Die Kälte fährt durch Mark und Bein an diesem Mittag ausserhalb des St. Jakob- Parks, als Valentin Stocker für den Fotografen posiert. Das wird am Dienstagabend nicht anders sein. Dann, wenn Stocker und der FC Basel im Champions-League-Achtelfinal gegen Manchester City die nächste Sternstunde erleben wollen.

Zuvor nimmt sich der 28-Jährige bei einem Mittagessen Zeit, um über seine Rückkehr nach dreieinhalb Jahren in Berlin zu reden. Er hat sein rotblaues Herz immer behalten. Derweil ist sein Herz für Tiere noch einmal viel grösser geworden. Der Nüsslisalat kommt. Ohne Speck. Wie bestellt.

Valentin Stocker, wieso haben Sie eigentlich auf den Speck verzichtet?

Valentin Stocker: Weil ich nicht jeden Tag Fleisch essen muss. Ich bin nicht Vegetarier, aber Tiere liegen mir am Herzen.

War das schon immer so?

Meine Eltern hatten Tiere, ich wuchs mit Hunden auf. Und dann war ich oft auf dem Land. Bei meinem Grossvater in Thurgau auf dem Bauernhof. Überhaupt war ich viel draussen in der Natur. Mein Papi ist Walliser. Mit ihm war ich oft in den Bergen, das hat mir immer Kraft gegeben.

Sie schwärmen von Tieren, der Natur, haben aber bis vor kurzem während rund dreieinhalb Jahren in einer Grossstadt gelebt. Haben Sie da die Natur und die Tiere nicht vermisst?

Berlin ist unglaublich grün! Wenn du im Sommer oder im Frühling über Berlin fliegst, hast du nicht das Gefühl, dass es eine Grossstadt ist. Es hat überall Bäume. Und diese haben vielen Strassen ihre Namen gegeben. Ich lebte in der Rüstern-Allee, daneben war die Eschen-Allee, die Ulmen-Allee und so weiter. Jede Strasse war von den entsprechenden Bäumen gesäumt. Riesig und alt.

Und Tiere gibt’s ja im Zoo.

Mitnichten. Wenn ich am Morgen auf die Terrasse stand, hatte es dort Eichhörnchen. Ich habe einen Dachs gesehen, Füchse. Das war Dschungel-Wahnsinn in der Grossstadt. Die Rückeroberung durch die Natur hat angefangen (lacht).

Hat Sie Berlin zum bewussten Fleischesser gemacht?

Es war nicht so, dass ich mir in der Schweiz keine Gedanken dazu gemacht hätte. Aber vielleicht habe ich mich damals noch nicht so getraut, hinzustehen und zu sagen, das ist jetzt mein Weg, so möchte ich leben. Ich will niemanden beeinflussen. Es geht nur um die Ansprüche an mich selbst.

Gab es denn ein konkretes Erweckungserlebnis?

Das vielleicht nicht. Aber ich erinnere mich, dass ich in eine Markthalle ging in Berlin. Dort gab es einen Stand, der niedergegartes Fleisch anbot. Ich begann mit den Leuten zu sprechen, über die Garmethode, über das Fleisch. Sie erzählten mir, von welchem Hof das Fleisch kommt, wie dort die Tiere gehalten werden.

Und dann?

Willst du mehr wissen, schaust den einen oder anderen Dokumentarfilm auf Netflix und machst dir deine Gedanken. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich mir sagte: Scheisse, wenn du schon die Möglichkeit hast und nicht jeden Tag Fleisch essen musst, dann mach es auch. Und ich wollte für mich etwas Sinnvolles machen.

Also Tierschutz.

Ja, zum einen. Man kann vielerorts helfen. Ich wollte für mich einfach herausfinden, wo ich den grössten Zugang habe. Und das sind für mich im Moment Kinder und Tiere. Dort versuche ich zu helfen. Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist.

Haben Sie selbst Tiere?

Ja, ich habe einen Hund aus dem Tierheim und seit kurzem einen weiteren, der uns in den Ferien zugelaufen ist.

Zwei Hunde haben Sie schon. Planen Sie denn, auch eigene Kinder zu haben?

Solange ich Fussball spiele nicht, nein.

Das hat einen Einfluss? Beim FCB gibt es doch viele Papis.

Die Fussballzeit ist sehr intensiv. Vor allem was das Reisen anbelangt Unter Raphi (FCB-Trainer Raphael Wicky, d. Red.) sind wir zwar nicht mehr ganz so oft im Hotel. Aber bei meiner letzten Saison mit dem FCB war ich fast 200 Tage weg. Ich glaube, da verpasst man einfach unglaublich viel. Das möchte ich nicht, ich möchte dabei sein, es miterleben.

Hat sich Ihr Bild der Schweiz im Ausland eigentlich verändert?

