Super League
Uli Forte: «GC geht einen ähnlichen Weg wie Dortmund»

Uli Forte trifft mit den Grasshoppers heute Abend auf sein ehemaliges Team St. Gallen. Es ist der überraschende Spitzenkampf in der Super League. Erfolgstrainer Forte glaubt, dass GC einen ähnlichen Weg gehen sollte wie Dortmund.

Etienne Wuillemin
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Uli Forte, der Erfolgstrainer von GC
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Ein Trainer, der gerne gestikuliert.
Forte, als er noch bei St. Gallen wirkte.
Mit den Grasshoppers auf Erfolgskurs: Trainer Uli Forte.

Uli Forte, der Erfolgstrainer von GC

Keystone

In St.Gallen träumt Trainer Jeff Saibene von der Champions League. Wovon träumt Uli Forte?

Uli Forte: Ich träume von einem Sieg im Spitzenspiel.

Wie kann ich Ihnen einen leisen Meister-Traum entlocken?

Vergessen Sie es! Es sind schon so viele gescheitert (lacht). Viele warten nur darauf, bis wir unsere Ziele nach oben revidieren. Aber nein, wir arbeiten genau gleich weiter. Erstens, die Tabelle ist eine Momentaufnahme, es sind noch so viele Spiele zu absolvieren. Zweitens, was passiert, wenn uns plötzlich die Verletzungshexe aufsucht? Und drittens, es standen schon viele Mannschaften nach ein paar Runden an der Spitze und sind danach brutal abgestürzt.

Der Spitzenkampf

Wer vor Saisonstart auf einen Spitzenkampf zwischen den Grasshoppers und St. Gallen gewettet hätte, wäre belächelt worden. Doch nun könnte GC den FCSG im Letzigrund als Leader ablösen.

Nach tristen Jahren praktizieren die Grasshoppers in dieser Saison wieder einen Fussball, der aufhorchen und sich sprichwörtlich sehen lässt. Zu den fünf bisherigen Heimspiele erschienen im Schnitt 6270 Fans, Tendenz steigend. Im Vergleich mit der Vorsaison wirken die Grasshoppers ungemein gefestigt. "Der Rückkehrer Salatic, Vilotic, Grichting und Ben Khalifa haben uns wieder zu Stabilität verholfen. Sie ermöglichen den Jungen, auch wieder etwas zu wagen, ohne dass gleich alles zusammenbricht", sagt Trainer Uli Forte. Die Unbeschwertheit ist zurück, GC strahlt Spielfreude in der Vorwärtsbewegung und Sicherheit in der Defensive aus. Das wirkt auf die Konkurrenz. Die Marken von sechs Siegen in Folge und 540 Minuten ohne Gegentor sind beeindruckend.

Gegen Fortes vorherigen Arbeitgeber St. Gallen könnten sich die Grashoppers mit einem Sieg sogar an die Tabellenspitze schieben. Doch die St. Galler treten im Letzigrund mit einer Referenz von fünf Siegen hintereinander an - und mit dem Wissen, wie man gegen GC Tore schiesst. Nico Abegglen war am 4. August in der letzten Minute des ersten Saisonduells (1:1) der letzte Spieler, der gegen die Grasshoppers getroffen hat. Für die Ostschweizer wird auch Topskorer Oscar Scarione auflaufen können, nachdem er im Spiel gegen den FCZ noch ausgewechselt werden musste. (sda)

An wen denken Sie?

Wir können ein Beispiel aus dem eigenen Haus nehmen. GC war einmal Leader – und ist dann noch abgestürzt bis auf den sechsten Rang.

Das war im Oktober 2006. Mit Trainer Krassimir Balakov.

Richtig. Und diese Fehler wollen wir nicht mehr machen. Dort hiess es auf einmal offiziell: «Jetzt wollen wir Meister werden». Zusätzlich wurden für eine Mannschaft, die funktionierte, sechs neue Spieler geholt. Und dann ging es nur noch bergab.

Waren Sie Anfang der Saison überzeugt davon, dass dieses «neue» GC sofort erfolgreich ist?

Ich habe es gehofft. Aber dieser Saisonstart hat die kühnsten Träume übertroffen. Schliesslich haben wir etwa 15 Spieler ausgetauscht, die Mannschaft hat ein völlig neues Gesicht.

