Die Szenerie lässt die sporthistorischen Umwälzungen nicht erahnen. Unter einer fahlen Wintersonne wirkt das Hallenstadion in Zürich nicht wie eine Kulisse für grosse Ereignisse. Eher wie eine geduckte Werkhalle. Aber hier ist gestern Fussball-Weltgeschichte und Schweizer Sportgeschichte geschrieben worden. Die Fifa hat neue Strukturen und der neue Präsident heisst Gianni Infantino. Die Schweiz behauptet die globale Bedeutung im Sport.
Die Zürcher haben kaum bemerkt, was da vor ihrer Haustüre passiert ist. Vor jedem Qualifikationsspiel der ZSC Lions sind Gedränge und Aufregung und Präsenz der Ordnungskräfte vor dem Hallenstadion um ein Vielfaches grösser. Das wird es auch heute sein, wenn der HC Davos im Hallenstadion spielt.
Der Fifa-Kongress sagt Ja zu den Reformen

Der Fifa-Kongress sagt Ja zu den Reformen

Zürich - 26.02.2016 - Die 207 stimmberechtigten Mitglieder des Fifa-Kongresses stimmen mit einer grossen Mehrheit von 89 Prozent für die Änderung der Statuten.

Die Reise in den Süden verpasst
Nur ein aufmerksamer Beobachter merkt überhaupt, dass im Hallenstadion etwas los ist. Um 8 Uhr morgens, anderthalb Stunden vor Kongressbeginn, stehen draussen sieben oder acht Menschen und präsentieren Porträts als Wahlempfehlungen für Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa. Mit ziemlicher Sicherheit «Claqueurs». Also bezahlte Fans. Sie harren nicht lange aus und überlassen bald einmal der Gegenpartei das Feld. Nur 17 Personen haben sich versammelt, um mit dünner Stimme gegen die anstehende Wahl von Scheich Salman zum Präsidenten zu protestieren. In den Sprechchören, die vom kalten, sanften Biswind verweht werden, ist das Wort «Diktator» herauszuhören. Sie harren bis in die Abendstunden aus.
Die Demonstranten wirken nicht bedrohlich. Eher wie eine versprengte Gruppe Zugvögel, die den grossen Zug nach Süden verpasst haben. Mehr Resignation als Zorn. Die paar Ordnungshüter wirken leicht amüsiert. Die TV-Teams und Fotografen sind froh um die Abwechslung und ein paar Bilder. Gut geschnitten und bearbeitet dürften sie durchaus dramatisch wirken. Aufbegehren als Folklore.
Dankesrede von Gianni Infantino

Dankesrede von Gianni Infantino

Gianni Infantino ist am Kongress des Weltfussballverbandes im Zürcher Hallenstadion zum neuen FIFA-Präsidenten gewählt worden. In seiner Dankesrede erklärt er, in welche Richtung er die FIFA lenken will (Quelle: Fifa).

Somit hat der Chronist eigentlich den aufregendsten Teil des Tages geschildert. So ein Kongress hat nicht die Dynamik eines Fussballspiels. Aber der neutrale Beobachter ahnt, ja weiss, schon gegen 14 Uhr, dass der neue Fifa-Präsident nur Gianni Infantino heissen kann.
Zu diesem Zeitpunkt ist die Präsentation der Kandidaten beendet. Sie haben sich in einer Ansprache an die 207 wahlberechtigten Delegierten gewandt. Jetzt nützen alle Beziehungen, Bankkonten, Briefumschläge und Berater nichts mehr. Nun die Persönlichkeit zählt. Die Ausstrahlung.
Unheimlich und bedrohlich
Beschränken wir uns auf den Auftritt der beiden Favoriten: Scheich Salman und Gianni Infantino. Der Gegensatz ist wahrlich faszinierend – und wenn sich die Fifa wirklich bessern will, ist der Scheich nicht wählbar. Das Mitglied der Königsfamilie aus Bahrain tritt in westlicher Kleidung auf wie ein diskreter Banker aus dem calvinistischen Zürich – also aus jener Zeit, als die Welt in dieser Branche noch in Ordnung war. Er spricht leise, unaufgeregt, aber deutlich. In seinem Blick liegt etwas Eindringliches, ja Bedrohliches, um seinen Mund liegt ein spöttischer Zug.
Keine Frage: Ein Mann der Macht, irgendwie unheimlich, und spontan kommt dem Zuhörer ein Spruch von US-Präsident Theodore Roosevelt aus dem frühen letzten Jahrhundert in den Sinn: «Speak softly and carry a big stick; you will go far.» Sprich sanft und trage einen grossen Knüppel, dann wirst du weit kommen. Ja, so wirkt er: als sanfter Mann mit dem Knüppel. Nach knapp zehn Minuten ist sein Auftritt beendet. Er berührt die Herzen nicht. Er kann nicht der Mann der neuen Fifa sein.
Geist siegt über Geld
Der Star dieser Präsentationsrunde wird Gianni Infantino. Ja, er reisst mit. Er spricht doppelt so lange wie sein grosser Widersacher aus dem Morgenland. Er spricht Englisch, streut aber Sätze in mindestens vier weiteren Sprachen ein und bekommt während seiner Rede Applaus. Ein charmanter, weltgewandter und doch geerdeter Mann des Fussballs, ein zuverlässiger Musterschweizer mit Charakter und Charme. Er ist der Kandidat der Herzen. Er ist der Mann der neuen Fifa. Aber nach wie vor gilt er nur als Aussenseiter.
Vier Stunden lang ziehen sich die beiden Wahlgänge dahin. 207 Delegierte geben ihre Stimme ab. Jeder Einzelne wird persönlich aufgerufen, geht nach vorne und steckt seinen Wahlzettel in die Urne. Immerhin ist die Auszählung der Stimmen ein kleines Spektakel. Die Zettel werden auf einem Tisch ausgebreitet und gezählt. Ernst ist die Miene der Männer, die sich der Würde und Bedeutung ihrer Arbeit bewusst sind. Exakt so wird es bei der Auszählung der Stimmen an diesem Wochenende in unzähligen Schweizer Gemeinden zu- und hergehen.
Der Eindruck des neutralen Chronisten war richtig. Um 18 Uhr ist klar: Der neue Präsident heisst Gianni Infantino. Er war also nicht nur der Kandidat der Herzen. Sondern auch ein Kandidat des Verstandes und der Vernunft. Pathetisch dürfen wir als Schweizer gar sagen: Geist hat über Geld triumphiert.