Ich glaube, man beginnt viele Dinge zu schätzen, die man in der Schweiz hat. Teilweise muss man auch schmunzeln, weil man hier vielleicht gewisse Dinge ein bisschen enger sieht, perfektionistischer ist.

Was haben Sie schätzen gelernt?

Da könnte ich viel erzählen.

Nur zu.

Die Sicherheit in der Schweiz. Es gab ja den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht dort, aber es ist ein Ort, an dem ich mich relativ oft aufhielt. Das hat mich sicherlich sehr geprägt. Etwas Vergleichbares ist in der Schweiz bisher zum Glück noch nicht passiert.

Und sonst?

Das Wasser. Wir trinken in der Schweiz einfach aus dem Wasserhahn. Das ist ein ungemeiner Luxus. Das merkt man, wenn man alle zwei Wochen literweise Wasser zur Wohnung hochschleppt.

Und die deutsche Direktheit?

Die Berliner Schnauze. Ich war eigentlich immer ein Fan. Wenn ich in einem Restaurant irgendetwas für zehn, zwölf Euro ass und mit einem Fünfziger bezahlen wollte, dann schaute dich der Kellner schon komisch an. Aber andererseits kann man auch sagen, was man denkt, wenn einem zum Beispiel das Essen nicht passt. Mir passt diese Ehrlichkeit.

Hat man Sie in Berlin im Restaurant oder auf der Strasse erkannt?

Kaum je. Ich konnte mich fast komplett anonym bewegen. Natürlich, in der Nähe des Stadions wurde ich schon hin und wieder erkannt. Am meisten jedoch von Schweiz Touristen (lacht). Aber in Berlin Mitte, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg ist Fussball schlicht kein Thema.

Obwohl Sie Berlin ins Herz geschlossen haben, sind Sie zurück nach Basel gekommen. Ist Ihr Hunger nach Abenteuer gestillt?

Ich habe schon immer gesagt, dass ich gerne länger reisen gehen würde. Aber das ist vielleicht eher etwas für später.

Und was hat letztlich dazu geführt, dass Sie nicht sonst wo, sondern in Basel gelandet sind?

Ich habe mir natürlich meine Gedanken gemacht, mich gefragt, was mich hier erwartet. Aber letztlich habe ich mir gesagt: Die grösste Chance, noch einmal richtig Freude am Fussball zu haben, habe ich hier in Basel. Natürlich habe ich keine Garantie, dass es so kommt, aber hier stimmt einfach sehr vieles.

Stocker und Streller schiessen den FCB 2008 in der Finalissima gegen YB zum Meistertitel.

Was könnte denn schiefgehen?

Die grösste Gefahr ist, dass man keinen Erfolg hat. Das beeinflusst dich, macht, dass du unzufrieden bist. Aber ich habe hier in Basel Dinge erlebt, die einmalig sind. Punkt. Das kann uns niemand wegnehmen.

Aber das ist Vergangenheit.

Genau. Jetzt kommt ein neues Kapitel, es werden neue Geschichten geschrieben. Ich freue mich riesig darauf, aber wie es rauskommt, weiss niemand.

Warum haben Sie denn das Gefühl, dass Sie ausgerechnet in Basel wieder die Freude am Fussball finden?

Lustigerweise schon aufgrund der Vergangenheit. Sie gibt mir den Glauben an den Fussball zurück.

Während der dreieinhalb Jahre in Berlin hatten Sie etliche Probleme. Sei es, dass Sie verletzt waren oder Ihr Trainer nicht auf Sie baute. Hat Ihnen das die Freude am Fussball geraubt?

Nein, das nicht. Ich bin jeden Morgen gerne aufgestanden und ins Training gegangen. Daran hat sich nichts geändert, seit ich sechs Jahre alt bin. Aber ich bin gleichzeitig ein Mensch, der über den Fussball hinausdenkt, sich Gedanken macht zu anderen Dingen. Und ja, ich hatte eine schwere Zeit. Ich habe mich hinterfragt, wie das jeder Mensch macht. Was will ich? Was brauche ich?

Und dann kam Ihr Freund, FCB-Sportchef Marco Streller, und bot Ihnen an, nach Basel zu kommen. Wie waren die Verhandlungen?

Unkompliziert. In Berlin hat alles super geklappt mit der Vertragsauflösung. Ich habe Marco gesagt, was ich mir vorstelle. Und er wusste, dass ich nichts Unmögliches fordern würde.

Streller hat gesagt, dass er «Spektakel und etwas Gift» von Ihnen erwarte. In vielen Stadien in der Schweiz sind Sie eine Reizfigur. Im direkten Gespräch wirken Sie sehr überlegt. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?

