrotzt.

Keine Frage, Costa Rica zählt zu den grössten positiven Überraschungen dieser Weltmeisterschaft und muss nach den bisherigen Leistungen gar im Achtelfinal gegen Griechenland die Favoritenrolle tragen.

«Wir haben noch Luft nach oben», droht Jorge Luis Pinto nach dem Einzug in die nächste Runde schon weitere Grosstaten an.

Er gilt als der Baumeister des Erfolgs und ist der Vertreter von mittel- und südamerikanischen Trainern, die sehr erfolgreich arbeiten, in Europa aber kaum wahrgenommen werden.

Hätten sie eine Spielerkarriere wie Maradona oder Valderrama hinter sich, wäre dies anders. Doch vielen dieser «Unbekannten» ist gemeinsam, dass sie als Spieler keine grossen Spuren hinterlassen haben.

Wenn nun die Lockerheit, mit der Costa Rica nach Brasilien geflogen ist, zum Schluss verleiten sollte, bei diesen Teams werde nicht seriös und hart gearbeitet, täuscht dies gewaltig. Costa Ricas Junior Diaz, der in der Bundesliga für Mainz 05 spielt, sagt: «Pinto hat jeden Spieler besser gemacht.»

Der 1,65 Meter kleine Pinto, neben Honduras’ Suarez und Ecuadors Rueda der dritte WM-Trainer kolumbianischer Nationalität, sagt: «Ich bin stolz, dass wir uns dem Spiel nicht verweigern, sondern auf spielerische Art und Weise den Erfolg suchen.»

Wer sich etwas genauer mit diesen Trainertypen beschäftigt, dem fällt immer wieder der Name Marcelo Bielsa ein.

Der Argentinier ist nicht nur für den aktuellen Nationalcoach Alejandro Sabella ein Vorbild, sondern für manch andere auch.

Bielsa wird wegen seiner mehr als nur akribischen Art «El Loco», der Verrückte, genannt. Er hatte von 1998 bis 2004 die Nationalmannschaft von Argentinien, von 2007 bis 2010 jene von Chile trainiert und ist nun neuer Trainer von Olympique Marseille geworden.

Auch Pinto arbeitet akribisch. «Unser Trainer ist sehr detailversessen», sagt Verteidiger Diaz, «er hat eine gute Ansprache und ist vor allem ein guter Taktiker.» Für den 61-Jährigen ist Costa Rica bereits die 19. Trainerstation.

Und eine Rückkehr, denn schon 2004 war er hier tätig, aber noch während der WM-Qualifikation entlassen worden. Auch als Nationalcoach von Kolumbien war er vor der WM 2010 nach schwachen Ergebnissen gefeuert worden.

Jetzt aber ist der kleine Mann ganz obenauf. Mit seinen taktischen Dispositionen hat er sich den Respekt von reputierten Trainern wie dem Italiener Cesare Prandelli und dem Uruguayer Oscar Tabarez verschafft. «Costa Rica hat erstklassig verteidigt», hat Tabarez gesagt. «Die Mannschaft ist glänzend vorbereitet», lobte Prandelli.

Pinto arbeitet zwar sachlich, kann aber auch sehr emotional und jähzornig sein: «Ich habe mich immer mehr in einen Tico verwandelt. Ich werde in Brasilien mit meinem Blut herhalten.»

Nach der auf Jamaika sichergestellten WM-Qualifikation hatte er vor laufenden Kameras hemmungslos geweint.

In Mittelamerika wird er in Anlehnung an José Mourinho («the special one») schon mal «the explosive one» genannt.

«Ich habe immer davon geträumt, ein WM-Team zu trainieren, mein Fleiss hat mich dahin gebracht», sagt Pinto.

Zumindest schon mal in den Achtelfinal. «Niemand kann ausschliessen, dass wir hier noch drei oder vier Spiele austragen», sagt Pinto.