Europa League
Standing Ovation für den FCZ: Die Zürcher besiegen Bayer Leverkusen hochverdient mit 3:2

Der FC Zürich hat mit einer starken Leistung einen grossen Schritt Richtung Sechzehntelfinals in der Europa League gemacht. Die Zürcher feierten mit dem begeisternden 3:2-Heimsieg gegen Leverkusen den dritten Sieg im dritten Spiel.

Markus Brütsch
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Antonio Marchesano (links) dreht jubelnd ab. Er hat für den FC Zürich zum 1:0 getroffen gegen Leverkusen.
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FCZ - Leverkusen 3:2
Und es kommt noch besser: Stephen Odey feiert seinen 3:2-Treffer.
Dabei bleibt es: Salim Khelifi, Hekuran Kryeziu und Toni Domgjoni feiern nach dem Abpfiff ihren historischen Sieg.
Grosse Emotionen: Die FCZ-Fans während des Matches.
FCZ-Coach Ludovic Magnin gibt Anweisungen. Offenbar waren es die richtigen.
Magnin feiert natürlich mit.
Leverkusen-Coach Heiko Herrlich dagegen hat keinen Grund zur Freude.
Die Startaufstellung des FCZ gegen Leverkusen.
Stephen Odey vom FCZ jubelt nach dem Sieg.

Antonio Marchesano (links) dreht jubelnd ab. Er hat für den FC Zürich zum 1:0 getroffen gegen Leverkusen.

KEYSTONE

Die letzten Sekunden verlangen den Nerven von Spielern und Fans des FCZ noch einmal alles ab. Die Gastgeber führen mit 3:2, gestehen den Leverkusenern aber tief in der Nachspielzeit einen letzten Corner zu – und plötzlich liegt die Kugel nach dem Kopfstoss von Sven Bender im Netz und die Leverkusener bejubeln den 3:3-Ausgleich. Aber nicht lange, denn dann schreitet Alyar Aghayev aus Aserbaidschan zur Tat und annulliert den Treffer. Die Deutschen sind entsetzt, die Schweizer erleichtert.

«Er hat einen Geist gesehen», sagt Leverkusens Lars Bender danach. Vielleicht nicht einen Geist, aber gewiss ist der Schiedsrichter auf eine Schauspieleinlage des Zürchers Hekuran Kryeziu hereingefallen, der ganz nahe bei Lars Bender stand und sich wie vom Blitz getroffen fallen liess, obwohl der Leverkusener Captain überhaupt nichts Regelwidriges getan hatte. «Da haben wir viel Glück gehabt», räumte FCZ-Trainer Ludovic Magnin ein.

Was nichts daran änderte, dass der Sieg des FC Zürich hochverdient und leistungsgerecht war. Und der schwache Spielleiter zuvor gleich drei Leverkusener Spieler hätte vom Platz stellen müssen. Einmal, als Tin Jedvaj die Notbremse gegen Stephen Odey zog, der alleine aufs Gästetor hätte zusteuern können. Einmal, als der frühere Basler Aleksandar Dragovic Odey den Ellbogen ins Gesicht schlug und einmal, als der Jamaikaner Leon Bailey mit voller Absicht auf den Oberschenkel von Pa Modou trat.

FCZ mit einem Bein weiter

Danach aber waren diese Erkenntnisse nicht mehr von Bedeutung, denn mit dem FCZ hatte die richtige Mannschaft gewonnen und gezeigt: Der Schweizer Klubfussball lebt, und wie! Zwei Tage nach dem Steigerungslauf der Young Boys in der Champions League zu einer beeindruckenden Leistung und einem mehr als verdienten Unentschieden gegen den FC Valencia hatte der FC Zürich in der Europa League auf überaus überzeugende Weise nachgelegt.

Mit einer spielerisch, kämpferisch und mental einwandfreien Leistung besiegte er Bayer Leverkusen 3:2. Er steht damit bei Halbzeit in der Gruppenphase mit neun Punkten aus drei Spielen sensationell an der Spitze. Weil sich in der Parallelpartie Larnaca und Rasgrad unentschieden trennten, hat der FCZ acht Punkte Vorsprung auf Rang 3 und steht nun mit einem Bein in den Sechzehntelfinals der Europa League.