Aber Teil der Mannschaft sind auch Spieler wie Bürki, Zuber, Toko oder Hajrovic, die unter Sforza die Krise erlebten. Haben Sie in den Köpfen einiger Spieler eine Krisen-Schädigung bemerkt?

Ja. Nur, es ist ganz normal, dass das Selbstvertrauen schwindet, wenn man immer verliert. Das ist bei allen anderen Teams der Welt auch so.

Wie haben Sie die Aufarbeitung angepackt?

Es brauchte viele Gespräche. Ich appellierte an die eigenen Stärken. Und setzte wieder gewisse Leitplanken, in denen sich die Spieler bewegen müssen. Aber, so viel ist klar, man musste der Mannschaft eine Achse implementieren, die sie trägt. Ich kann von aussen noch so viel auf die Spieler einreden, wenn sie auf dem Platz nicht getragen werden, nützt es nichts.

Können Sie diese Leitplanken illustrieren?

Steven Zuber ist ein gerne genanntes Beispiel. Er war technisch schon immer ein hervorragender Spieler, ein Schlitzohr. Mit ihm musste ich ganz klar abmachen: Wo macht er was. Es kann nicht sein, dass er am eigenen Strafraum Dribblings ansetzt, das muss er vor dem gegnerischen Tor tun. Jetzt setzt er den Input um – und das Resultat? Er hat sich enorm gesteigert, in 13 Einsätzen unter mir 7 Tore erzielt.

Warum haben Sie bei GC einen 1-Jahres-Vertrag akzeptiert?

Für mich war es wichtig, diese Chance zu bekommen. Und ich bin risikofreudig. Ob ein 1-Jahres-Vertrag oder ein 5-Jahres-Vertrag ist eigentlich egal. Wer keine gute Arbeit liefert, ist trotz eines 5-Jahres-Vertrags sehr bald wieder weg.

Haben Sie mit der Vereinsleitung schon über eine Verlängerung des Vertrags diskutiert?

Bis jetzt ist nichts eingeleitet, aber wir haben ja gar keine Zeit, wir sind so viel am Trainieren (lacht).

Sie wurden bereits mit 28 Trainer und in Ihrer Karriere ist es stets aufwärtsgegangen, ob mit Red Star Zürich im Regionalfussball, mit Wil oder St. Gallen. Dann kam Anfang März 2011 die erste Entlassung. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich wusste immer, dass dieser Bruch einmal kommt. Aber im Moment der Entlassung ist es trotzdem brutal. Ich lernte in St.Gallen in den knapp drei Jahren sehr viele Leute kennen und schätzen. Meine erste Reaktion nach der Entlassung war deshalb, meine Wohnung zu künden. Ich brauchte auch geografisch Abstand. Ich habe einen Lieferwagen bestellt, alle meine Sachen dort reingepackt und von einem Tag auf den anderen war ich weg von St. Gallen.

Wohin fuhr der Lieferwagen?

Zurück ins vertraute Umfeld nach Zürich, zu meiner Familie, zu meinen Freunden. Ich hatte schon immer eine Wohnung in Zürich. Dort habe ich alles in den Estrich geräumt. Ich wollte keine grünen Sachen mehr sehen. Ich kann mich nicht von einem Thema lösen, wenn ich jeden Tag damit konfrontiert werde. Danach musste ich mich auch mental von St. Gallen lösen.

Deshalb gingen Sie nach New York.

Genau, ich schloss mich meinem Bruder und einem gemeinsamen Freund an. Diese zwei Wochen waren wertvoll. Wir wohnten in der Nähe des Empire State Building, schauten Basketball, Eishockey, Baseball, waren in Manhattan, besichtigten die Freiheitsstatue – und der Fussball interessierte mich nicht mehr.

Welche Eindrücke der «fremden» Sportarten faszinierten Sie?

