WM-Kolumne
Über Laptop-Trainer und faule Äpfel

Oft lassen sich Fussballspieler nach der Karriere zu Trainern ausbilden. Viele unterschätzen allerdings wohl die umfangreichen Qualitäten, über die sie in dieser Rolle verfügen müssen.

Marc Janko
Marc Janko
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Spanien-Trainer Fernando Hierro versucht vor dem Penaltyschiessen die letzten Kräfte zu mobilisieren.

Spanien-Trainer Fernando Hierro versucht vor dem Penaltyschiessen die letzten Kräfte zu mobilisieren.

Keystone

Wenn sich eine Spielerkarriere dem Ende zuneigt, wird gerne und oft die Frage gestellt: «Was nun?» Viele Ex-Spieler entscheiden sich für eine Laufbahn als Trainer. Logisch, schliesslich kommt wohl kaum ein Beruf jenem des Fussballspielers so nahe. Doch das ist nur die Aussensicht.

Ich vermute, sehr viele Trainer-Aspiranten wissen mittlerweile nicht mehr, auf was sie sich wirklich einlassen. Der Fussball wird längst in seine Einzelteile zerlegt und verwissenschaftlicht. Manchmal scheint es mir, als müssten Trainer heute an so vielen Fronten kämpfen, dass es schier nicht zu bewältigen ist.

Einfache Frage: Ist Zinédine Zidane ein guter Trainer? Oder hatte er einfach Glück, dass er mit einer so guten Mannschaft wie Real Madrid arbeiten durfte? Spätestens wenn Zidane eine neue Aufgabe erhält, werden wir mehr wissen. Natürlich kann eine lange Profikarriere hilfreich sein als Trainer. Bedingung ist es aber längst nicht mehr. Immer mehr junge Trainer, etwas despektierlich als «Laptop-Trainer» betitelt, zeigen eindrücklich, dass es auch ohne geht.

Mein Trainer bei Lugano, Guillermo Abascal, ist 29. Für mich ist jedoch nicht entscheidend, wie alt mein Trainer ist, sondern vielmehr, ob er ein gutes Auftreten hat, ob er es versteht, auf Spieler einzugehen, gegebenenfalls individuell. Und ob er mir Lösungsvorschläge liefern kann, wie wir den kommenden Gegner in die Schranken weisen. Klingt wahnsinnig einfach, ist es aber nicht.

Am Anfang hört jede Mannschaft jedem Trainer zu und respektiert ihn. Dann müssen aber drei Kernbereiche erfüllt sein: 1. Fachliche Kompetenz. 2. Gutes Auftreten. 3. Gute Menschenführung. Sobald ein Team merkt, dass ein Trainer Defizite in einem dieser Bereiche hat – glauben Sie mir: das merkt man innerhalb weniger Wochen –, entstehen Risse, das Klima verschlechtert sich, der Erfolg bleibt aus. Und der Rauswurf ist eine Frage der Zeit.

Der Fokus des Trainers sollte sich dabei aber nie nur auf die wichtigsten Spieler im Team beschränken. Es ist eine grosse menschliche Herausforderung, diejenigen Spieler bei Laune zu halten, die nur selten spielen. Und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie ein wichtiger Bestandteil des Teams sind. Denn auch diese Spieler tragen wesentlich zu Stimmung und Zusammenhalt bei.

Wenn ein Trainer gehen muss, ist oft zu lesen, die Mannschaft habe gegen den Trainer gespielt. Für mich tönt das jeweils absurd. Jeder Spieler will immer gewinnen. Niemand verliert absichtlich. Trotzdem ist der Trainerkiller in den meisten Fällen anhaltende Erfolglosigkeit.

Interessant ist der Prozess, wie es dazu kommt. Häufig geschieht das schleichend. Eine Häufung von zwischenmenschlichen und taktischen Versäumnissen hinterlässt so viel verbrannte Erde, dass ein Arbeiten miteinander plötzlich nicht mehr möglich ist.

Viele kennen die Geschichte vom faulen Apfel im Obstkorb. Ganz so extrem ist es nicht. Ein einzelner Spieler reicht nicht aus, um alle zu verderben. Verscherzt du es dir als Trainer aber mit ein paar Spielern, wird es schwierig. Die wahrscheinliche Konsequenz: Der Trainer dringt mit seinen Worten nicht mehr in die Köpfe der Spieler, diese folgen ihm nicht mehr, der Erfolg bleibt aus – und der Trainer, das schwächste Glied in der Kette, muss danach gehen.

Sie sehen: Der Job des Trainers hat im heutigen Fussball in den allermeisten Fällen eine überschaubare Halbwertszeit.

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