Spanien - Portugal – die Kollision der Kulturen

Cristiano Ronaldo

Cristiano Ronaldo

Beim intraiberischen Achtelfinalduell geht es nicht nur um Fussball, sondern auch um Politik, Abgrenzung und Provokation

Ronny Blaschke, kapstadt

Sie würden gern ein Fussballspiel veranstalten. Doch wenn Spanien im Achtelfinal einer Weltmeisterschaft auf Portugal trifft, dann kann es nicht ausschliesslich um Fussball gehen. So nah sich die Nachbarn der Iberischen Halbinsel auf dem Rasen sein mögen, in Tempo, Raffinesse, Egozentrik, in ihrem Selbstverständnis könnten sie unterschiedlicher nicht sein, und so wird das Duell im Greenpoint Stadion Kapstadts (heute, 20.30 Uhr) doch irgendwie auch zu einer Kollision der Kulturen.

Es sind keine plumpen Provokationen, an denen sich die Gegensätze aufreihen. Es sind Symbole, die nicht sofort auffallen. Lange hat eine gelbe Paspelierung das weinrote Trikot der Portugiesen geziert. Der Streifen lief entlang der Brustnähte, er sollte ein Schiffstau symbolisieren, als Bekenntnis zur Vergangenheit Portugals als eine der mächtigsten Seefahrernationen, als Heimat des Entdeckers Vasco da Gama. Die Spanier sind noch immer auf der Suche nach vereinenden Symbolen. Sie haben den Marcha Real, den Königlichen Marsch, eine der wenigen Nationalhymnen ohne Text, ohne Strophen. Vor jedem Spiel lauschen die elf Auserwählten auf dem Platz schweigend ihrer Melodie.

Spanier wie Portugiesen verstehen ihren WM-Dienst als nationales Ehrenamt, das ist keine Überraschung, nur wird das von ihren Landsleuten nicht mit gleicher Hingabe bewertet. Die Portugiesen hatten seit der Gründung ihres Fussballverbandes 1914 stets die Absicht, sich vereint unter ihrer Flagge mit anderen Nationen zu messen. Ihr erstes Länderspiel bestritten sie im Dezember 1921 gegen Spanien (1:3). Sie beförderten Kicker wie Eusébio zu Helden. Noch immer gilt ihr dritter Platz bei der WM 1966 in England als Sternstunde. Eusébio war mit neun Treffern Torschützenkönig geworden. Die Spanier dagegen tun sich schwer, ihre Nationalmannschaft als Hort der Gemeinschaft zu respektieren, manchmal messen sie ihr gar eine trennende Kraft bei.

Ein Beispiel lieferte Ende der Saison Xavier Hernández i Creus, besser bekannt als «Xavi». Der Mittelfeld-Artist des FC Barcelona verletzte sich Anfang Mai an der Wade, er hätte sich fünf Wochen vor der Weltmeisterschaft schonen können, doch er riskierte seine Gesundheit für Barca, seinen Verein, seine Region. Barca verteidigte die Meisterschaft und Xavi wurde als prägende Figur gefeiert. Doch im Rest des Landes wurde wieder einmal die Frage gestellt: Ist die spanische Auswahl für die Katalanen nur ein Anhängsel?

Zugrunde liegt dieser Stimmung das Streben der Regionen nach Unabhängigkeit. Katalonien oder das Baskenland distanzieren sich von der zentralistischen Regierung in Madrid. Das Baskenland oder Katalonien nutzen den Fussball als Plattform, um für ihre politischen Ziele zu werben. Sie tragen eigene Spiele aus, wo schon Transparente für inhaftierte Terroristen der baskischen Untergrundorganisation ETA gesichtet worden sind.

Die Portugiesen verfolgen die Debatten, die sich an der spanischen Selección entzünden, gelassen aus der Distanz. Sie betrachten sich als den kleinen, manchmal unterschätzten Nachbarn. Was könne ein Team einer Nation von knapp elf Millionen Menschen schon ausrichten gegen ein Land mit einer viermal so grossen Bevölkerung? Eine Antwort könnte die kulturelle Kollision von Kapstadt liefern.

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