Neustart
Start in eine neue Ära: Nati-Trainer Petkovics Mut, die Fesseln zu lösen

Für die Nationalmannschaft beginnt im Spiel gegen England eine neue Zeitrechnung: Trainer Vladimir Petkovic muss beweisen, dass er dasZeug zu einem grossen Trainer besitzt.

Etienne Wuillemin
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Der neue Nationaltrainer Vladimir Petkovic setzt auf Kontnuität und will gleichzeitig neue Anreize schaffen.

Der neue Nationaltrainer Vladimir Petkovic setzt auf Kontnuität und will gleichzeitig neue Anreize schaffen.

Keystone

Genau 60 Tage ist es her. WM-Achtelfinal. Schweiz gegen Argentinien. Der leidenschaftliche Kampf, lange steht es 0:0. Der späte Frust, Messi legt für Di Maria zum entscheidenden Tor auf. Das grosse Pech danach, als Dzemailis Kopfball nur an den Pfosten fliegt. Erinnerungen an das Ende der Ära von Ottmar Hitzfeld nach sechs Jahren als Nationaltrainer.

Ein schwieriges Erbe

Nun hat Vladimir Petkovic die Führung des Schweizer Nationalteams übernommen. Es ist ein schwieriges Erbe. Nicht primär, weil Hitzfelds Leistungsausweis mit der Schweiz derart imposant wäre. Das ist er nicht. Aber Hitzfelds Erfolge aus der Vergangenheit sind noch immer prägend in den Köpfen vieler. Entsprechend gross ist seine Lobby.

Klar ist: Diese Schweizer Mannschaft hat ihren Leistungszenit noch nicht erreicht. Und genau da steckt auch das Dilemma für Petkovic. Am 8. September startet bereits die EM-Qualifikation gegen England. Viel Zeit, um seine eigenen Ideen einzubringen, hatte und hat Petkovic also nicht. Trotzdem steht er von Anfang an unter Druck. Wenn er keinen Erfolg hat, heisst es schnell: «Unter Hitzfeld war alles besser!» Obwohl es logisch ist, dass gewisse Veränderungen, die ohne Zweifel nötig sind, eigentlich Zeit brauchen. Wenn Petkovic Erfolg hat, ohne viel zu ändern, werden viele sagen: «Ist ja klar, Petkovic profitiert von Hitzfeld!» Eigentlich müsste der 51-jährige Petkovic also gleichzeitig seinem Team behutsam seine eigene Handschrift vermitteln und nebenbei siegen, siegen, siegen.

Petkovic setzt Reizpunkte und redet sein Team stark

Das Spiel im Juni 2011, als die Schweiz letztmals gegen England spielte (2:2), war der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Der richtige Moment für den Umbruch nach den Rücktritten der Stürmer Frei und Streller. Nun ist zwar Torhüter Benaglio zurückgetreten. Aber das ist kaum ein Thema, Yann Sommer übernimmt und alles bleibt so gut, wie es war. Ansonsten kann Petkovic auf dasselbe Personal zählen. Diese EM-Qualifikation ist eine günstige Gelegenheit, etwas zu wagen. So weit wird es diesmal nicht kommen. Muss es auch nicht. Trotzdem ist die Gelegenheit für Petkovic in dieser EM-Qualifikation günstig, etwas zu wagen. Er kann der Schweiz mehr Offensiv-Lust verpassen und die hitzfeldschen Fesseln etwas lösen. Denn nicht nur der Gruppenerste, sondern auch der Zweite ist direkt für die EM in Frankreich qualifiziert. Der Dritte bestreitet immerhin noch die Barrage. Die weiteren Gegner der Schweiz neben England heissen: Slowenien, Litauen, Estland und San Marino – nicht gerade furchteinflössend.

Neue Reizpunkte im Mittelfeld

Bei der Präsentation und erklärte Petkovic sein erstes Aufgebot. Darin sind einige vielversprechende Zeichen zu erkennen. Es ist richtig, junge Spieler wie Benito oder Widmer möglichst früh erste «Nati-Luft» schnuppern zu lassen. Es ist auch richtig, Spieler wie Barnetta oder Ziegler trotz ihrer grossen Erfahrung nicht zu berücksichtigen. Und vor allem ist es richtig, im Mittelfeld neue Reizpunkte zu setzen und die zu starren Hierarchien aufzubrechen. Die Nominationen von Kasami und Frei sind ein erster Schritt.

Auch die Einstellung von Petkovic ist verheissungsvoll. Er sagt: «Wir können jeden Gegner dominieren und schlagen.» Und was Spieler angeht, die derzeit oder später in ihren Klubs nicht immer Stammspieler sind, lautet sein Credo: «Niemals den Kopf hängen lassen! In schwierigen Zeiten zeigen sich richtige Männer. Und ich brauche richtige Männer.»

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