Fussball-WM
Viel versprochen, viel gehalten: WM-Organisator Brasilien verdient gute Noten

Das war sie also, die "Copa das Copas", die beste WM aller Zeiten, wie Brasilien vollmundig versprochen hatte. Fest steht: Das Land verdient gute Noten für die Organisation. Nur sportlich war es für den Gastgeber ein Debakel.

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Rio de Janeiro zeigte sich von seiner besten Seite
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Rio de Janeiro: Brasilien verdient als WM-Organisator gute Noten
Fussball war im ganzen Land präsent
Fussball wurde auch an den Stränden gefeiert - nationenübergreifend!
Brasilien weinte
Brasilien bangte
Der WM-Final 2014 Deutschland gegen Argentinien

Rio de Janeiro zeigte sich von seiner besten Seite

Keystone

Die Fussball-WM ist vorbei, vier Wochen Spektakel mit fantastischen Fussballspielen! Doch was bleibt?

Brasilien hat gezeigt, dass es eine Fussball-Weltmeisterschaft auf höchstem Niveau ausrichten kann.

Die Mission ist - bis auf den verpassten WM-Titel - erfüllt. Die Fifa und die Regierung sind voll des Lobes.

Das verwundert nicht, denn ein Gutteil davon ist Eigenlob, und damit sparen beide Institutionen selten. Aber auch viele Fans sind zufrieden.

Glänzte doch das Turnier seit dem 12. Juni nicht nur durch guten Fussball, sondern auch durch einen reibungslosen Ablauf.

Die Stadien waren fertig, die Sicherheit für Millionen Fans gewährleistet und die Stimmung euphorisch und ansteckend. Russland muss sich 2018 anstrengen, wenn es das toppen will.

Schon zur Halbzeit hatte Fifa-Präsident Sepp Blatter von einem «unbestreitbar grossen Erfolg» gesprochen, und diese Woche schwärmte der Walliser: «Ich durfte mich von einer faszinierenden Atmosphäre verzaubern lassen.» Zehntausende Fans aus Kolumbien, Chile und Argentinien zeigten der Welt, was es heisst, für sein Fussball-Land alles zu geben.

Byebye Rio, hallo Rio!

Lob für die Organisation kam auch vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das nach dem Final am Sonntag quasi den Staffelstab von der Fifa übernommen hat für die Sommerspiele in zwei Jahren in Rio.

«Brasilien kann sehr stolz sein auf die Organisation der 'Copa', und wir sind sicher, dass die Welt während der Olympischen Spiele 2016 sehen wird, wofür Brasilien steht: Leidenschaft und Effizienz zur gleichen Zeit», sagte IOC-Präsident Thomas Bach am Freitag nach einem Treffen mit Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff.

Auch die 66-Jährige hält die WM für mehr als gelungen und will deshalb auch nichts mehr von Miesmacherei und Unkenrufen wissen, schon gar nicht bei der laufenden Olympia-Vorbereitung. «Die Pessimisten haben sich geirrt», so die Staatschefin im Rückblick.

Dagegen lässt sich wenig sagen, wenn man sich an die Prämisse der WM-Gegner erinnert, die monatelang gedroht hatten: «Não Vai Ter Copa» (Es wird keine WM geben).

Es gab sie nicht nur, die WM, es wurde auch eine vierwöchige Dauerparty. Von Massenprotesten keine Spur, es waren während der gesamten WM wohl nur einige tausend, die sich versammelten, obwohl es an Gründen nicht fehlte.

Denn seit den Demonstrationen von Hunderttausenden im Vorjahr hat sich wenig zum Guten geändert an den beklagten Missständen in Spitälern, Schulen und im öffentlichen Nahverkehr.

Aber wenn der Ball rollt, dann gelten andere Gesetze, vor allem im Fussball-Land Brasilien.

Ob sich die WM-Gesamtinvestitionen von rund 8,5 Milliarden Euro gelohnt haben, muss sich erst weisen. Spätestens heute Montag rücken wieder die Alltagsprobleme der Menschen in den Vordergrund.

Das forsche Motto der «Weltmeisterschaft aller Weltmeisterschaften» wurde zunächst weltweit belächelt. Doch mit Blick auf die letzten vier Wochen waren die Zweifel unbegründet. Logistisch gab es praktisch keine Probleme. Ob an den als zu klein befundenen Flughäfen oder auch in den Arenen selbst, die WM lief weitgehend problemlos und stimmungsvoll ab.

Auch Fifa-Chef Blatter sieht sich in seiner Mission bestätigt: «Alle haben sich geirrt. Ich sage nicht, dass es perfekt ist. Aber sie haben gesagt, dass die Stadien nicht fertig würden. Sie sind fertig und Brasilien hat heute Kunstwerke als Stadien.» Ob Weisse Elefanten wie möglicherweise in Manaus oder Cuiaba auch Kunstwerke sein können, bleibt abzuwarten.

170'000 Polizisten und Soldaten im Dauereinsatz

Als neuralgischer Punkt wurde vor der WM die prekäre Sicherheitslage in Brasilien angesehen. Doch da überliess der Staat nichts dem Zufall. 170'000 Polizisten und Soldaten waren im Dauereinsatz. 1,9 Milliarden Reais (ca. 760 Mio. Franken) kostete die Mega-Operation.

Die Stadion-Umgebungen glichen Hochsicherheitsgebieten, auch wenn die Hundertschaften der Policia Militar dezent in Seitenstrassen aufmarschierten.

In den Stadien sorgten tausende Stewards für die Sicherheit. Es gab eine falsche Bombendrohung, verhältnismässig kleine Scharmützel mit übermütigen Fans und jede Menge Überfälle, Diebstähle und einige Raufereien. Das aber sind traurige Begleiterscheinungen bei solchen Massenveranstaltungen, nicht nur in Brasilien.

Zwar hat die «Seleção» die nationale Mission «Hexa», mit dem sechsten WM-Titel als Ziel, mit dem 1:7-Halbfinal-Debakel gegen Deutschland krachend vergeigt, doch die Präsidentin ist sicher, dass Brasilien mit einem «höheren Selbstwertgefühl» aus der WM geht.

«Ohne Zweifel, von jetzt an hat das Sportministerium die Voraussetzungen, um internationale Wettbewerbe nach Brasilien zu holen. Auch weil kein anderer internationaler Wettbewerb so komplex wie die WM ist.» Für Rousseff beginnt nun die Endphase im Wahlkampf. Am 5. Oktober wird sich zeigen, in welchem Masse sie von der WM profitiert hat. (si/sha)