Nach zwei Unentschieden und acht Niederlagen hatte es der FCZ im elften Anlauf erstmals geschafft, einen Bundesligisten zu schlagen. «Das zeigt, dass auch in der Schweiz gut gearbeitet wird», sagte Magnin, der sein Team perfekt auf den Gegner eingestellt, ihm jede Furcht vor dem Bundesligagegner genommen und ihn dazu animiert hatte, den verunsicherten Gegner wenn immer möglich früh zu attackieren.

Erscheinen normalerweise deutsche Klubs mit breiter Brust in Schweizer Stadien, so steckte der schwache Meisterschaftsstart den Gästen deutlich in den Kleidern. Sie wirkten zu jeder Zeit angeschlagen und brachten eine Halbzeit lang keinen Ball auf das Zürcher Tor, die FCZ-Führung durch Antonio Marchesano (44.) war indes angesichts der guten Chancen viel zu knapp.

Voller Gier und Selbstvertrauen

Ein Doppelschlag von Karim Bellarabi (50./53.) gleich nach der Pause stellte den Spielverlauf auf den Kopf, doch der FCZ bewies Moral und schlug mit Toren von Toni Domgjoni (59.) und Odey (78.) zurück. «Viele Mannschaften wären nach diesen Gegentoren eingebrochen. Meine hat weitergemacht», sagte Magnin. Der 20-jährige Captain Kevin Rüegg, der überragend aufgetreten war, sagte: «Wir sind gierig, voller Selbstvertrauen und jetzt seit neun Spielen ungeschlagen.»

Der FCZ zeigte eine derart reife Leistung, dass man sich nur die Augen reiben konnte. Und hatte man ihm noch wochenlang vorgeworfen, keine Tore schiessen zu können, hat er nun gegen YB und Leverkusen mit sechs Toren innerhalb von fünf Tagen das Gegenteil bewiesen. Die 12'000 Zuschauer dankten es in der Schlussphase, indem sie sich von den Sitzen erhoben und die Mannschaft mit einer Standing Ovation feierten. «Der FCZ spielte genau so, wie wir es erwartet hatten, mit ganz viel Herz und Leidenschaft», sagte der Leverkusener Trainer Heiko Herrlich. Der 46-Jährige spielt nun in Bremen um seine letzte Chance, Bayer-Trainer zu bleiben.

Für den Schweizer Klubfussball aber war es eine gute Woche. Er hat nach einigen Enttäuschungen am Anfang der internationalen Saison gezeigt, dass er besser ist, als viele zu glauben meinten.

Matchtelegramm

Zürich - Leverkusen 3:2 (1:0)

12'427 Zuschauer. – SR Aghajew (AZE). – Tor: 44. Marchesano 1:0. 50. Bellarabi 1:1. 53. Bellarabi 1:2. 59. Domgjoni 2:2. 78. Odey 3:2.

Zürich: Brecher; Rüegg, Bangura, Maxsö, Pa Modou; Hekuran Kryeziu, Domgjoni; Winter (58. Khelifi), Marchesano (90. Nef), Kololli (79. Rodriguez); Odey.

Leverkusen: Hradecky; Jedvaj, Dragovic (46. Weiser), Sven Bender, Wendell; Kohr, Lars Bender; Bellarabi, Havertz, Bailey (79. Brandt); Kiese Thelin (46. Volland).

Bemerkungen: Zürich ohne Palsson, Aliu, Kempter, Rohner und Omeragic (alle verletzt). Leverkusen ohne Tah (verletzt). – 36. Pfostenschuss von Maxsö. 94. Tor von Sven Bender wegen Foul aberkannt. – Verwarnungen: 20. Pa Modou. 42. Bailey. 88. Rodriguez (alle Foul). 94. Lars Bender (Unsportlichkeit).