Frauenfussball
Trainerin der Frauen-Nati: «‹Sex sells› ist keine nachhaltige Strategie»

Martina Voss-Tecklenburg, die Trainerin der Frauen-Fussball-Nati, spricht über Lesben-Vorurteile, Lohn-Diskriminierung, den Traum vom EM-Titel und die Lust, ein Männerteam zu trainieren.

François Schmid-Bechtel
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Martina Voss-Tecklenburg: «Gerne würde ich beweisen, dass der Trainerjob im Männerfussball keine Frage des Geschlechts ist.»

Martina Voss-Tecklenburg: «Gerne würde ich beweisen, dass der Trainerjob im Männerfussball keine Frage des Geschlechts ist.»

Chris Iseli

Im weissen Mercedes fährt sie bei der Redaktion vor. Kaffee? «Ja, gerne. Kaffee geht immer. Gerne blond und süss.» Seit viereinhalb Jahren ist Martina Voss-Tecklenburg (48) Trainerin der Frauen-Nati. Die Deutsche hat Grosses erreicht. Erste WM-Teilnahme 2015. Ausschliesslich Siege in der Qualifikation für die EM 2017. Und nun reisen die Schweizerinnen im nächsten Juli gar als Geheimfavorit an die Endrunde in Holland. Wer ist die Frau, die den Schweizer Frauenfussball wach geküsst hat?

Ihr männliches Pendant, Vladimir Petkovic, verdient wohl fünf-, sechsmal mehr als Sie. Ist das gerecht?

Martina Voss-Tecklenburg: (lacht) Wir wissen alle, dass es auf der Welt keine Gerechtigkeit gibt. Die Frauen leisten im Fussball das gleiche wie die Männer, machen sogar mehr, weil sie eine duale Karriere verfolgen. Es gibt indes gerechtfertigte Unterschiede. Wir wachsen zwar, sind ein wichtiger Teil des Schweizerischen Fussballverbandes geworden. Aber wir sind nicht das Flaggschiff, das dem SFV den Grossteil seiner Einnahmen beschert.

Stört es Sie, dass die Männer im Fussball viel mehr verdienen als die Frauen?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin ja so gross geworden. Für mich ist der finanzielle Aspekt nicht die Triebfeder, diesen Beruf auszuüben. Ich fühle mich mittlerweile privilegiert und bin total glücklich, dass ich das, was ich mit so viel Liebe und Leidenschaft mache, beruflich ausüben darf. Ich hätte mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können, dass ich dereinst im Frauenfussball als Trainerin eine sehr gute Existenzgrundlage haben kann.

Definieren Sie Wertschätzung nicht auch über den Lohn?

Doch, schon. Mein erster Lohn als 22-jährige Bundesligaspielerin betrug 700 Mark im Monat. Wenn ich sehe, wie sich das entwickelt hat, man als Bundesligaspielerin zumindest die Existenz bestreiten kann, ist das ein riesiger Schritt. Wir sind zwar keine Randsportart. Aber Fussball ist die beliebteste Männersportart. Viele andere Sportarten müssen sich dem Männerfussball unterordnen. Frauenfussball spielt in den wenigsten Fällen Geld ein. Die WM 2011 in Deutschland war die erste Weltmeisterschaft, aus der ein kleiner Gewinn resultierte. Wenn ich viel Geld verdienen wollte, müsste ich mich mal ernsthaft im Männerfussball bewerben und dann schauen, ob einer den Mut hat, mich einzustellen.

