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Und plötzlich ist alles anders: Die neue Super-League-Saison beginnt mit vertauschten Rollen

Die neue Fussball-Saison beginnt mit veränderten Rollen – das ist vor allem für den FC Basel ungewohnt. Man ist nicht mehr der Gejagte, sondern der Jäger.

Etienne Wuillemin
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Der FC Basel wurde in der Saison 2017/18 vom Gejagten zum Jäger: Wie machen sich Valentin Stocker(l.) und Co. auf der Jagd nach Titelverteidiger Sekou Sanogo und seinen Young Boys?Freshfocus

Der FC Basel wurde in der Saison 2017/18 vom Gejagten zum Jäger: Wie machen sich Valentin Stocker(l.) und Co. auf der Jagd nach Titelverteidiger Sekou Sanogo und seinen Young Boys?Freshfocus

Urs Lindt/freshfocus

Die Erinnerungen an den WM-Final sind noch nicht verblasst, da rollt der Ball in der Schweiz bereits wieder. Die neue Saison beginnt. Und die Fragen lauten: Kann YB seinen Coup wiederholen? Ist der FCB wieder hungrig? Welcher Aussenseiter wird so überraschen können wie Kroatien an der WM? Welcher Favorit wird so enttäuschen wie Deutschland? Wer wächst über sich hinaus wie die Russen? Und wer bricht im entscheidenden Moment zusammen wie das Schweizer Nationalteam?

FCB und YB im Titelrennen

Das Titelrennen dürfte erneut ein Zweikampf werden. Alles andere als ein Meister YB oder FCB am Ende der Saison wäre eine Sensation. Cupsieger FCZ möchte die Grossmächte zwar angreifen, aber konstant solche Leistungen wie im Cupfinal traut man der jungen Mannschaft noch nicht zu. Die ersten Abstiegskandidaten heissen Xamax, Thun und Lugano.

Dass es die Barrage nach sieben Jahren wieder gibt, ist für die Zuschauer ein Gewinn. Die Vertreter der Challenge League waren geschlossen dafür, inklusive Aufsteiger Xamax. Die nötige Zweidrittelmehrheit wurde sogar übertroffen. Dank GC, FCZ und St. Gallen, die neben Absteiger Lausanne und dem Spitzenduo YB/FCB für die Wiedereinführung der Barrage waren.

YB und das Geschick von Christoph Spycher.

Es waren 32 lange Jahre des Wartens. Nun hat sich YB den Thron zurückerobert. Und damit den lange ersehnten Traum eines Titels endlich erfüllt. Dass der Erfolgshunger der Berner damit gestillt ist, davon darf nicht ausgegangen werden. Alleine der Name Christoph Spycher bürgt schon dafür.

Christoph Spycher: Der Architekt des YB-Meistertitels

Christoph Spycher: Der Architekt des YB-Meistertitels

Mario Heller

Der Sportchef hat entscheidenden Anteil am YB-Erfolgsgebilde. Und ist bereits emsig daran, das nächste Erfolgs-Puzzle zusammenzubauen. YB verlor zwar seinen Meistertrainer Adi Hütter, der zu Frankfurt wechselt. Aber es gibt einige Anzeichen dafür, dass sein Nachfolger Gerardo Seoane das Team weiterentwickelt.

Die nächsten Wochen sind entscheidend für YB

Vom grossen Ausverkauf ist YB bisher verschont geblieben. Doch die entscheidenden Wochen kommen erst. Dann ist Spychers Geschick erneut gefragt. Jedenfalls wirkt es aber so, als hätten die Berner stets einen durchdachten Plan.

Eine erste Herausforderung steht mit der Qualifikation für die Champions League bevor. Der Schweizer Meister ist im Gegensatz zum Vorjahr nicht mehr gesetzt. Doch die Hürde für die erstmalige Teilnahme an der Königsklasse scheint nicht unüberwindbar. Eindhoven oder Salzburg sind mögliche YB-Gegner im Playoff.

Prüfung für die FCB-Lehrlinge

Für den FCB beginnt die Champions-League-Qualifikation bereits am kommenden Dienstag. Drei Duelle müsste er überstehen, will er sich für die Gruppenphase qualifizieren. PAOK Saloniki heisst der erste Gegner. Das ist schon mal eine echte Herausforderung.

Die Basler begaben sich vor einem Jahr auf eine spannende Reise. Es sollte eine Jagd nach grossen Gefühlen werden. Es war selbst ihnen plötzlich ein bisschen langweilig geworden mit den immer wiederkehrenden Titeln, die man im Vorbeigehen mitnimmt.

Die alte Führung um Bernhard Heusler und Georg Heitz war mit dem Double abgetreten. Und liess den Verein mit einem Umfeld zurück, das sich mehr Spannung und Spektakel wünschte. Es ist nur in der Champions League gelungen. In der Meisterschaft dagegen stürzte Rotblau von einer Krise in die nächste.

 Wicky, Streller, Burgener: Für sie kommt das Jahr der Bewährung.

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GEORGIOS KEFALAS

Es waren ungewohnte Bilder. Die neue FCB-Crew wirkte häufig wie eine ratlose Gruppe von Lehrlingen vor dem ersten Arbeitstag. Aber genau das waren sie ja, Präsident Burgener, Sportchef Streller und Trainer Wicky. Sie alle hatten keine Erfahrung auf ihren Posten. Das titellose Jahr haben sie mehr oder weniger schadlos überstanden.

Doch nun folgt das Jahr der Bewährung. Das Jahr, in dem sich entscheidet, ob die neuen Rädchen tatsächlich greifen. Tun sie das nicht und bleiben die souveränen Resultate aus, dann wird es ganz schnell ungemütlich. Vor allem für den Trainer. Aber auch der Sportchef steht mit seiner Transferpolitik auf dem Prüfstand.

Verpasster Meistertitel als Chance?

Aber vielleicht hat die neue Ausgangslage ja auch etwas Gutes für die Basler. Siege an sich könnten endlich wieder genügen. Auch in der Meisterschaft. Und nicht gleich Fragen nach dem Spektakel-Faktor nach sich ziehen. Die grossen Gefühle dürfen durchaus auch wieder abseits der Freude über einen Champions-League-Achtelfinal stattfinden. Der verpasste Meistertitel ist also für den FCB auch eine Chance.

Die bekannte Krisen-Medizin

Für alle anderen hinter dem Spitzenduo gilt: Das Rennen um Rang 3 ist eröffnet. Ob FCZ, GC, Sion, St. Gallen oder Luzern – alle schreiben sich attraktiven Fussball vor. Es wird nicht überall gelingen, was sich die Klubs vornehmen. Die ersten Krisen werden kommen, noch ehe die Blätter von den Bäumen fallen. Und auch die Krisen-Medizin wird eine bekannte sein: die Trainerentlassung.

Wie viel Geduld die Schweizer Klubs für ihre wichtigsten Angestellten aufbringen, sieht man ihren aktuellen Diensttagen an. Ein einziger Trainer der Super League ist länger als ein Jahr im Amt – Michel Decastel von Aufsteiger Xamax. Alle anderen übernahmen ihren Posten frühestens vor einem Jahr (Basel, Thun) oder noch später.

Mögen die Spiele beginnen. Am liebsten mit intensiven, spannenden Spielen und vielen schönen Toren. Damit die Erinnerungen an die WM tatsächlich bald verblassen.

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