Der grösste Schweizer Player im Fifa-e-Sport-Geschäft ist derzeit der FC Basel. Der Verein hat vier Spieler unter Vertrag. COO Roland Heri erklärt, was sich der FCB von diesem Geschäft erhofft: «Es bietet uns die Chance, grössere oder neuere Geschäftsfelder zu erobern und den FC Basel auf digitalem Weg internationaler darzustellen. Wir sehen im Fifa-e-Sport eine Möglichkeit, von der wir erahnen, dass sie für den FCB lohnenswert sein könnte. Und die wollen wir nicht verpassen», sagt Heri.

Nur: Der e-Sport verärgert die Basis. Die Projekte lösen Proteste bei den Fans aus. Einerseits wegen eines Gerüchts. e-Sport soll zur Lizenzauflage werden, hiess es. Demnach sollten alle Super-League-Vereine künftig ein e-Sport-Team stellen. «Das entspricht nicht der Realität», sagt Silvio Kern von der Swiss Football League: «Die Liaga hat nie gesagt, dass e-Sport zur Lizenzauflage werden soll. Wir wissen nicht, wer dieses Gerücht verbreitet hat.» Heri sieht weitere Gründe für die Protestaktionen: «Vor allem unsere treuesten und lautesten Fans machen sich offensichtlich Sorgen um einen gewissen Verlust von Kultur und althergebrachten Werten.»

Heri versteht das: «Ich bin absolut der Meinung, dass man kritisch hinterfragen sollte. Als Fussballromantiker glaube ich aber keine Sekunde daran, dass der digitale Fussball jemals das befriedigen kann, was ein Stadionbesuch auslöst. Aber wir dürfen uns nicht vor etwas verschliessen, das wichtige Einnahmen generieren könnte. Wir wollen uns in fünf oder zehn Jahren nicht die Frage stellen lassen: ‹Warum seid ihr da nicht eingestiegen?›»

Eine Flut an Vorurteilen

Deshalb werden beim FCB heute nicht nur Fussball-, sondern auch Konsolen-Spieler verpflichtet. Als einziger Schweizer im Team ist Luca Boller. Der 24-Jährige ist seit Mai 2017 beim FCB unter Vertrag. Früher arbeitete er daneben mit einem 80-Prozent-Pensum bei einer Bank. Seit etwas mehr als einem Monat ist e-Sport für ihn ein Vollzeitjob. «Ich muss mich zuerst noch daran gewöhnen», sagt er.

Denn ein Vollzeitjob als Gamer: Die Flut an Vorurteilen ist gross. «Liegt nur auf dem Sofa, hat keine Freunde, hat viereckige Augen und so weiter», zählt Boller auf. Dem Klischee entspricht er allerdings nicht. «Ich stehe um etwa acht Uhr auf, frühstücke und gehe dann ins Fitnesscenter. Länger als zwei Stunden am Stück zu spielen, bringt nicht viel, da man irgendwann die Konzentration verliert. Deshalb trainiere ich am Tag drei Mal zwei Stunden auf der Konsole. Dazwischen muss ich meine Social-Media-Kanäle pflegen.»

Wie 90 Minuten Fussball

Sechs Stunden Training, Social-Media-Updates und Livestreams, bei denen Zuschauer ihm beim Spielen zusehen können. Wenn Fifa-Profi Boller aus seinem Alltag erzählt, wird klar: Es ist ein Vollzeitjob, doch ist es Sport? «Ich sehe mich schon als Sportler. Ein Sportler, der eine spezielle Sportart ausübt», sagt Boller. «Ich bin kein Ausdauersportler, der körperlich extrem aktiv ist. Bei mir ist das Mentale gefragt. Man braucht als e-Sportler geistige Stärke. Die erreicht man durch körperliche Fitness, gesunde Ernährung, genügend Schlaf und indem man einen guten Lebensstil pflegt.»

Trainiert wird für Turniere, bei denen sich Fifa-Spieler aus aller Welt messen. Wenn man es bis in den Final schafft, kommen auch mal 15 Spiele am Tag zusammen, sagt Boller: «Ein Spiel dauert etwa 20 Minuten. In dieser Zeit hat man den vollen Tunnelblick. Nach einem Turniertag bin ich genauso fertig, wie wenn ich 90 Minuten auf dem Fussballfeld durchgespielt hätte», sagt der frühere 4.-Liga-Spieler.

«Und als Dank protestieren die Fans»

Harte Arbeit. Und als Dank protestieren die Fans gegen ihn und seine Teamkollegen. «Ich bekomme die Proteste natürlich mit», sagt Boller. «Ich kann verstehen, dass gewisse Fangruppierungen skeptisch sind. Ich versuche mein Bestes, die Klischees, die vorhanden sind, nicht zu erfüllen.»

Protestiert wurde von den Fans letztmals Ende September. Als YB gegen Basel mit 7:1 gewann, musste das Spiel zwei Mal unterbrochen worden. Die Fans warfen Tennisbälle aufs Feld, aus Protest gegen e-Sport. «Wir waren schon etwas überrascht, dass die Kritik so lautstark war», gibt Roland Heri zu. Dies, weil in anderen Ländern der Fifa-e-Sport schon weiter verbreitet ist und Proteste ausblieben. «Vielleicht ist das einfach die Schweizer Mentalität», sagt Heri. «Wenn hier etwas Neues startet, wird es kritisch angeschaut und nicht einfach mal gemacht.»

Pionier St. Gallen stieg aus

Nicht von den Protesten betroffen war ein anderer Super-League-Klub, der sich im Fifa-e-Sport engagiert. Oder besser gesagt engagiert hat. Der FC St. Gallen war der erste grosse Schweizer Verein, der einen e-Sportler anstellte. Doch der Klub stoppte das Projekt in diesem Jahr wieder. «Das Interesse war schlicht nicht da», sagt Troy Lüchinger, Marketingleiter beim FCSG.

Der FC St. Gallen hat 50 000 Facebook-Fans. Die e-Sport-Seite des FCSG hatte nur 1200. Das ist viel zu wenig, um Sponsoren anzulocken. Deshalb wurde der Vertrag mit dem St. Galler Fifa-Spieler nicht mehr verlängert. Er ist per Ende September ausgelaufen.

Von einem Fehlschuss möchten die Verantwortlichen beim FC St. Gallen aber nicht sprechen: «Das war nicht unbedingt ein strategischer Fehler. Die Investitionen in diesem Bereich sind klein. Wir haben nun viele Erfahrungen gesammelt. Und wenn die Schweizer Liga kommt, dann steigen wir sofort wieder ein», sagt Troy Lüchinger.