Analyse zur Schweizer Nati

Trist im Morgenrot: Diese Nati ist mir fremd geworden, sie berührt mich nicht mehr

François Schmid-Bechtel
Wird die Schweizer Nati rechtzeitig zur EM konkurrenzfähig? – Im Bild: Verteidiger Ricardo Rodriguez lässt nach einem Gegentreffer den Kopf hängen

Wird die Schweizer Nati rechtzeitig zur EM konkurrenzfähig? – Im Bild: Verteidiger Ricardo Rodriguez lässt nach einem Gegentreffer den Kopf hängen

Zwei Testspiele, zwei Niederlagen. Die Schweizer Nati verbringt eine schlechte Vorbereitungszeit für die EM-Endrunde im Juni in Frankreich. Wie soll es weitergehen? Die Analyse von Sportchef François Schmid-Bechtel.

Ich sollte sie noch immer lieben. Auch wenn diese Liebe vor etwa 35 Jahren entbrannt ist. Doch ich glaubte stets, diese Liebe sei etwas für die Ewigkeit.

Denn diese Liebe erleichterte mir die Identität mit der Heimat. Ich habe zwar immer wieder mit ihr geträumt, gehofft und gelitten.

Aber selbst in der schwersten Enttäuschung fühlte ich mich ihr nahe. Damals war sie noch nicht schön. Sie hatte viele Makel. Sie war lotterhaft. Notorisch erfolglos. Aber greifbar. Und authentisch. Heute ist sie schön.

An einem sehr guten Tag kann sie sogar mit den Schönsten der Welt konkurrieren. Aber sie ist kalt. Berechenbar. Steril. Und abgehoben.

Sie berührt mich nicht mehr, weil sie mir fremd geworden ist. Die Rede ist von der Schweizer Fussballnationalmannschaft.

Das Nationalteam ist auf dem Weg, sich vom Publikum zu entfremden

Es scheint, als gehe es vielen Menschen ähnlich. Das Nationalteam ist auf dem Weg, sich vom Publikum zu entfremden.

Am Dienstag ist sie in Zürich aufgetreten. Doch ein Heimspiel war es für die Gäste aus Bosnien-Herzegowina.

Ob die wenigen Schweizer Fans, die in den Letzigrund gekommen sind, bei nächster Gelegenheit wieder 40 Franken für den schlechtesten Platz ausgeben, darf bezweifelt werden.

Natürlich kann man die erbärmlichen Auftritte in Irland (0:1) und gegen Bosnien-Herzegowina (0:2) sportlich erklären.

Das 1:0 von Bosnien-Herzegowina

Mit der fehlenden Form etlicher Spieler. Mit der Spielidee des Trainers Vladimir Petkovic, die nicht kompatibel ist mit der Qualität der Spieler. Mit der Selbstfindungsphase nach der Ausbootung von Captain Gökhan Inler.

Und selbstverständlich mit individuellen Fehlern auf dem Platz. Damit lässt sich immer alles erklären. Schliesslich ist Fussball ein Fehlerspiel.

Nur muss man sich fragen: Warum führen nur die individuellen Fehler der Schweizer zu Toren und jene der Iren und Bosnier nicht?

Der herrliche Freistosstreffer der Bosnier

Wer die zuletzt schwachen Auftritte des Schweizer Fussballnationalteams nur mit Aspekten erklärt, die auf dem Platz offensichtlich sind, sucht nach einem Alibi.

Die Ursachen der sportlichen Krise, der fehlenden EM-Begeisterung, des schwindenden Interesses und der Entfremdung vom Publikum liegen tiefer.

Der Fussballverband gebärdet sich nun schon seit einiger Zeit wie ein arroganter Monopolist, der auf die Kundenzufriedenheit pfeift.

Nach dem Motto: Der Kunde muss sich nach uns richten. Schliesslich ist Fussball Boom-Sport Nummer 1.

Die Kids rennen den Klubs die Bude ein. Die Sponsoren stehen stramm.

Die flächendeckende mediale Abdeckung ist garantiert. Wehe, ein Medium stellt sich quer. Erdreistet sich gar, Kritik anzubringen.

Dann folgt der Ausschluss aus dem Zirkel des Vertrauens. «Unser Nationaltrainer hat für ein Interview mit euch keine Zeit», lässt der Medienchef ausrichten.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic: Ist er der richtige Mann?

Nationaltrainer Vladimir Petkovic: Ist er der richtige Mann?

Es scheint, dass nicht alle Spieler glücklich sind mit Trainer Petkovic

Das Nationalteam hat in den letzten eineinhalb Jahren unter Vladimir Petkovic den Rückwärtsgang eingeschaltet.

Gegen Irland und Bosnien-Herzegowina wurde einmal mehr offensichtlich, dass Petkovic’ Spielidee, die auf Dominanz und Ballbesitz basiert, nicht auf die Qualitäten der Spieler abgestimmt ist.

Kommt erschwerend dazu, dass der Trainer bis dato keinen Plan B hat. Zuletzt liess seine Mannschaft sogar Leidenschaft und Identifikation vermissen.

Was den Verdacht erhärtet, dass nicht alle Spieler vollumfänglich glücklich sind über die Vertragsverlängerung mit dem Trainer.

Sowieso war die Vertragsverlängerung mit Petkovic eine eigenwillige Aktion des Verbands-Bosse.

Wer noch heute meint, Petkovic habe sich mit der Schweiz souverän für die EM qualifiziert und deshalb die Vertragsverlängerung verdient, blendet die Zitterpartie gegen Slowenien (3:2-Sieg nach 0:2-Rückstand) aus.

Dringlichkeit bestand in der Causa Petkovic nicht. Einerseits, weil es unwahrscheinlich scheint, dass Petkovic ein international begehrter Trainer ist.

Andererseits, sind die Schweizer Fussballer unter Petkovic nicht erfolgreicher, publikumsnaher oder identitätsstiftender.

Wohl wissend um die Vorbehalte gegenüber der Vertragsverlängerung mit Petkovic hat sich der Fussballverband auf eine Video-Botschaft des Präsidenten Peter Gilliéron und das Versenden eines Communiqués beschränkt, statt sich den Fragen zu stellen. Wie ein arroganter Monopolist, dem die kalte Liebe reicht und die Ewigkeit egal ist.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Meistgesehen

Artboard 1