Martina Voss-Tecklenburg

Sie ist eine Pionierin des Frauenfussballs in Deutschland. In einer siebenköpfigen Arbeiterfamilie in Duisburg aufgewachsen, durfte sie erst mit 15 in den Fussballklub eintreten. Kometenhaft verlief indes ihr Aufstieg. Mit 22 wurde sie 1989 bereits Europameisterin. Es folgten drei weitere EM-Titel. Ihre Nationalmannschafts-Karriere endete nach 125 Einsätzen abrupt. Weil ihre damalige Partnerin Inka Grings eine Affäre hatte, befürchtete Trainerin Tina Theune-Meyer atmosphärische Störungen im Team und strich Voss-Tecklenburg aus dem Kader für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Später steigt die heute 48-Jährige ins Trainerbusiness ein. Seit Februar 2012 ist sie Trainerin der Schweizer Frauen-Nati. Voss-Tecklenburg hat eine erwachsene Tochter und ist seit 2009 mit dem Bauunternehmer Hermann Tecklenburg verheiratet.

Die amerikanische Startorhüterin Hope Solo und vier Mitspielerinnen klagen bei der US-Geschlechterbehörde die Lohn-Diskriminierung an. Ihre Argumente: Dreimal Weltmeister, vier Olympiasiege – aber die erfolglosen US-Fussballer kassieren ein Mehrfaches von uns.

Dass sie die Lohndiskrepanz anprangern, ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar. Denn in Amerika schliessen sowohl Frauen wie Männer ihre Verträge mit dem US-Fussballverband ab, sie sind Angestellte von US Soccer. Dazu kommt, dass der Frauenfussball in den USA einen ganz anderen Stellenwert hat als in Europa. Die haben Medienpräsenz, die spielen Geld ein. Es gibt einen findigen Rechtsanwalt in den USA, der sagt, er hätte noch nie so eine grosse Lohndiskrepanz entdeckt wie im Fussball. Den Finger in die Wunden zu legen, finde ich deshalb wichtig.

Wird diese Welle auf Europa überschwappen?

Sicher als Signal. Oder als weiterer Anschub, sich mit dem Ungleichgewicht im Lohnniveau auseinanderzusetzen. Der Kampf um die Gleichberechtigung benötigt auch hier Support.

Warum hat es die Frauenfussball-Bewegung in den USA einfacher als in Europa?

Die Frauen konnten mit dem WM-Titel 1991 den Fokus auf eine Sportart legen, die bei den Männern bis anhin keine Rolle gespielt hatte. Daraus entstand eine Bewegung. Plötzlich wollten sehr viele Mädchen Fussball spielen. Und dann wurden Strukturen geschaffen. Es gab zum Beispiel die Auflage, dass an Colleges und an den Universitäten gleich viele Mädchen- wie Jungenteams geben soll. In Europa ist es umgekehrt. Hier kickten erst die Männer, erst viel später auch die Frauen.

Es gibt innerhalb von Westeuropa grosse Unterschiede. In Schweden hat der Frauenfussball einen viel grösseren Stellenwert als in der Schweiz. Worauf gründet das?

Diskussionen über Gleichberechtigung und familienfreundliche Strukturen, die es der Frau erlauben, neben der Familie eine berufliche Karriere voranzutreiben, wurden in Skandinavien viel früher geführt als in vielen anderen europäischen Ländern. In der Schweiz begegne ich immer noch vielen Klischees, was die Rolle der Frau betrifft.

Wie gross ist die Gefahr, dass man in den Bemühungen, mehr Aufmerksamkeit für den Frauenfussball zu generieren, der Strategie «Sex sells» verfällt?

Davor müssen wir uns schützen.

Wenn sich eine Spielerin für den Playboy ablichten lässt, ist das Medienecho wohl grösser als wenn sie das Siegtor im WM-Final erzielt.

Da halte ich dagegen: «Sex sells» ist auch für die meisten Medienhäuser keine nachhaltige Strategie. Solange Fussball gespielt wird, ist entscheidend, was auf dem Platz passiert. Und innerhalb des Teams wäre es sowieso kein Problem. Da zählt am Ende, was bringst du dem Team und nicht, ob du dich für den Playboy ausgezogen oder in einer TV-Koch-Show mitgemacht hast.

Die Schweizer Nationalspielerin Ramona Bachmann gab während der WM ihr Outing. Ein unglücklicher Zeitpunkt. Statt endlich den Sport in den Vordergrund zu rücken, wurde über lesbische Beziehungen im Fussball debattiert.

