Hauptsitz der Wiedmann-Dettwiler Comtec AG in Schönenwerd. Ganz hinten im Parterre hat Alfred Schmid seinen Arbeitsplatz. Weder der Name der Firma noch sein unprätentiöses Büro lassen darauf schliessen, dass er der Hauptaktionär des Telekommunikationsbetriebs ist. Den Kaffee serviert der Chef gleich selbst. Und das Gespräch wird nicht in einem imposanten Besprechungszimmer geführt, sondern in einem Vorraum, wobei die Türen der angrenzenden Büros offen bleiben. Typisch für den 60-Jährigen. Denn selten wirkt Bescheidenheit so ehrlich wie bei Alfred Schmid.

Aufgabe mit Handicaps

Vor acht Jahren hat Schmid das Kommando beim FC Aarau übernommen, um den finanziell angeschlagenen Klub wieder auf «Vordermann zu bringen». Das gelingt ihm. Aber nicht ohne Rückschläge. Da war einerseits der verlorene MTO-Prozess mit der Folge, dass der FC Aarau rund zwei Millionen an die Zuger Beratungsfirma bezahlen muss, die viele Jahre vor Schmids Amtsantritt die Transferrechte an den FCA-Spielern erworben hatte. Da war 2010, nach 29 Jahren in der höchsten Spielklasse, auch der Abstieg der vermeintlich Unabsteigbaren. Und natürlich die Verzögerung beim Stadion-Projekt, dessen Fertigstellung für 2012 geplant war – die Baubewilligung liegt aber bis heute nicht vor. Deshalb die Frage: Wer ist dieser Mann, der diesen Nackenschlägen trotzt, weiterhin Geld und Zeit in sein Hobby investiert ohne wirtschaftlichen oder politischen Nutzen daraus zu ziehen? Also: Wer ist Alfred Schmid?

Bescheidenes Elternhaus

Sein Vater durfte keine Berufslehre machen, sondern ist nach der obligatorischen Schulzeit gezwungen, Geld nach Hause zu bringen. Als Alfred Schmid zur Welt kommt, arbeitet er als Magaziner beim Coop, die Mutter ist Hausfrau. Die Verhältnisse sind bescheiden, aber nicht ärmlich. Als rechtschaffen wird die fünfköpfige Familie (Schmid hat zwei jüngere Schwestern) bezeichnet.

Kunstturner wider Willen

Alfred Schmid entdeckt früh schon seine Begeisterung für den Fussball. Und beim FC Suhr würden sie ihn gerne aufnehmen. Doch der Vater legt sein Veto ein. Denn die sportliche Heimat der Schmids ist der Turnverein. «Die ehrlichen, sauberen Leute sind im Turnverein», beharrte sein Vater. «Dem Ball nachspringen und jeden Tag mit dreckigen Kleidern nach Hause – kommt nicht infrage.» Für Schmid bricht eine kleine Welt zusammen. Er wird Kunstturner wider Willen.

Der Schicksalsschlag

Eine richtig grosse Welt bricht für Alfred Schmid zusammen, als er 15 ist. Sein Vater, auf dem Trottoir gehend, wird während eines Stadtfests in Aarau von einem stark alkoholisierten Autolenker zu Tode gefahren. Schmid fällt in ein Loch, gerät aber nicht auf die schiefe Bahn. Er absolviert eine Lehre als Elektromonteur. Wobei er heute anmerkt: «Schulisch wäre mehr dringelegen. Aber da war niemand mehr, der mich gepusht hat. Es war insgesamt für die Familie und mich eine schwierige Zeit.»

Clubbetreiber Schmid

Es ist die Zeit der Hippies und Rocker. Es ist auch die Zeit, in der die Jugend gegen das Establishment aufbegehrt und Raum für sich reklamiert. Und es ist die Zeit der langen Haare. Mit einem milden Lächeln erzählt Schmid die Geschichte, wie er zusammen mit seinen Kumpels in Suhr den Gipsy Club gründet. Für 2000 Franken kaufen sich die Jungs eine Musikanlage, aus der Uriah Heep und Ähnliches tönt. Schmid ist gerade mal 16. «Wir hatten bis zu 400 Besucher pro Abend. Doch immer häufiger tauchten die Hells Angels aus Basel auf. Aus Sicherheitsgründen mussten wir dann den Club schliessen.» Trotzdem: Sein Interesse am «Gschäften» ist geweckt.

