Voss-Tecklenburg blieb das Happy End ihrer Ära verwehrt. Trotzdem war der Dienstag ein bedeutender Abend. Und manch einer Frauenfussball-Seele gelang es bereits, wieder das grosse Bild zu sehen. Jenes Bild nämlich, wie Voss-Tecklenburg den Schweizer Frauenfussball in den letzten sieben Jahren massgeblich geprägt und auf ein neues Niveau gehievt hat.
Auch darum wurde es noch eine lange Nacht in Schaffhausen. Die Spielerinnen und der Staff verabschiedeten «ihre» Martina gebührend. Und bis in die frühen Morgenstunden. «Als ich irgendwann Feierabend machen wollte, erhielt ich als Antwort nur: ‹Du bist jetzt nicht mehr unsere Trainerin, also entscheidest du nichts mehr›. Dann musste ich eben noch ein wenig durchhalten», erzählt Voss-Tecklenburg.

Und weiter: «Es hat sich nicht wie Abschied angefühlt. Eher so, als würden wir uns in vier Wochen beim nächsten Zusammenzug wiedersehen. Es waren emotionale Gespräche dabei. Auch lustige. Wir haben Anekdoten und kleine Geschichten, die wir zusammen erlebten, aufgewärmt. Und natürlich gabs auch den einen oder anderen Tanz.»

Einer Herzensangelegenheit

Die kurze Nacht ist Voss-Tecklenburg nicht anzusehen. Sie nimmt sich am Tag nach der Barrage noch einmal Zeit, um über den Frauenfussball in der Schweiz nachzudenken. Sie tut das mit der gleichen Leidenschaft, als würde sie gerade als neue Nationaltrainerin vorgestellt werden. Man merkt: Ihr liegt der Schweizer Frauenfussball am Herzen.

Sie selbst darf im Gegensatz zu den Schweizerinnen an der WM teilnehmen. Mit Deutschland. Ihre neue Herausforderung nimmt Voss-Tecklenburg offiziell im Januar an. Es ist die Belohnung für die gute Arbeit in der Schweiz. Echte Vorfreude herrscht bei Voss-Tecklenburg im Moment indes noch wenig. «Dafür ist es immer noch der falsche Moment. Es wird wohl erst so weit kommen, wenn ich dann auch meine Wohnung aufgelöst habe. Und wirklich dort bin. Aber ich kenne mich ja mittlerweile gut genug: Ich werde dann schnell in den neuen Prozess reinwachsen.»

Hang zur Bescheidenheit

Wenn die 50-Jährige die Schweiz und ihre Fussball-Kultur betrachtet hat, ist ihr eines immer wieder aufgefallen: Der Hang zur Bescheidenheit. Wenn etwas gut war, so hörte sie: «Nicht schlecht!» Es war ihr ein Graus. «Wenn ich jemanden zum Essen einlade, für ihn koche und dann frage: Wie wars? Dann schwingt bei einem ‹nicht schlecht› doch auch das Negative mit.» Man kann sie verstehen. Zum Abschied wünscht sie der Schweiz also vor allem eine etwas breitere Brust, mehr Selbstvertrauen in die eigene Stärke. Das gilt übrigens auch für die Männer.

Apropos Männer: Martina Voss-Tecklenburg hat immer wieder betont, dass es sie reizen würde, einmal ein Männer-Team zu trainieren. Mit der neuen Aufgabe als deutsche Nationaltrainerin rückt dieses Projekt wohl in den Hintergrund. Gleichzeitig ist sie weiterhin als Aufsichtsrat bei Fortuna Düsseldorf tätig. «Eine komplette Männerwelt. Gott sei Dank sehen mich die acht Kollegen nicht als Frau, sondern als kompetente Fachperson.»

Wahrscheinlich wird man in der Schweiz erst so richtig merken, was man an Martina Voss-Tecklenburg hatte, wenn sie dann tatsächlich nicht mehr da ist. Das muss aber nicht zwingend bedeuten, dass gegenüber ihrem Nachfolger, dem Dänen Nils Nielsen, Vorbehalte angebracht wären. Laurent Prince, der technische Direktor des Schweizer Fussballverbands, ist überzeugt davon, dass Nielsen die nächsten, nötigen Schritte im laufenden Umbruch einleitet. «Unser Ziel heisst ab heute: EM 2021. Und ich denke, wir haben beste Chancen dafür.» Die Qualifikation beginnt dann im Herbst des nächsten Jahres.