Copa America

Teure Tickets: Leblose Stadien statt Latino-Partys an der Copa America

Leblose Latino-Party: Eine Anhängerin Brasiliens beim Spiel gegen Venezuela.

Leblose Latino-Party: Eine Anhängerin Brasiliens beim Spiel gegen Venezuela.

Der tief in den Fifa-Skandal verstrickte Kontinentalverband Conmebol hat sich bei der Copa America an der Preisschraube verdreht – mit Absicht. Die üblichen Fussballfans werden ausgeschlossen durch die hohen Preise, doch der Verband macht trotzdem keine Verluste.

Gleich dreimal brandete kurz Jubel auf im halbleeren Stadion Fonte Nova in Brasiliens Grossstadt Salvador, doch alle drei Treffer annullierte danach der Video-Schiedsrichter. Mit dem 0:0 gegen Venezuela hat Copa-America-Gastgeber Brasilien den vorzeitigen Viertelfinal-Einzug verpasst und bangt nun um den angepeilten Gruppensieg. Doch nicht nur wegen der sportlich bescheidenen Darbietungen der Seleção kommt im Fussballland Brasilien kaum Stimmung auf.

Bereits beim Eröffnungsspiel der Copa America verstand Brasiliens Captain Dani Alves die Welt nicht mehr. Die Kommandos von Nationaltrainer Tite im Morumbi-Stadion von São Paulo waren selbst für die Fans fast mühelos zu hören. Rio de Janeiros Tempel Maracanã verzeichnete am Sonntag sogar den schlechtesten Besuch im Zyklus der Gross-Events.

Nach dem ersten Gruppenspieltag der 46. Auflage der Südamerika-Meisterschaft muss eine trauriges Zwischenbilanz gezogen werden: Der Latino-Party fehlt das Heissblut. Kein Stadion war ausverkauft, die Auslastung lag bei rund 40 Prozent. Einzig die chilenischen Fans machten beim 4:0 gegen Japan im zu einem Drittel besetzten Stadion Krach. Vorherrschend war Stille, die Gleichgültigkeit ausdrückt.

Zweifelsohne besser als Krawall und Gewalt, die seit Jahren hässlichen Fratzen der südamerikanischen Fussball-Ekstase. Die Hochpreis-Politik des Kontinentalverbandes Conmebol geht auf. Was den Ausschluss der pöbelnden Fans und die Kasse angeht. Dass dabei die Stimmung verloren geht, ist den Organisatoren anscheinend egal.

Rückblende: 24. November 2018. Kurz vor dem Final-Rückspiel des Libertadores Cup, Pendant zur Champions League, bombardieren Fans von River Plate in Buenos Aires den Teambus des Rivalen Boca Juniors mit Wurfgeschossen. Gegenüber der Lage ohnmächtig, verlegt die Conmebol kurzerhand das Spiel nach Madrid und raubt damit Argentiniens Hauptstadt eines der grössten Sportereignisse ihrer Geschichte.

95 Franken für ein Ticket

Wer Geld hatte, flog über den Teich. Der Rest guckte in die Röhre, sprich den Fernseher. Wer jetzt Geld hat, geht bei der Copa America ins Stadion. Der Normalsterbliche bezahlt in der Vorrunde in der billigsten Kategorie immerhin nur 60 Real (16 Franken). Die 47 619 zahlenden Zuschauer bei Brasiliens 2:0 gegen Bolivien blechten laut Organisatoren jedoch 368 Real (95 Franken) im Schnitt. Auch beim zweiten Gruppenspiel gegen Venezuela wurde ausverkauft vermeldet.

In Tat und Wahrheit blieben bei den 39 622 zahlenden Fans mehr als 10 000 Sitze frei. Noch dubioser: Beim Abendspiel Bolivien - Peru sassen im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro 26 346 Zuschauer, doch 8796 Fans, also ein Drittel, sollte mit Freikarten in den Fussballtempel reinspaziert sein, damit das Stadion nicht komplett verwaist aussieht.

Zahlen, die bei aller Offenheit vor allem angesichts der Korruptionsvergangenheit in den südamerikanischen Verbänden Zweifel aufwerfen. Denn weniger Fans heisst heuer nicht weniger Geld. Der bisherige Zuschauerschnitt von rund 25 000 wäre in der brasilianischen Saison nicht einmal Top fünf. Doch die Einnahmen von 1,95 Mio. Franken pro Partie sind viermal so hoch wie der Durchschnitt von Brasiliens Klassenprimus SE Palmeiras aus São Paulo.

Die Kassenhäuschen an den Copa-Stadien bleiben für das «Fussvolk» verschlossen, Tickets gibt es für horrende Preise nur online oder in den elitären Shops der Gastgeberstädte. Gentrifizierung nennen die Experten diese Austausch-Strategie vom Pöbel zum Yuppie, die in Europa dennoch die Arenen füllen, aber so nicht einfach auf Südamerika zu kopieren ist. Da klingt der Titelsong «Vibra Continente», möge der Kontinent vibrieren, fast wie Hohn.

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