Am meisten die Szenen vor einem Basketball-Spiel. Es war Playoff, die New York Knicks gegen die Boston Celtics. Und wenige Minuten vor
Anpfiff herrscht auf dem Parkett ein riesiges Chaos. Es tummelten sich Fernsehkameras, Cheerleaders, irgendwelche Funktionäre auf dem Feld, manchmal mussten sich die Spieler fast entschuldigen, um den Freiwurf zu üben. Ich dachte: «Mein Gott, wie können die sich auf das Spiel konzentrieren.» Es geht problemlos. Auch von diesem Erlebnis konnte ich etwas lernen.

Was denn?

Früher in St. Gallen musste bei mir vor einem Spiel jedes kleinste Detail stimmen. Wenn es irgendwo ein wenig zu laut war, bin ich gleich auf die Barrikaden gestiegen. In New York geht es Superstars am Allerwertesten vorbei, wenn ein DJ drei Meter neben ihnen Krach veranstaltet. Diese Gelassenheit habe ich mittlerweile entwickelt. Ich lege meinen Fokus auf die wichtigen Dinge, nicht auf Nebenschauplätze, die niemanden interessieren.

Was wäre ein solcher Nebenschauplatz?

Wenn ein Spieler vor dem Spiel mit der Freundin telefonieren möchte, dann habe ich früher gedacht: «Hey, das gibts ja nicht, was gibt es Wichtigeres als ein Spiel?» Heute kann ich das akzeptieren. Wenn einer seine Freundin hören muss, um eine Topleistung zu bringen, dann soll er sie vor dem Spiel anrufen. Dann muss ich kein Cabaret veranstalten deswegen.

Sie haben während Ihrer einjährigen Arbeitslosigkeit bei vielen Trainern hospitiert. Bei Favre in Gladbach, bei Klopp in Dortmund, bei Mazzarri in Neapel, bei Hughes in Fulham, bei Schaaf in Bremen, aber auch bei Hitzfeld und selbst im Eishockey bei Del Curto. Welche Eindrücke waren prägend?

Kennen Sie die Anekdote von Walter Mazzarri auf der Trainerbank in Neapel?

Nein. Erzählen Sie!

Das Training beginnt, und was macht der Trainer? Er sitzt auf der Bank, raucht eine Zigarette und schaut seinen Assistenten zu, wie sie das Einlaufen orchestrieren. Sobald der Hauptteil mit der Taktik kommt, steht er auf, drückt die Zigarette aus und unterrichtet 25 Minuten Weltklasse-Taktik. Dann fragt er: «Gibt es Unklarheiten?» Gibt es nicht. Also setzt er sich wieder hin, übergibt den Assistenten für den letzten Teil und raucht eine nächste Zigarette.

Welche Klub-Philosophie faszinierte Sie?

Jene von Jürgen Klopp in Dortmund. Was er mit seinen jungen Spielern aufgebaut hat, verdient Respekt. GC soll einen ähnlichen Weg gehen wie Dortmund.

Sie haben Wirtschaft studiert. Nach wie vielen Semestern haben Sie abgebrochen?

Nach sechs oder sieben, kurz vor den Abschlussprüfungen. Wegen des Angebots vom FC Wil als Profitrainer. Ich dachte, ich beende das Studium, sobald ich einmal entlassen werde. Dann kam die Kündigung in St. Gallen, aber fand die Zeit trotzdem nicht, weil ich so viel reiste und an meiner Persönlichkeit arbeiten musste. Das war wichtiger, als mich mit Finanz-Tools zu beschäftigen.

Beschäftigt Sie die Finanzwelt im Alltag trotzdem noch?

Klar. Ich hatte schon während des Studiums ein Flair für die Börse. Ich verfolge die Börse weiterhin, aber weniger intensiv – ich bekäme Kopfweh, wenn ich sehe, was dort abgeht. Ein guter Freund schaut für meine Anlagen.

Wer Wirtschaft studiert hat, ist sicher auch Experte in Wahrscheinlichkeitsrechnung: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass GC bis zum Ende der Saison an der Tabellenspitze mitspielt?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Ich muss wieder vor der Verletzungshexe warnen. Wenn sie auftritt im Campus, dann tendiert die Wahrscheinlichkeit schnell gegen null. Wenn es aber so weiterläuft wie bisher, dann kann die Wahrscheinlichkeit gross sein. Aber das wäre Wahrsagerei. Und davon bin ich wahrlich kein Fan. (lacht).