Challenge League
Sportdirektor Erdal Keser: «Wir sind Wiler und wollen in Wil bleiben»

Der FC Wil ist in türkischen Händen – der neue Sportdirektor Erdal Keser spricht im Interview mit der «Nordwestschweiz» über Skepsis gegenüber den Investoren und deren Europacup-Träume.

François Schmid-Bechtel
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Wils Sportdirektor Erdal Keser

Wils Sportdirektor Erdal Keser

Andy Mueller/freshfocus

Was wollen Sie mit dem FC Wil erreichen?

Erdal Keser: Wir planen langfristig. Ziel ist es, den FC Wil langfristig in der Super League zu etablieren. Das bedingt, dass wir in naher Zukunft aufsteigen.

Was heisst in naher Zukunft?

Wir wollen natürlich sofort aufsteigen, wenn es uns die Konkurrenz erlaubt. Mit Aarau, Wohlen, Winterthur und Schaffhausen haben wir Konkurrenten, die wir alle respektieren. Ausserdem wollen wir eines Tages im Europacup mitmischen.

Das sind grosse Ziele für einen Klub, der in einem kleinen Stadion spielt. Ziehen Sie einen Umzug in Betracht?

Nein, wir sind Wiler und wollen in Wil bleiben. Wenn wir die sportlichen Erfolge haben, die es uns erlauben, international zu spielen, werden wir vorgängig die nötigen Massnahmen getroffen haben.

Was ist denn der Anreiz für die türkische Holding MNG, in den Schweizer Fussball zu investieren?

Mehmet Nazif Günal, dem die MNG gehört, ist zwar von Haus aus Diplomierter Bauingenieur, aber auch ein grosser Fussball-Liebhaber. Ausserdem hat er als Fussball-Funktionär schon Erfahrungen bei Fenerbahçe Istanbul gesammelt. Und nun hat sich Günal in den Kopf gesetzt, seine sportlichen Ziele mit einem Klub zu erreichen, der auch seine Visionen mitträgt. Zu diesem Zweck ist der FC Wil die ideale Adresse. Unsere langen Recherchen haben ausserdem ergeben, dass wir der Partner sind, den der FC Wil schon lange herbeigesehnt hatte. Nun haben sich zwei gefunden, die sich schon lange gesucht haben.

Aber warum die Schweiz und nicht die Türkei, Rumänien oder irgendwo?

Wir haben uns auch in anderen Ländern umgeschaut. Aber die Schweiz und der FC Wil haben am besten gepasst.

Wie lautet die Vision?

Wir wollen den FC Wil in näherer Zukunft zu einer wichtigen Adresse im Schweizer Fussball machen. Junge, hoffnungsvolle Schweizer Fussballer sollen sich in Zukunft um ein Engagement beim FC Wil reissen. Und wir wollen für Bewegung im Schweizer Fussball sorgen.

Wie sieht die sportliche Ausrichtung aus? Strebt man wie bis dato mit Altstars den Erfolg an?

Bestandene Spieler mit Führungsqualitäten sind natürlich sehr wichtig. Aber wir wollen eine homogene Mischung. Die Routiniers müssen helfen, unsere jungen Spieler besser zu machen. Dabei geht es nicht darum, diese zu einem späteren Zeitpunkt teuer zu verkaufen.

Soll das Investment in Wil also nicht ertragsreich sein?

Nein. Wir betrachten den FC Wil nicht als Spielerbörse oder Spekulations-Objekt. Wir wollen sportlichen Erfolg. Und zwar nachhaltig. Das sportliche Resultat steht bei uns immer über dem finanziellen Ergebnis.

Was passiert, wenn Mehmet Nazif Günal die Lust am FC Wil verlieren sollte?

Ich schätze Günal nicht so ein, dass er von einem auf den anderen Tag aussteigt. Zudem denkt, plant und handelt er weitsichtig. Klar, ich verstehe die Befürchtungen in der Schweiz, weil man mit ausländischen Investoren mehrheitlich negative Erfahrungen gemacht hat. Ich verstehe total, dass man unsere Sache kritisch beäugt. Aber man sollte uns fair behandeln und erst mal unsere Arbeit machen lassen, bevor man urteilt. Das ist das einzige, was ich erwarte. Und ich betone nochmals: Wir wollen hier langfristig etwas aufbauen.

Dölf Früh, der Präsident des FC St. Gallen, hat die bestehende Kooperation im Nachwuchsbereich mit dem FC Wil in Frage gestellt.

Ich habe nur aus den Medien davon erfahren und finde diese Aussage unglücklich, wenn sie denn wirklich so gemacht worden ist. Bis jetzt haben wir mit Dölf Früh noch kein Gespräch geführt. Was ich aber garantieren kann: Wir werden gegenüber dem FC St. Gallen bestimmt nicht vertragsbrüchig – das werden wir nie.

Schmerzt die Skepsis, die Sie spüren?

Sie überrascht mich nicht. Ich finde sie sogar legitim, wenn man bedenkt, was früher mit ausländischen Investoren alles schlecht gelaufen ist. Ich appelliere einfach nur an die Fairness.

Für einen Türken tönt das ziemlich emotionslos.

Klar, wir sind emotionale, warmherzige Menschen. Die türkische Gastfreundschaft ist in Europa aussergewöhnlich. Aber es ist nicht so, dass ich mich in der Schweiz unwillkommen fühle. Insbesondere in Wil spüre ich viel Unterstützung. Wenn sich der Erfolg einstellt, dreht sowieso alles ins Positive.

Wil hat ein Budget, das doppelt oder dreifach so hoch ist wie jenes der Konkurrenz. Spüren Sie Neid?

Unsere Vorwärtsstrategie kostet in der Tat etwas. Aber von Neid habe ich bis jetzt nichts gespürt. Falls Neid aufkommt, sehe ich darüber hinweg.

Es geht das Gerücht um, Sie hätten keine Ahnung vom Schweizer System und seien überrascht gewesen über die Höhe der Sozialabgaben.

Das ist doch Quatsch. In allen anderen Ländern sind die Sozialabgaben viel höher (lacht). Wer sich davon überraschen lässt, ist nicht von dieser Welt.

Hat Sie überhaupt irgendetwas überrascht?

Nein, denn ich kenne die Schweiz und das Volk ziemlich gut. Ich bewundere die Disziplin der Menschen. Und die Professionalität, die sich durch alle Berufszweige zieht. Ich bin mit der Schweizer Liebe zum Detail sehr einverstanden.

Können Sie garantieren, dass MNG auch in vier Jahren noch mit an Bord ist und der FC Wil dann im Europacup spielt?

Wir sprechen doch über Fussball. Im Fussball kann man für nichts eine Garantie abgeben. Einzig, dass wir mit den Wilern zusammen alles für den Erfolg unternehmen werden, kann ich garantieren. Wozu das reicht... Nochmal, wir respektieren unsere Gegner. Das sind keine Luschen.

Werden wir die spektakulären Neuzugänge wie den 25-fachen brasilianischen Nationalspieler André Santos gegen Aarau erstmals sehen?

Ich hoffe, dass wir bis heute alle bürokratischen Hürden übersprungen haben.

Und Mehmet Nazif Günal wird sich in Wil blicken lassen?

In naher Zukunft bestimmt. Übrigens: Günal war beim Auftaktspiel in Winterthur auch da. Aber er ist keiner, der sich gross in Szene setzt.

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