Fussball
Umstrittenes Urteil: Laufen den Amateur-Vereinen nun die Junioren davon?

Der Sportgerichtshof schafft die Ausbildungsentschädigung im Amateurbereich ab. Damit soll die Mobilität von jungen Spielern sichergestellt werden. Aber: Anreize, eigene Junioren auszubilden, könnten dadurch geschwächt werden.

Raphael Biermayr
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Folgendes hat sich kürzlich zugetragen: Ein D-Junioren-Torhüter zieht mit seiner Familie von Zürich in einen rund 20 Kilometer weit entfernten Ort. Die Eltern wollen, dass ihr Sohn zum Verein am neuen Wohnort (3. Liga) wechselt. Dieser bemüht sich beim Stammklub (4. Liga) um einen kostenlosen Übertritt. Der alte Verein pocht aber auf die Ausbildungsentschädigung, die nach dem Reglement des Schweizerischen Fussballverbands SFV in diesem Fall 600 Franken beträgt.

Von problemlos bis Katastrophe

Keine Probleme mit der Praxisänderung hat man beim FC Grenchen. «Unser Budget wird viel besser aussehen als bisher. Wir haben in den letzten Jahren immer mehr bezahlt als eingenommen», sagt Geschäftsführer Paul Kocher, «wir können die Abschaffung der Ausbildungsentschädigungen nur unterstützen». Kocher schlägt vor, dass man bei der Ausbildung von Junioren in Zukunft zwischen Leistungsfussball und Breitenfussball unterscheidet. Von einer Katastrophe spricht hingegen Hans Peter Schläfli, er ist Koordinator des Teams Wasseramt, welches den FC Luterbach, den SC Derendingen, den FC Deitingen und Biberist vereint. «Damit werden der Wilderei Tür und Tor geöffnet.» (rs/dws)

Der neue Verein akzeptiert das nicht, richtet eine Stellungnahme an den Verband mit dem Verweis auf das Wohl des Kindes sowie die Verhältnismässigkeit – und scheitert. Zu den 600 Franken gesellen sich Verfahrenskosten von 300 Franken. Macht 900 Franken für einen 13-jährigen D-Junioren-Torhüter der 2. Stärkeklasse. Dem Jungen bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder, er spielt weiter für Avellino. Oder er setzt zwei Jahre lang aus, bevor ihn der neue Verein neu beim Verband anmelden kann.

Freiheit steht an erster Stelle – Kommentar von Sportredaktor Raphael Biermayr

n Die Ursprungsidee der Ausbildungsentschädigung war löblich. Sie sollte die kleineren Vereine auf regionaler Ebene besser vor der Ausbeutung durch die grösseren schützen beziehungsweise sie für ihre Arbeit abgelten. Doch es gab auch schwarze Schafe. Raffgierige Klubs, die sich die Regelung zunutze machten und bar jeder Verhältnismässigkeit auf jeden Franken pochten. Selbst wenn das bedeutete, dass ein Junior entweder im alten Verein weiterspielen oder zwei Jahre lang aussetzen musste, bis er ohne Unterschrift vom alten Klub für den neuen lizenziert werden konnte.

Das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs in Lausanne, die Ausbildungsentschädigung im Amateurfussball aufzuheben, ist nachvollziehbar. Die Freiheit eines Hobbyfussballers, seiner Leidenschaft nachzugehen, wo er will, muss im Vordergrund stehen, zumal bei Kindern. Die ist nun gewährleistet. Ebenfalls sinnvoll: Die Vereine aus den obersten beiden Ligen sowie weitere, vom Verband mit einem speziellen Label versehene, ambitionierte Klubs müssen die Entschädigung weiterhin bezahlen. Bei ihnen geht es für die Spieler im Gegensatz zu einem 2.- oder 3.-Liga-Klub um eine mögliche Profilaufbahn, also eine berufliche Perspektive. Wenn ein Junior den Sprung zum Berufsfussballer tatsächlich geschafft hat und transferiert wird, verdienen die Vereine schliesslich gutes Geld an der Vorarbeit anderer.
raphael.biermayr@azmedien.ch

Einen Fall wie diesen wird es nicht mehr geben. Der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne hat ein Urteil gefällt, das fast jeden Fussballverein in der Schweiz betrifft. Die Klubs wurden gestern vom SFV darüber informiert, dass die Ausbildungsentschädigung im Amateurbereich per sofort aufgehoben ist.

Das heisst: Ein Verein, der nicht das sogenannte Ausbildungslabel des SFV trägt – neben den Super- und Challenge-League-Vereinen sind das einige andere Grossklubs wie zum Beispiel der FC Baden –, muss künftig nicht mehr für den Transfer eines Spielers im Alter vom 12. bis zum 23. Geburtstag zahlen.

Im Frauenbereich, der hierzulande zum Amateurlager gezählt wird, fällt die Ausbildungsentschädigung ganz weg.

Den Stein ins Rollen gebracht hat ein Waadtländer 3.-Liga-Verein, der mit der Unterstützung der Eltern eines Juniors, für dessen Transfer die Entschädigung vom Stammverein geltend gemacht wurde, am CAS Klage eingereicht hatte.

Gemäss Robert Breiter, Stellvertretender Generalsekretär und oberster Jurist des SFV, begründe das Gericht sein Urteil vor allem mit den eingeschränkten Persönlichkeitsrechten der Spieler. Das ist vergleichbar mit dem berühmten Bosman-Urteil im bezahlten Fussball: 1995 entschied der Europäische Gerichtshof, dass Profis nach dem Auslaufen des Vertrags ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln dürfen und dass die Personenfreizügigkeit auch im Fussball Anwendung findet.

Die Kehrseite der Medaille

Das aktuelle Urteil bedeutet auch, dass die 16 Jahre währende Praxis der Ausbildungsentschädigung rechtlich nie abgesichert war. Richtet sich der Schweizer Fussballverband auf eine Klagewelle mit Rückforderungen für erhobene Zahlungen ein? «Wir rechnen nicht damit», sagt Jurist Breiter. Bislang galt schliesslich: wo kein Kläger, da kein Richter.

In Fällen wie dem eingangs erwähnten ist das Urteil aus Lausanne ein Segen. Doch es birgt auch Gefahren. Für die zahllosen kleinen Ausbildungsvereine in Gegenden abseits der Ballungszentren, die Jahr für Jahr talentierte Spieler nur schon an den nächstgelegenen 2.-Liga-Verein verlieren, war die Ausbildungsentschädigung immerhin etwas Lohn für die Mühen. Darüber hinaus wird Vereinen in die Hand gespielt, die kaum eigene Junioren ausbilden und jetzt für das Bedienen bei anderen Klubs nicht mehr zahlen müssen.

Im Gegenteil: Es ist sogar Geld übrig, um Junioren und Eltern zu ködern, was durchaus vorkommt. Ein gängiges Szenario ist auch das Abwandern eines Trainers, der nun – abgesehen von den Übertrittsfristen – ungehindert seine Lieblingsspieler zum neuen Verein mitnehmen kann.

Verbandsjurist Robert Breiter, selbst Vater eines Juniors, will nichts dramatisieren. Er verweist auf ein ähnliches Urteil in Deutschland, nach dem Befürchtungen geäussert worden seien, der Amateurfussball würde «zu Grabe getragen». Mit Blick auf die Gegenwart stellt Breiter fest: «Das hat sich nicht bewahrheitet.»