Ramona hatte sich schon früher in Schweden geoutet. Dort hatte das aber nicht für Aufsehen gesorgt, weil halt das Rollenverständnis ein anderes ist. Dass die Schweizer Journalisten sich für Ramona interessiert haben, hat damit zu tun, dass wir erstmals an einer WM dabei waren. Bei mir war es ja ganz ähnlich. Da wurde während der WM auch eine Geschichte aufgewärmt, die 15 Jahre zurückliegt. «Die Nati-Trainerin im Liebes-Dribbling. Sie liebte früher Frauen, wurde dann von Inka Grings betrogen und hat nun einen Ehemann», stand im «Blick». In Wikipedia kann man das nachlesen, kein Problem für mich. Aber dass der «Blick» die Ramona-Story ausgerechnet an der WM-Premiere reproduzierte, fand ich nicht optimal.

Wie unterscheidet sich die Rolle der Frau in der Schweiz zu jener in Deutschland?

Dazu eine kleine Geschichte: Ich kenne eine junge Schweizerin, die gerne heiraten würde. Aber ihr Freund fragt sie nicht. Da habe ich in meiner Selbstverständlichkeit gesagt: «Frag du ihn doch». «Nein, das geht doch nicht», empört sie sich. Ich: «Sicher geht das. Ich habe meinen Mann doch auch gefragt».

Wenn die Amerikanerin Carli Lloyd ein Jahrhunderttor erzielt, heisst es: Den Ball hätte jeder 5. Liga Torhüter gehalten. Wenn aber Serena Williams ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, sagt keiner: Bei den Männern hätte sie nicht mal die Qualifikation überstanden. Warum ist das so?

Weil der Fussball in allen Bereichen so überdimensioniert ist. Gibt es eine andere Sportart, wo alle sieben Tage 80 000 Zuschauer ins Stadion pilgern? Wo ein Spieler über 100 Millionen Ablöse kostet? Und wo gibt es vergleichbare Einschaltquoten? Trotzdem müssen wir den Frauenfussball bestmöglich positionieren. Die guten Seiten hervorheben: keine Gewalt in den Stadien, familiäre Atmosphäre, keine Theatralik, keine Überhärte, attraktive Spiele.

Ist Frauenfussball ehrlicher?

Kann man so sehen.

Bleibt das auch so, wenn mehr Geld in den Frauenfussball fliesst?

Ich glaube schon. Denn Frauen haben eine andere soziale Kompetenz als Männer. Gäbe es mehr Frauen in der Weltpolitik, hätten wir weniger Kriege.

Szenekenner sagen: Die Schweiz könne im Sommer bei ihrer ersten EM-Teilnahme den Titel gewinnen.

Wir haben in der Qualifikation alle Spiele gewonnen und wollen an der EM in Holland das Maximum erreichen. Ich sehe nur Frankreich und Deutschland, die uns aktuell noch einige Schritte voraus sind. Allen anderen europäischen Nationen können wir das Wasser reichen. Der EM-Titel kann bei der ersten EM-Teilnahme natürlich nicht die ultimative Zielvorgabe sein. Fakt ist aber, dass sich der Leistungsanspruch in unserem Team extrem zum Positiven geändert hat.

Was sagt Ihnen Mariposa?

Sagt mir nichts.

So heisst das Geschirr-Service, das Sie vom Deutschen Fussball-Bund als Prämie für den EM-Titel 1989 bekommen haben.

Ah, ja. Der wird sogar noch benutzt. Mit dem Service verbindet mich einer der emotionalsten Momente in meinem Leben. Wir sind 1989 aus dem Nichts Europameister geworden. Es ist unglaublich, was wir in Deutschland ausgelöst haben. Selbst die Tagesschau wurde erst später ausgestrahlt, weil wir im Halbfinale ins Penaltyschiessen mussten. 23 000 Menschen im Stadion. Erstmals sah ich Fans, die sich die Wangen in den Landesfarben angemalt haben. Für uns hat es keine Rolle gespielt, was wir für den Titel bekommen. Es war sowieso das erste Mal, dass wir etwas bekommen haben.