Ich kann es mir nicht erklären, ich erlebe es anders. Gegen Lugano zum Beispiel gab es keine Situation, in der ich irgendjemanden provoziert hätte. Aber vielleicht ist es einfach so, wenn man in Basel geliebt wird, ist man in der Rest-Schweiz vielleicht ein bisschen weniger beliebt. Und ich war ja auch schon für einige Niederlagen von anderen Teams verantwortlich. Das nervt dann halt viele.

Sie wollen also nicht gifteln?

Ich will in erster Linie positive Emotionen in die Mannschaft bringen und meine Kollegen so mitreissen, nicht mit negativen Emotionen auffallen.

Thema-Wechsel: Wer spielt derzeit den schönsten Fussball in Europa?

Ich würde meinen, unser nächster Gegner, Manchester City.

Das haben wir uns fast gedacht. Inwiefern denn?

Es gibt mehrere Mannschaften, die Weltklasse sind. Letztlich entscheidet das Momentum. Und das spricht aktuell für City, sie sind bestechend derzeit. Ihr Vorsprung in der Premier League ist gewaltig. Sie haben unglaublich wendige Spieler. Jeder einzelne ist top. Darum gibt es für mich nur ein Fazit: Manchester City ist derzeit die beste Mannschaft der Welt.

Wie kann man da bestehen?

Man muss an seine eigenen Stärken glauben. Der FC Basel – und da muss ich mich selbst ausnehmen – hat in diesem Herbst eine unglaublich gute Champions League gespielt, mit Manchester United, Benfica Lissabon und ZSKA Moskau bereits grosse Mannschaften geschlagen. Das ändert natürlich nichts daran, dass es enorm schwierig ist, gegen solche Mannschaften zu bestehen, wenn es über zwei Spiele geht.

Da haben Sie ja selbst Erfahrung.

Ja, durchaus. Gegen Bayern vor fünf Jahren. Ebenfalls im Achtelfinal.

Dieses 1:0 im Hinspiel. Ihr spätes Tor. Welcher Film läuft in Ihrem Kopf ab, wenn Sie daran denken?

Es war ein richtig starkes Spiel unserer Mannschaft. Yann Sommer hat überragend gehalten. Die Bayern verwerteten ihre Chancen nicht. Und dann wurde ich eingewechselt und erzielte das späte 1:0, wir gewannen. Eine kleine Sensation. Leider gab es auch noch ein Rückspiel.

Sie verloren 0:7.

Darüber müssen wir ja nun nicht mehr sprechen, oder? (lacht) Aber wir haben damals gezeigt, dass etwas möglich ist. Das hat der FCB immer wieder gemacht.

Wie ist das möglich?

Ab einem gewissen Niveau ist es im Fussball so, dass jeder gut laufen kann, jeder kämpft, jeder kann Fussball spielen. Dann ist der Kopf entscheidend. Wenn es dir in der Meisterschaft läuft und du auf ein Team triffst, dem es vielleicht gerade nicht so läuft, dann kann das ein grosser Vorteil sein.

Warum?

Weil man mit einer gewissen Selbstverständlichkeit ans Werk geht, weil die Mechanismen greifen.

Nun läuft es Basel gerade ein bisschen weniger als Manchester City.

Selbstvertrauen zieht man nicht nur aus dem Moment. Man kann auch zurückblicken und so den Glauben an sich selbst stärken. Wir wissen, dass es möglich ist, solche Gegner zu schlagen. Und das ist zentral.

Sie verloren gegen Lugano und mühten sich gegen Thun zum Sieg. Wie zufrieden sind Sie mit Ihren ersten beiden Spielen?

Ich habe in beiden Spielen Situationen von gewisser Gefährlichkeit kreieren können. Aber ganz klar, ich habe noch Luft nach oben. Erst Mitte November wurde ich am Knie operiert. Da ist es logisch, dass noch nicht alles perfekt ist. Ich bin zufrieden mit meiner körperlichen Verfassung, freue mich aber jetzt schon drauf, wenn ich noch mehr dazu beitragen kann, dass wir mehr Tore schiessen.

Wie wichtig war der Sieg gegen Thun? Gerade auch im Hinblick auf das Spiel gegen Manchester City.

Sehr wichtig. Nicht nur wegen des Spiel vom Dienstag, sondern ganz allgemein. Wir mussten eine Reaktion zeigen. Vor allem zu Beginn des Spiels haben wir das hervorragend gemacht. Danach hat uns vielleicht ein bisschen die Erfahrung oder Gelassenheit gefehlt, um es ruhig runterzuspielen.

Haben Sie schon als Kind von der Königsklasse geträumt?

Nein, nicht wirklich. Aber da war ich sicher speziell. Fussball war für mich nicht das Mass aller Dinge. Ich liebte das Spiel, aber war nie ein Mega-Fan. Nur von Brasilien und Romario. Heute würde ich sagen: Die Champions League ist das Grösste, das es für einen Fussballer gibt. Auf gleicher Höhe wie Europa- und Weltmeisterschaft.