Schafft es der FCB-Trainer, in der Länderspielpause abzuschalten? Oder bleibt der Stress gleich gross?

Urs Fischer: Ich konnte tatsächlich entspannen. Hatte Freitag, Samstag, Sonntag frei. Gut, ich habe während dieser Tage auch vier Spiele von Paris St. Germain geschaut. Aber trotzdem: Ich konnte Dinge erledigen, für die ich sonst keine Zeit habe.

Zum Beispiel?

Am Donnerstagabend war ich beim Coiffeur (lacht).

Wie können Sie entspannen?

Das geht gut, wenn man eine intakte Familie hat. Meine Familie ist fussballbegeistert und hält mir den Rücken frei. Dann finde ich es wichtig, wenn ich Zeit habe, auch mal die Familie zum Zug kommen zu lassen. Der Fussball bleibt dann beiseite. Besonders geniesse ich es, wenn wir zusammen essen. Oder einen Film schauen. Letzten Sonntag führten wir uns den Thriller «White House Down» zu Gemüte. Neben der Familie ist das Fischen meine grosse Leidenschaft.

Hat es gereicht für einen guten Fang in der Länderspielpause?

Nein, leider nicht. Ich wollte am Freitag gehen. Aber die Verhältnisse liessen es nicht zu. Die Bise war zu stark. Und jene, die sich doch ins Wasser wagten, meldeten tatsächlich, es sei nichts los gewesen. Trotzdem: Wenn ich im Wasser stehe, vergesse ich den Fussball. Aber nur für einen Moment.

FC Basel Maischterfiir: Interview Urs Fischer

FC Basel Maischterfiir: Interview Urs Fischer.

Gibt es eine Zeit im Jahr, in der Sie komplett abschalten können?

Im Winter eher als im Sommer. Am liebsten mache ich mit meiner Frau Städtereisen. Zuletzt waren wir in Valencia – wunderschön! Um komplett abschalten zu können, ist es auch wichtig, dass der Klub das zulässt und mithilft, dich für ein paar Tage in Ruhe zu lassen. Aber klar, wenn dringende Dinge passieren, bin ich 24 Stunden erreichbar. Und ein bisschen verfolge ich den Transfermarkt dann schon auch. Es interessiert mich, wer was macht.

Musste Sie Ihre Familie neu kennen lernen, seit Sie FCB-Trainer sind?

Also die Distanz nach Zürich war ja beim FC Thun grösser. Und nur schon die A1 ist eine Tortur. Ich glaube darum nicht, dass ich als Thun-Trainer häufiger zu Hause war. Aber die Intensität hat in Basel noch einmal zugenommen. Nur schon von der Klub-Grösse her. Ich bin fast sicher, dass ich bis heute noch immer nicht alle Leute einmal gesehen habe, die für den FC Basel arbeiten.

Und die Belastung neben dem Platz?

Die ist natürlich um ein Vielfaches grösser. Auch der Druck ist ganz anders. In Thun durfte ich gewinnen. In Basel muss ich gewinnen. Wobei das auch noch nicht reicht. In Basel muss ich «dementsprechend» gewinnen. Das ist ein Unterschied, den jeder erfahren muss, der ihn nicht kennt. Das kann man nicht beschreiben.

Haben Sie erwartet, dass es nicht reicht, einfach zu gewinnen? Dass die Siege schön und überzeugend sein müssen? Oder sind Sie doch überrascht, wie extrem die Basler Fussballwelt funktioniert?

Gut, wir sind jetzt in der zweiten Saison. Ich konnte mich also etwas daran gewöhnen. Der Start in die letzte Saison war mit acht Siegen ja nicht schlechter. Aber vor einem Jahr hatte ich tatsächlich noch nicht das Gefühl, dass dieses «Schön-und-überzeugend-Siegen-Müssen» so markant war.

In der Champions League läuft es Urs Fischer und dem FC Basel bisher nicht nach Wunsch.

In der Champions League läuft es Urs Fischer und dem FC Basel bisher nicht nach Wunsch.

Das hat sich verändert?

Ja. Das spürte ich im zweiten Teil der bisherigen Saison eindeutig. Aber um das klarzustellen: Ich finde das nachvollziehbar. Je grösser die Erfolge, desto höher die Ansprüche. In Thun hat sich jeder gefreut, wenn das Team irgendwie zu drei Punkten kam, man war einfach froh, es ging ja auch ums Überleben des Vereins. In Basel wird auch bei einem Sieg das eine oder andere hinterfragt und zum Thema gemacht. Doch damit muss ich umgehen können. Das gehört schliesslich zum Anforderungsprofil an einen FCB-Trainer.

Trotzdem: Nervt das manchmal?

Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde: «Nein, das nervt nie.» Wer hat es schon nicht gerne, wenn er gelobt wird? Ich kenne niemanden, der es mag, wenn er von allen Seiten hört: Was spielt ihr denn für einen Unsinn zusammen! Aber eben, für mich kommt es immer ein wenig drauf an, in welcher Art und Weise das geschieht. Ein gutes Indiz ist immer auch, wie sich die Fans verhalten. Sie unterstützen uns unermüdlich, und zeigen aber auch, wenn sie nicht einverstanden sind. So, wie das gegen Thun nach der ersten Halbzeit der Fall war. Und damit können wir auch umgehen.