Und dann, mit 26, wurden Sie Mutter. Haben Sie in dieser Zeit an Rücktritt gedacht?

Es war keine einfache Situation. Ich bin zu einem Zeitpunkt schwanger geworden, als ich mit dem Papa von Dina nicht mehr zusammen war. Da hab ich mich in eine ruhige Ecke gesetzt und überlegt: Was machst du jetzt? Sehr schnell war mir klar: Ich will dieses Kind. Ich wusste, dass ich Dina allein grossziehen würde. Aber ich habe eine tolle Familie, vier Geschwister und ganz hilfsbereite Eltern. Dank ihrer Hilfe konnte ich weiter Fussball spielen. Fünf Wochen nach der Entbindung bin ich schon wieder auf dem Platz gestanden. Für den TSV Siegen. 160 Kilometer von Duisburg entfernt. Dina habe ich meist zum Training mitgenommen.

Spielte Geld eine zentrale Rolle, würden Sie sich um einen Job bei den Männern bemühen. Ist das nicht sowieso eine Überlegung?

Natürlich, nur ist diese Überlegung für mich im Moment nicht relevant. Reizen würde mich ein solches Engagement schon. Denn ich würde gerne beweisen, dass der Trainerjob im Männerfussball keine Frage des Geschlechts ist. Viele sagen, ich hätte keine Akzeptanz. Aber das glaube ich nicht.

Wären Sie tatsächlich bereit für diesen Schritt unter das Brennglas der Öffentlichkeit?

Natürlich müsste ich noch mehr aushalten als in meiner bisherigen Laufbahn. Wenn man mich wirklich will, mir Kompetenzen überträgt, hätte ich grosse Lust dazu. No risk, no fun.

Sind Sie so integrativ, weil Sie sowohl Frauen- als auch Männerbeziehungen hatten?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

Wie unterscheidet sich der Trainerjob eines Männer- von jenem eines Frauenteams?

In der Trainingsarbeit war gar nichts anders, als ich zwei Jahre ein Männer-Team aus der vierthöchsten Spielklasse trainiert habe. Die Ansprache verändert sich. Sie ist härter.

Sind Männer nicht mimosenhafter?

Was Verletzungen betrifft, vielleicht. Aber nicht in der Umgangsform. Die Sprache der Jungs ist bisweilen schon sehr rau. Mädchen und Frauen reden viel positiver miteinander, entwickeln und leben ein ganz anderes Wir-Gefühl. Ausserdem habe ich festgestellt, dass Männer schneller aus einer negativen Situation raus finden. Sprich: Macht der Mann einen Fehler, kann schon die nächste Aktion positiv sein. Macht die Frau einen Fehler, ist die Gefahr gross, dass sie länger verunsichert ist.

Duisburg, Arbeiterstadt, hartes Pflaster – hier liegen Ihre Wurzeln.

Wenn mein Vater nicht Wechselschicht hatte, machte er auf dem Friedhof Grabpflege, damit er die siebenköpfige Familie ernähren konnte. Wir haben in einer kleinen Mietwohnung gelebt. Zu fünft mussten wir uns zwei Kinderzimmer teilen. Ich habe von meinen Eltern viele Werte mitbekommen. Einige dieser Werte versuche ich auch meinen Spielerinnen mitzugeben.

Erleben Sie heute noch, dass Mädchen der Eintritt in den Fussballklub von den Eltern verwehrt wird?

Ja. Es gibt Mädchen, die aus religiösen und kulturellen Gründen nicht Fussball spielen dürfen. Es gibt auch Eltern, die befürchten, ihre Tochter werde lesbisch, weil ja angeblich alle fussballspielenden Mädchen lesbisch seien. Doch dieses Vorurteil ist in den letzten 15 Jahren glücklicherweise zur Ausnahme geworden.