Der Geschäftsmann beweist Geschick

Nach einer kaufmännischen Weiterbildung wird Schmid mit 26 Projektleiter bei der Firma Wiedmann-Dettwiler. Es ist die Zeit des Kabelnetzbooms. Doch Schmids Kunden befürchten, in die Abhängigkeit eines aufkommenden Big-Players zu geraten und ermutigen ihn zur Übernahme der Betreuung und Modernisierung der regionalen Kabelnetze. 1992 ist es so weit. Schmid gründet mit seinem Partner die Wiedmann-Dettwiler Comtec AG und übernimmt eine Zweidrittelmehrheit der Aktien. Nur: Die Firma behält Teile ihres Namens. Warum? «Weil die Firma einen guten Ruf hatte und ich nicht in der ersten Reihe stehen will.»

Zweites Unternehmen kam hinzu

Aber irgendwann sind die Kabel verlegt. Und die Konkurrenz ist durch den Eintritt von Swisscom auch nicht kleiner geworden. «Stimmt, es ist ein hartes Business», sagt Schmid. «Aber ein Netz funktioniert nicht ohne Unterhalt. Ausserdem haben wir expandiert.» Die Alinag AG – das Unternehmen fiel 1996 zu 100 Prozent in Schmids Besitz – bietet Alarm- und Sicherheitssysteme an und eröffnet die Möglichkeit, Synergien zu nutzen, falls in der einen oder anderen Firma nicht alle voll ausgelastet sind.

Schmid ist kein Technikfreak

Obwohl sich Schmid in der Hightech-Welt bewegt, ist er alles andere als ein Technikfreak. Ein neues Handy besorgt er sich erst, wenn ihm seine erwachsenen Kinder Melanie und Fabian sagen, es sei langsam peinlich. Und es ist sein Computer, der in der Firma als Letzter ausgetauscht wird. Überhaupt bereitet ihm die Arbeit am Computer nicht sonderlich Spass. «Ich höre häufig den Vorwurf, dass ich Mails zu langsam bearbeite.» Mit ein Grund für Schmid, immer mehr Verantwortung abzugeben. «Es gibt für mich nur einen schrittweisen Ausstieg. Ich hoffe, dass dieser Prozess noch einige Jahre dauern wird. Ziel ist es, die Geschäftsleitung so auszudehnen, dass es mich irgendwann nicht mehr braucht», sagt Schmid. In dieser Geschäftsleitung sollen dann seine Kinder sitzen. «Das wäre fantastisch. Auch dafür arbeitet man als Vater.» Sein Sohn Fabian absolviert zurzeit ein berufsbegleitendes Betriebsökonomiestudium in Zürich und arbeitet seit rund vier Jahren bereits in der Firma seines Vaters.

Wirt, Bauer und Fischer

Langeweile muss Schmid nicht befürchten, sollte er sich tatsächlich mal aus dem Tagesgeschäft ganz zurückziehen. In Kölliken besitzt er das Gasthaus Bären, das er vor sieben Jahren gekauft und mit seinen Mitarbeitern in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz drei Jahre lang renoviert hat. Die Motivation? «Ich habe Freude an alten Häusern.» Nebenbei ist er auch noch Bauer. Zwar einer ohne Bauernschläue, wie er selbst sagt, aber mit 40 Mutterschafen, zwei Pferden im Stall neben dem Wohnhaus. Stolz erzählt Schmid, dass «wir mit der Unterstützung eines Pensionierten das anliegende Bauernhaus selber betreiben. Selbst das Futter für die Tiere produzieren wir auf dem fünf Hektar grossen Weideland selbst». Viermal pro Woche hat Schmid morgens um sechs Stalldienst. Und Fischer ist er auch noch. Mit je einem Revier an der Uerke und der Wyna.

Die Sinnfrage beim FC Aarau

Etwas weniger Freude bereitet ihm derzeit der Fussball. Die leidige Verzögerung beim Stadionprojekt sowie die Problemfans belasten ihn. So sehr, dass er sich immer wieder mit der Sinnfrage konfrontiert. Trotzdem tut sich Schmid den FC Aarau weiterhin an. Obwohl er die Popularität weder politisch nutzen will noch wirtschaftlich nutzen kann. «Als wir eingestiegen sind, hatten wir mit dem Stadion eine Perspektive. Diese fehlt vielleicht. Aber wir haben im Verwaltungsrat einen unglaublich guten Zusammenhalt und unterstützen uns gegenseitig. Das motiviert. Und die vielen Bekanntschaften, die ich dank des Fussballs machen durfte, sind für mich der Return on investment.»

Reise ums Mittelmehr

Und was ist mit den unerfüllten Träumen? «Ja», sagt er. «Als ich 20 war, wollten wir mit unserer Clique in einem VW-Bus in sechs Monaten um das Mittelmeer reisen. Leider brach der Sechstagekrieg aus und wir mussten die Reise nach drei Monaten abbrechen. Aber ich werde irgendwann die ganze Reise mit Freunden noch nachholen.»