Im Optimalfall, sprich mit einem Auswärtserfolg, stehen für die Young Boys die Türen zur Qualifikation für die Sechzehntelfinals offen. Im schlimmsten Fall kommt dem abschliessenden Heimspiel gegen Anschi Machatschkala am 6. Dezember keine Bedeutung mehr zu. Gewinnt YB, liegt Rang 2 im Bereich des Möglichen. Nur: in Liverpool hat noch nie ein Schweizer Team gewonnen.

Die Ausgangslage vor dem Auftritt in der legendären Anfield Road ist für die Young Boys wie ein Spiegelbild der bisherigen Saisonverlaufs. Das Pendel kann auf beide Seiten ausschlagen, jederzeit und ohne Vorankündigung. Auf eine gute Leistung folgte in den meisten Fällen eine weniger gute. In der Super League konnten die Young Boys kein einziges Mal zwei Siege aneinanderreihen.

Mal top, mal flop

Eine Erklärung für die gewaltigen Leistungsschwankungen zu finden, fällt Team und Trainer gleichermassen schwer. Sonst wäre das Problem ja gelöst, heisst es. Trainer Martin Rueda hat nach dem 0:0 gegen St. Gallen festgestellt, dass es ungemein wenig braucht, bis die Situation kippen kann. "Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist nicht sehr stabil. Ich habe teilweise Panik ausgemacht", so Rueda. "Ich habe zwei Szenen im Kopf, die gereicht haben, um die Mannschaft unglaublich zu verunsichern. Einmal ist Alain Nef ausgerutscht, einmal hat Marco Wölfi den Ball einem Gegner am eigenen Sechzehner fast in die Füsse gespielt."

Für den Auftritt an der Anfield Road fordert Rueda "in erster Linie Mut und nicht in Ehrfurcht zu erstarren". Er sei mit einem guten Gefühl nach Liverpool gereist. "Es ist ein Highlight für uns. Wer hätte gedacht, dass wir zwei Runden vor Schluss noch Chancen auf das Weiterkommen und gleich viele Punkte auf dem Konto haben wie Liverpool?", fragte Rueda rhetorisch. "Wir können Geschichte schreiben. Und das wollen wir tun, indem wir unsere Chancen suchen. Wir steigen nicht ins Spiel, um nur zu verteidigen und nicht zu verlieren."

2500 Fans reisen mit

Geschichte schreiben könnten die Young Boys darum, weil seit Servette im Cupsieger-Cup 1971 auf der Charmilles kein Schweizer Team mehr gegen Liverpool gewonnen hat. Das wertvollste Auswärtsresultat – in vier helvetischen Anläufen – realisierte in der ersten Gruppenphase der Champions League 2002/03 der FC Basel mit dem 1:1. Damals war der FCB von 2500 stimmgewaltigen Fans nach England begleitet worden. Auf einen ähnlichen Support werden heute auch die Young Boys zählen können. Über diverse Routen trat ungefähr die gleiche Anzahl Berner Fans die Reise nach Liverpool an. Ein würdiger Rahmen ist an der Anfield Road gegeben.

Liverpools Trainer Brendan Rodgers hat im Vorfeld der Partie angedeutet, dass er die Partie nicht auf die leichte Schulter nehmen wird. Der sehr dichte Spielplan mit vier Spielen innerhalb von zehn Tagen und die Aussicht auf einen "Schontag" am übernächsten Donnerstag lassen den 39-jährigen Nordiren Änderungen in der Startformation vornehmen. Die lokalen Beobachter gehen dennoch davon aus, dass Rodgers wegen der Chance, sich vorzeitig für die Sechzehntelfinals zu qualifizieren, Captain Steven Gerrard und Goalgetter Luis Suarez von Beginn weg bringen wird. Anders als beim Hinspiel in Bern, als die YB-Fehler beim 3:5 von der B-Auswahl der "Reds" bestraft worden waren und Gerrard und Co. dies vom heimischen Sofa aus registrierten.