Ehrengast

Umstrittener Auftritt in Thun: Wo Sepp Blatter noch Freunde hat

Umstrittener Auftritt: Hier kommt Sepp Blatter zur GV des FC Thuns

Umstrittener Auftritt: Hier kommt Sepp Blatter zur GV des FC Thuns

Thun - 12.9.16 - Dem FC Thun gelang mit der Verpflichtung von Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter als Gastredner für die Generalversammlung ein echter Coup. Im Vorfeld wurde dieses Engagement von den Fans heftig kritisiert. Vor der Versammlung am Montagabend blieb es aber ruhig, Proteste vor der Stockhorn Arena blieben aus.

Der Weltfussball hat ihn verstossen. Die Justiz ist hinter ihm her. Aber wenigstens in Thun hat er noch Freunde. Und Sepp Blatter geniesst den warmen Applaus, den er für sein 40-minütiges Referat vor den Aktionären des FC Thun erhält.

Böses Blut hatte es im Vorfeld gegeben. Der Dachverband der Thun-Fans hatte der Klubführung vorgeworfen, sie gebe einem Mann mit miserablem Ruf eine Plattform. Einer, der die Kommerzialisierung des Fussballs konsequent vorangetrieben habe.

Klubpräsident Markus Lüthi kann mit dieser Kritik wenig anfangen, das macht er am Montagabend vor rund 200 Aktionären in der Stockhorn-Arena deutlich. Sepp Blatter könne viele spannende Geschichten aus der Welt des Fussballs erzählen. Und sowieso liege bis heute keine Anklage gegen ihn vor.

Ein Blitzlichtgewitter geht nieder, als Blatter die Lounge betritt, zusammen mit seinem Schwiegersohn und seinem treuen Assistenten. Der Thun-Präsident geniesst das Posieren mit Blatter, und der hört geduldig zu, wie Lüthi zunächst die Traktanden der Generalversammlung abarbeitet.

Und dann gehört endlich ihm die Bühne. Dem ehemaligen Präsidenten des Weltfussballverbands FIFA. Ehemalig? "Nach den Statuten bin ich immer noch der gewählte Präsident." Er sei ja nie abgewählt worden. Dass er am Zürichberg nichts mehr zu sagen hat, ist ihm allerdings schon klar. "Plötzlich war ich weg. Ohne ein Merci."

Dass ihn das schmerzt, verhehlt Blatter nicht. Auf die Vorwürfe eingehen mag er aber nicht. So hässliche Worte wie "Bestechung", "Korruption", "Interessenkonflikte" oder "Annahme und Gewährung von Geschenken" nimmt er nicht in den präsidialen Mund, auch wenn sich die neusten Ermittlungen der FIFA-Ethikkommission um diese Begriffe drehen.

Sepp Blatter redet an FC Thun-GV: "Das tut mir psychisch sehr gut"

Sepp Blatter redet an FC Thun-GV: "Das tut mir psychisch sehr gut"

Thun - 12.9.16 - 45 Minuten lang referierte Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter am Montagabend an der Generalversammlung des FC Thun. Dabei sprach er über Fussball und noch mehr über sich selber. "Ich will, dass man mir einen ordentlichen Abgang macht", sagte er vor den Thuner Aktionären. Sein Auftritt war umstritten, im Vorfeld kam es zu Protesten aus Fankreisen. Die Versammlung verlief aber ohne Zwischenfall.

Friedensstifter in aller Welt

Lieber erzählt Sepp Blatter von der friedensstiftenden Funktion des Fussballs. Von der Kraft des runden Leders, die Kulturen zusammenbringe. Der 80-Jährige vergisst ein bisschen die Zeit und berichtet, wie er sich selber erfolgreich in Konflikte eingeschaltet habe, im Nahen Osten, auf Zypern und beinahe auch in Burundi.

Irgendwann vergisst Blatter, dass er nicht mehr der Boss des Fussballwelt ist. Jetzt sagt er manchmal "die FIFA", manchmal sagt er "wir", und stets meint er dasselbe.

Wie man ein Publikum erobert, weiss der weitgereiste Mann. Er tut es auch in Thun mit viel Oberwalliser Charme. Und er hat seine Zuhörer endgültig im Sack, als er ihnen versichert, der FC Thun sei am Sonntag bei der Niederlage im Wallis die bessere Mannschaft gewesen.

Warme Worte

Dafür gibt es Applaus. Und am Schluss noch einmal. Dann wieder ein Blitzlichtgewitter, Lüthi und Blatter strahlen nochmals gemeinsam in die Kameras. Und schon ist der Spuk vorbei. Sepp Blatter, der 1 Meter 69 Zentimeter grosse Ex-Herrscher des Weltfussballs, tritt vom kleinen Thuner Podium.

Plötzlich ist er wieder weg, aber diesmal gab es wenigstens einen Applaus. Und "ein Danke vielmal für deine grossartige Leistung" vom Präsidenten des FC Thun, Markus Lüthi. Wenn es sonst schon niemand sage, dann sage er es eben.

Und was hat Lüthi noch gesagt? Dass er die ganzen Wirren rund um Blatter und die FIFA nicht beurteilen könne. Dass ihm aber auffalle, dass es eine ähnlich konzertierte Aktion der USA gegeben habe wie bei den nachrichtenlosen Vermögen und beim Bankgeheimnis.

Nachher gibt es Apero für die Aktionäre. Gesponsert, weil der FC Thun finanziell wieder einmal eng dran ist. Wie sagte doch Sepp Blatter? Der Fussball ist eine Wirtschaftsmacht geworden, er generiert enorm viel Geld. Einfach nicht für alle gleich viel, muss man sagen.

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