Immer siegen – trotzdem immer Kritik. Das nagt. Wie lange kann ein Trainer beim FC Basel Trainer sein, bevor er ausgebrannt ist?

Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, es ist möglich, auf Dauer Trainer dieses Klubs zu sein. Weil die grösste Stärke des FCB eben das Gesamtkonstrukt ist. Der Klub hat eine Art implementiert, miteinander umzugehen, die herausragend ist. Nicht nur familiär. Sondern eben immer auch korrekt.

Können Sie konkreter werden?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen es nicht überall rund läuft. Situationen, in denen die Kritik grösser wird. Aber auch in solchen Situationen bleibt der Umgang zwischen Führung und Angestellten genau gleich. Dann die Ruhe zu bewahren – das ist erforderlich, dass du als Trainer schlussendlich länger bei einem Klub arbeiten kannst. Ich habe die Gewissheit, dass der FCB nicht in Hektik verfällt. Aber, um das klarzustellen: Ich mache mir nicht ständig Gedanken, wie lange ich beim FC Basel tätig sein könnte, sondern versuche, die Zeit optimal zu nutzen.

Bei anderen Klubs – Zürich, YB – lässt sich das nicht behaupten.

Ich möchte nur die Situation in Basel beurteilen. Beim FCB herrscht keine Unruhe. Nie. Da kann man von aussen noch so wollen, der FCB bleibt vernünftig, sachlich, korrekt. Mir ist bewusst: Irgendwann kommt bei jedem Job der Moment, wo ein Trainer das ganze Drumherum nicht mehr bewältigen kann. Dann muss man eben eine Lösung suchen und etwas Neues machen. Aber selbst in solchen Momenten bleibt der Verein, so wie ich ihn wahrnehme, professionell. Entlassungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Aber je kleiner die Nebengeräusche sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, auch einmal zusammen stürmische Zeiten zu überleben. Manchmal, da hat ein Trainer nicht einmal die Möglichkeit, stürmische Zeiten zu überleben, weil schon vorher entschieden wurde.

Sie sprechen Ihre Entlassung an beim FC Zürich. Sie kam aus heiterem Himmel, nachdem zuvor die halbe Mannschaft verkauft wurde. Das hat Sie ziemlich getroffen.

Die erste Entlassung der Karriere haut einem den Boden unter den Füssen weg. Du hast eine Familie zu Hause – aber von heute auf morgen keinen Job mehr. Es ist ja nicht so, dass einem gekündet wird, und dann hat man noch drei Monate, um sich neu zu orientieren. Nein, du stehst einfach da, und alles fällt in sich zusammen.

Müssten sich Trainer in der Ausbildung mehr mit Entlassungen beschäftigen?

Das Lustige ist ja, dass sich Trainer-Kollegen untereinander stets sagen: «Du bist erst ein guter Trainer, wenn du einmal entlassen wurdest.» Dieser Spruch hat etwas. Als Trainer gibt es immer wieder Situationen, die unerwartet kommen, in denen man reagieren muss. Und sich hinterher selbst reflektiert. Aber entlassen werden? Das kann man nicht üben. Vor allem, wenn es aus heiterem Himmel kommt.

Nun, beim FCB sitzen Sie ja fest im Sattel. Ihr Vertrag enthält eine Klausel auf automatische Verlängerung. Wenn Sie Meister werden…

… (lächelt). Sie sind nicht die ersten, die mich das fragen: Ich halte es wie überall. Ich äussere mich nicht zu Vertragsinhalten. Und dementsprechend wird man dann sehen, wie es weitergeht.

Bei Thun war jeder Sieg wertvoll - in Basel müssen die Siege "schön und überzeugend sein".

Bei Thun war jeder Sieg wertvoll - in Basel müssen die Siege "schön und überzeugend sein".

In Thun sagten Sie einst: «Hier regt sich niemand auf, wenn drei Leute an der Kasse stehen, und jeder hält mit der Kassiererin noch einen ‹Schwatz›» An welche Basler Eigenheiten mussten Sie sich gewöhnen?

An gar keine! Das Leben ist städtisch geprägt wie in Zürich.

Die Hektik ist also zurück.

Ich würde eher sagen: Man nutzt die Zeit, die man zur Verfügung hat. Kommen wir auf die Episode an der Kasse von Thun zurück: Solche Dinge bedeuten schon auch Lebensqualität. Und darum ist es für mich vor allem entscheidend, ob man – trotz aller Zeit-Optimierung – bereit ist, auch einmal etwas gelassen anzugehen.

Gelingt das in Zeiten der News-Überflutung per Smartphone?

Ich glaube schon. Heute gehört das Handy einfach zum Menschen. Es ist ein ständiger Begleiter, wer das nicht so handhabt, ist nicht zeitgemäss. Die Gesellschaft verlangt die prompte Reaktion auf eine Frage. Entscheidend ist aber, dass man fähig bleibt, in gewissen Phasen bewusst den Switch zu machen und zu sagen: So, jetzt ist Zeit für den Flugmodus, ich bin offline. Sei es bei einem Essen, auf einer Wanderung oder sonst wo. Wenn ich manchmal sehe, wie viele Leute nicht mehr ohne ihr Handy essen können, dann ist das erschreckend.